Andy Schmid:Der geniale Handballer geht

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Andy Schmid: Abschied mit einer Träne im Auge: Der Schweizer Andy Schmid verlässt nun die Bundesliga.

Abschied mit einer Träne im Auge: Der Schweizer Andy Schmid verlässt nun die Bundesliga.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Seine präzisen Pässe machten den Schweizer Andy Schmid bekannt. Tatsächlich war die mentale Stärke des Spielmachers für den Erfolg der Rhein-Neckar Löwen genauso wichtig. Nun nimmt er Abschied.

Von Michael Wilkening, Mannheim

"Die Mannschaft braucht dich jetzt", sagte Nikolaj Jacobsen und schickte Andy Schmid in die Verantwortung. Der Trainer schubste ihn vielmehr aufs Feld, als seine Rhein-Neckar Löwen alles zu verspielen drohten. Schmid, der Spielmacher, war im Mai 2016 bereits zweimal zum besten Spieler der Handball-Bundesliga gewählt worden, er hatte mit zauberhaften Anspielen an den Kreis die Fans begeistert, aber Meister zu werden mit seinem Team, das hatte er nicht geschafft. Und auch nun, bei diesem entscheidenden Spiel in Wetzlar, so schien es, sollte sich dieses Schicksal wiederholen.

Dann vollzog Schmid die Wandlung vom genialen Handballer hin zum Gewinner.

Andy Schmid: Ein letztes Hurra: Andy Schmid wird nach dem letzten Spiel der Saison zum Abschied auf Händen getragen.

Ein letztes Hurra: Andy Schmid wird nach dem letzten Spiel der Saison zum Abschied auf Händen getragen.

(Foto: Max Krause/Imago)

"Andy ist unser Anführer, er ist dafür da", sagte Mitspieler Kim Ekdahl du Rietz später einmal- nachdem Schmid seine Mannschaft endlich zum entscheidenden Sieg geführt hatte. Mit sieben Toren, allesamt erzielt in den letzten 18 Minuten, hatte der Schweizer für den Sieg der Löwen bei der HSG Wetzlar gesorgt- zwei Wochen später waren die Badener erstmals deutscher Meister.

Als am Mittwochabend die Bilder der zurückliegenden Jahre auf der Videowand in der Mannheimer Arena gezeigt wurden, waren die Szenen der Wandlung aus Wetzlar nicht darunter. Dabei bildeten sie den Wendepunkt in der Karriere von Schmid, der die Selbstzweifel verscheuchen musste, um zu einer Legende seiner Sportart werden zu können. Beinahe jeder der knapp 11.500 Zuschauer hatte bis weit nach Spielschluss ausgeharrt, um ihn zu verabschieden. Schmid wuchs zwölf Jahre lang bei den Rhein-Neckar Löwen von einem außergewöhnlich guten Handballspieler zu einer Führungspersönlichkeit. Jetzt verlässt er die große Bühne. Nicht nur die Löwen, sondern die gesamte Handball-Bundesliga verliert eine schillernde Figur.

Über Sieg oder Niederlage entschied fortan die Leistung des Spielmachers aus der Schweiz

Viel hatte nicht gefehlt, um den emotionalen Abend für Schmid und die Löwen-Fans nach zwölf gemeinsamen Jahren zu verhindern, denn im Sommer 2011, ein Jahr nach der Ankunft in Deutschland, wollte Schmid weg. In der Premierensaison hatte der sensible Schweizer kaum gespielt und fühlte sich im neuen Umfeld nicht wohl. "Das war wahrscheinlich die schwierigste Zeit meiner Karriere", sagt er heute über die Monate, in denen er zweifelte, sich aber doch entschloss, zu bleiben. Für die Löwen und für ihn selbst war das die wichtigste Entscheidung, es war der Aufbruch in die goldenen Jahre.

Fortan war Schmid das Zentrum der Löwen. Uwe Gensheimer, der gebürtige Mannheimer, war und ist das Aushängeschild des Klubs, über Sieg oder Niederlage entschied fortan die Leistung des Spielmachers aus der Schweiz. Schmid prägte das Spiel und machte die Löwen zu einem Anwärter auf die Meisterschaft. Es dauerte allerdings einige Jahre, ehe der Klub den ersten nationalen Titel gewann, weil Schmid zu einem Gewinner wurde. Nach einem dramatisch verlorenen Meisterschaftskampf 2014, als sich der THW Kiel nur wegen des minimal besseren Torverhältnisses durchsetzte, schien den Löwen zwei Jahre später die Energie zum großen Wurf zu fehlen. Mit einem Zähler Vorsprung auf die SG Flensburg-Handewitt fuhren die Badener nach Wetzlar, und bei allen im Klub war die Angst vor dem Scheitern größer als die Überzeugung, Meister werden zu können.

42 Minuten lang schlingerten das Team und sein Regisseur einer Pleite entgegen, ehe Trainer Jacobsen Schmid zurück aufs Feld schubste und dessen Karriere eine entscheidende Wendung gab. Die Zweifel des Spielmachers blieben, mit dem Sieg in Wetzlar und der ersten gewonnenen Meisterschaft zwei Wochen später entstand aber die Überzeugung, nicht nur Siege, sondern auch große Triumphe feiern zu können.

Zwei Jahre noch will er in Luzern spielen, dann soll die Trainerkarriere starten

Es gehört zu den Besonderheiten des Sports, dass manch geniales Anspiel von Schmid an den Kreis ein Internet-Hit wurde, die mentale Kraft des Löwen-Anführers hingegen nicht. Sie ist eben schwerer in Bilder zu fassen, dafür ablesbar an der Titelsammlung nach 2016. Zwei Meisterschaften und einen nationalen Pokalsieg feierten die Löwen mit Schmid, der diesen Trophäen mehr Wert beimisst als der Tatsache, dass er als erster Handballer fünfmal hintereinander zum besten Spieler der Bundesliga gewählt wurde.

Andy Schmid: War maßgeblich mitverantwortlich für die bislang einzigen beiden Bundesliga-Titel der Rhein-Neckar Löwen: Der Schweizer Andy Schmid, hier 2017 mit der Meisterschale in den Händen.

War maßgeblich mitverantwortlich für die bislang einzigen beiden Bundesliga-Titel der Rhein-Neckar Löwen: Der Schweizer Andy Schmid, hier 2017 mit der Meisterschale in den Händen.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Am Mittwochabend brillierte Schmid noch einmal in der SAP-Arena, die letztlich klare Niederlage gegen den THW Kiel vermochte er aber nicht zu verhindern. Die Löwen sind durch schlechte Management-Entscheidungen kein Topteam mehr, sie werden die Saison vermutlich auf dem zehnten Platz beenden. Nicht wegen, sondern trotz der Leistungen von Andy Schmid. Mit fast 39 Jahren war der Schweizer auch in seiner letzten Spielzeit der beste Löwenspieler.

Zwei Jahre wird Schmid seine Karriere als Spieler in der Heimat beim HC Kriens-Luzern fortsetzen. Anschließend möchte er als Trainer versuchen, die Erfolge zu wiederholen, die er als Spieler feierte. "Man sieht sich immer zwei Mal im Leben", sagte Schmid bei seiner Verabschiedung - es wäre verwunderlich, wenn die Rhein-Neckar Löwen und die Bundesliga kein Comeback des Schweizers in neuer Funktion erleben würden.

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