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Handball:Aus ohne Applaus

Deutschland, Würzburg, s.Oliver Arena, 11.10.2019, Handball, 2. Bundesliga, DJK Rimpar Wölfe - SG BBM Bietigheim Bild: v

„Wenn sich ein Torwart verletzt und der Trainer einen alten Sack brauchen kann, der sich auf die Bank setzt“ – dann würde Max Brustmann noch einmal zurückkehren.

(Foto: Heiko Becker/Imago)

Durch das Saisonende im Handball tritt Rimpars Torwart Max Brustmann heimlich, still und leise ab.

Eigentlich war alles bereitet. Oder wie es Max Brustmann selbst formuliert: "Es war wie gemalt." Das letzte Heimspiel der Saison, das brisanteste des Jahres, die Halle rammelvoll und die Stimmung derart mit Emotionen aufgeladen, wie es nur bei einem Derby gegen den HSC Coburg sein kann. "Besser hätte das Ende gar nicht sein können", sagt Brustmann. Er, der Torwart der Rimpar Wölfe, spricht im Konjunktiv, denn die Handball-Saison ist längst beendet - und damit auch seine Karriere.

Brustmann, 37, hätte Coburg gerne noch ein letztes Mal in die Verzweiflung getrieben, er hätte sich gerne noch ein letztes Mal von den Fans besingen lassen, und er hätte den Zuschauern gerne noch ein letztes Mal zugewunken, um dann abzutreten. All das bleibt ihm nun verwehrt: "Das muss ich akzeptieren, aber es ist ein bisschen schade." Brustmann sagt diesen Satz, vor lauter Trübsal, mit etwas leiserer Stimme als all die anderen Sätze.

Er hätte sich gerne auf seinen Abschied eingestimmt, die Tage gezählt, noch einmal die Sporttasche gepackt, er wäre noch einmal zur Würzburger Halle gefahren, hätte sich noch einmal umgezogen, wäre noch einmal eingelaufen, all das mit dem Wissen, dass es das letzte Mal sein wird. Vor gut zwei Wochen aber das abrupte Ende: Die Klubs entschieden sich in der Corona-Krise für einen Saisonabbruch. Brustmanns Karriereende, jäh und fremdbestimmt. Das macht es besonders schwer, Abschied zu nehmen.

Nun sagt er: "Ich habe meine Karriere schon ein bisschen Revue passieren lassen." Er spricht jetzt über eine Saison, die schon einige Jahre zurückliegt, ihm aber nicht aus dem Kopf geht, 2014/15, als Rimpar lange Zeit um den Aufstieg in die Bundesliga mitspielte. Brustmann könnte jetzt sentimental werden, doch er bleibt ganz nüchtern und erzählt bloß nach, wie die Saison verlaufen ist. Die Saison, in der er einer der besten Torhüter der Liga war. Wie auch in den Jahren danach.

Brustmann war vor allem eines: beständig. Er hat den Leuten stets ein Gefühl von Sicherheit gegeben, alleine durch sein Dasein. Wer von der Tribüne nach unten in den Kreis schaute, der sah Brustmann. Er stand immer da, Spiel für Spiel, Jahr für Jahr. Ob die Mannschaft nun gut beieinander war oder nicht, ob sie um den Aufstieg spielte oder gegen den Abstieg kämpfte, Brustmann war da. Immer.

Seit zig Jahren kennt er die Ordner, die Verkäuferinnen an den Essensständen, die Mehrzahl der Fans, "da ist natürlich ein freundschaftliches Verhältnis entstanden", sagt Brustmann. Er hat Rimpars Weg bis in die zweite Bundesliga selbst mitgemacht. Auch deshalb ist er nicht nur ein Torhüter, dem die Leute zujubeln, wenn er einen Ball hält. Brustmann ist für viele: Ansprechpartner, Freund, Vorbild. Er stellt etwas dar, er ist kein Platzhalter, nicht beliebig, nicht austauschbar.

Man sagt Torhütern ja nach, dass sie sich nicht von den anderen Spielern unterscheiden, weil sie im Tor stehen - sondern dass sie im Tor stehen, weil sie sich von den anderen unterscheiden. Auch Brustmann ist in dieser Hinsicht offenbar keine Ausnahme. Teamkollegen beschreiben ihn als reflektiert, aber eigen, manche sagen, er könne sehr emotional sein, hin und wieder gar explosiv wie ein Vulkan.

Und diese Lava soll jetzt nicht mehr brodeln? Von einem Tag auf den anderen?

Brustmann sagt: "Ich würde noch mal spielen, wenn alle Stricke reißen. Wenn sich ein Torwart verletzt und der Trainer einen alten Sack brauchen kann, der sich auf die Bank setzt." Rimpar sucht nach einem Nachfolger für ihn, hat aber noch immer keinen gefunden. Dennoch schließt Brustmann einen Rücktritt vom Rücktritt aus, das Karriereende sei ja "zwei, drei Jahre lang immer wieder ein Thema" gewesen, die finale Entscheidung wohl überlegt.

Aber: Fehlt ihm der Handball nicht jetzt schon, nach gut zwei Monaten ohne Spiel? Brustmann muss nicht lange nachdenken. Klar, sagt er, er habe schon wieder Lust, im Tor zu stehen. Er weiß: Das Kribbeln lässt wohl erst dann nach, wenn er etwas Abstand gewonnen hat.

Am Montag, das hat sich Brustmann fest vorgenommen, wird er auf dem Tennisplatz stehen. Erstmals seit Monaten. Der letzte Aufschlag liegt schon derart lange zurück, dass sich Brustmann nicht mehr an den Tag erinnern kann. Nun wird er also mal wieder einen Schläger in die Hand nehmen, das Spielfeld ist schon reserviert. Er tritt gegen Matjaz Krze an. Der Slowene hat einst im rechten Rückraum für Rimpar gespielt, nun ist er ein Ehemaliger. Wie Brustmann.

© SZ vom 08.05.2020

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