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Handball:Eine neue Ära dämmert

1 Handball Bundesliga THW Kiel Flensburg Handewitt Kiel 12 9 2019 Kein Durchkommen Magnus Röd

Dagegengestemmt: Die Kieler Magnus Landin Jacobsen (links) und Domagoj Duvnjak halten Flensburgs Magnus Röd auf.

(Foto: imago images / Beautiful Sports)

Beim turbulenten 28:24-Erfolg über Titelverteidiger SG Flensburg deutet Rekordmeister THW Kiel an, die alte Hierarchie in der Bundesliga wiederherzustellen.

Beim Handball-Bundesligisten THW Kiel ist es nicht so einfach, an einen der 10 285 Plätze in der Halle zu kommen - wer eine Dauerkarte besitzt, behält sie meist und vererbt sie höchstens. Das hat dazu geführt, dass das Kieler Publikum ziemlich in die Jahre gekommen ist. Viele Zuschauer, die am Donnerstag auf ihren Stammplätzen saßen, haben schon die meisten der nun 60 Siege des THW in den 101 Schleswig-Holstein-Derbys gegen die SG Flensburg-Handewitt miterlebt. Die erste Bundesliga-Partie der beiden Klubs fand am 3. November 1979 in Flensburg statt, der damalige Aufsteiger von der dänischen Grenze gewann 18:17 - da war der THW noch weit davon entfernt, zum deutschen Rekordmeister aufzusteigen.

Nach dem 28:24 der Kieler an diesem Donnerstagabend hatten die Stammgäste nun das Gefühl, als könnten sie Zeugen gewesen sein, wie eine neue THW-Ära heraufdämmert. Eine, in der der aktuelle Meister aus Flensburg wieder zum Verfolger herabgestuft wird und Kiel wieder seinem hohen Anspruch gerecht werden könnte als Titelaspirant Nummer eins.

Allerdings war die neueste Auseinandersetzung eine mit großen Schwankungen auf beiden Seiten. Nach der ersten Halbzeit führten die Gastgeber 18:13, ihr neuer Trainer Filip Jicha bezeichnete sie als "die beste unter meiner Leitung". Dann aber kamen die Flensburger mit einer 5:0-Serie zurück, Jicha stellte einen Bruch im Spiel seines Teams fest. "Sieben Minuten haben wir geschlafen", sagte Kapitän Domagoj Duvnjak, der in dieser Phase weitgehend auf der Bank saß. Danach habe sich die Mannschaft aus dem Tief "wieder selber herausgezogen", lobte THW-Geschäftsführer Viktor Szilagyi.

Vor einem Jahr hatten die Kieler ihre Titelchance innerhalb von fünf Tagen im September quasi schon verspielt mit Niederlagen in Flensburg und Magdeburg - das hätte nun erneut passieren können nach der 31:32-Niederlage in Magdeburg, wiederum fünf Tage zuvor. Die SG hatte in der Vorsaison dagegen die erste von nur zwei Pleiten erst am 25. Spieltag kassiert - nun hat Flensburg schon nach fünf Partien erstmals verloren. Beides hat durchaus tiefergehende Gründe.

Da sind zunächst einmal die Kieler Fortschritte. Flensburgs Meistercoach Maik Machulla hatte seinem Kollegen Jicha schon vor dem Derby "tolle Arbeit" bescheinigt. Jicha habe gegenüber seinem Vorgänger, dem Trainer-Altmeister Alfred Gislason, einige Dinge konsequent verändert: Kiel spiele jetzt geduldiger, der Ball laufe länger, zudem wechsle Jicha viel mehr als sein Vorgänger und die Abwehr sei offensiver ausgerichtet. "Filip ist kreativ", bescheinigte Machulla.

SG-Trainer Machulla klagt, in den letzten Spielen habe man "die Aggressivität verloren"

Alle diese positiven Aspekte wurden in den besten Phasen des THW deutlich. Dazu wird das Team weiterhin von Siegertypen befeuert, wie Jicha einst selbst einer war: vom ehemaligen Welthandballer Duvjnak, der seinen Vertrag gerade um zwei Jahre verlängerte, aber auch von Patrick Wiencek und dem überragenden Keeper Niklas Landin, der beim Stand von 23:23 mit einigen Paraden den Ausschlag zugunsten der Kieler gab.

Die Flensburger dagegen vermissten deutlich den zum ungarischen Klub Vezprem abgewanderten Spielmacher Rasmus Lauge, mehr noch als den pensionierten Abwehrchef Tobias Karlsson. Jim Gottfridsson, der Mann, der nun das Spiel lenken soll, erwischte einen schwarzen Tag. "Ich glaube, dass 80 Prozent unserer technischen Fehler von mir begangen wurden", befand er selbstkritisch und rief Kiel zum "Titelfavoriten in diesem Jahr" aus. Zudem hat der in der vorigen Saison überragende Torwart Benjamin Buric offenbar mit den Folgen der Meisterfeiern zu kämpfen. Er soll mit Übergewicht aus dem Urlaub zurückgekommen sein und hat seinen Stammplatz vorerst an Torbjörn Bergerud verloren. Zudem beklagte Trainer Machulla, in den letzten drei, vier Spielen habe man "die Aggressivität verloren" und zu viele Fehler gemacht.

Ob in Kiel tatsächlich eine neue Ära anbricht, wird man auch am Sonntag sehen. Dann spielt der THW nach 504 Tagen Absenz wieder in der Champions League, daheim gegen den Final-Four-Teilnehmer PGE Kielce aus Polen mit dem ehemaligen THW-Torsteher Andreas Wolff. Ziel im internationalen Wettbewerb ist die Endrunde in Köln. Dorthin will freilich auch Flensburg, das seine Europa-Tour am Sonntag in Celje/Slowenien startet.