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Hamburger SV:Widerstände gebrochen

Beim sonst traditionsschmachtenden HSV macht sich eine neue Sachlichkeit breit. Belohnt wird das mit einem makellosen Saisonstart, das mühsame 3:1 gegen Aufsteiger Würzburg ist schon der fünfte Sieg im fünften Spiel.

Von Thomas Hürner, Hamburg

Die Stadionuhr im Nordwesten des Volksparkstadions, die sekundengenau Auskunft über die Erstligazugehörigkeit des Hamburger SV gab, wurde bekanntlich längst entsorgt, aber andere Teile der Klubgeschichte bleiben natürlich für die Ewigkeit. Oder zumindest noch sehr lange, wie in diesem Fall gehofft werden darf: Jochenfritz "Jochen" Meinke, langjähriger HSV-Kapitän und Meisterspieler, bekam in der Halbzeitpause per Videobotschaft zahlreiche Glückwünsche zu seinem 90. Ehrentag übermittelt, unter anderem von ebenso illustren HSV-Persönlichkeiten wie Uwe Seeler oder Charly Dörfel.

Es ist kein Geheimnis, dass die Diskrepanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart beim HSV nach wie vor eine gewisse Bürde ist, doch Meinke, Seeler und Dörfel dürften spätestens seit Samstagnachmittag wieder äußerst zuversichtlich nach vorne blicken. Der 3:1 Heimsieg gegen die Würzburger Kickers war gleichbedeutend mit dem fünften Sieg im fünften Spiel, nach diesem makellosen Saisonstart steht der HSV bereits mit fünf Punkten Vorsprung recht unangefochten an der Tabellenspitze der zweiten Liga.

Zur realistischen Einordnung der Hamburger Erfolgsserie gehört aber auch, dass die einzelnen Bestandteile am Ende zwar immer verdient, meistens aber auch unter großer Mühe zustande kamen. Die Aufgabe gegen Würzburg bildete hier keine Ausnahme, obwohl die Franken am frühen Morgen noch eine Corona-Testreihe zu absolvieren hatten, da mitten in der Nacht drei positive Laborbefunde aus dem Kreis der Mannschaft übermittelt worden waren. Die Schnelltests ergaben dann bei Abwehrchef Douglas, zwei Co-Trainern sowie dem Rest des Kaders zwar ein negatives Ergebnis, aber eine optimale Vorbereitung auf ein Zweitligaspiel sieht natürlich anders aus.

Die Mannschaft könne mittlerweile auch "Widerstände brechen", lobt der Trainer

Dass die Würzburger in der ersten Hälfte trotzdem die bessere Mannschaft waren und durch einen Treffer von Lars Dietz (40. Minute) verdient in Führung gingen, hing auch damit zusammen, dass der HSV fahrig, fehlerhaft und lasch in all seinen Bemühungen wirkte. Das habe zwar nicht an der "intrinsischen Motivation" gelegen, wie der Hamburger Trainer Daniel Thioune hinterher analysierte, sondern vielmehr an Defiziten in der taktischen und technischen Umsetzung seines Spielplans. Eine besondere Stärke seiner Mannschaft sei aber, dass sie inzwischen auch "Widerstände brechen" könne, sagte Thione: "Vielleicht hätte ein Aufsteiger in der vergangenen Saison hier Punkte entführt."

Tatsächlich besteht der Hamburger Kader aus einer interessanten Komposition aus erfahrenen Akteuren und jugendlicher Dynamik. Da wäre etwa Mittelfeldmann Aaron Hunt, 34, dem skeptische Beobachter stets das Hängendeschultern-Syndrom attestierten und der zu Saisonbeginn das Kapitänsamt abtreten musste, in dessen linken Fuß aber noch feine Pässe stecken wie jener, der das Tor zum Ausgleich einleitete. Den Angriff vollendete dann Stürmer Simon Terodde, 31, wenngleich bei seinem abgefälschten Schuss auch etwas Glück dabei gewesen war (65.) Nicht so bei seinem Führungstreffer zum 2:1, vor dem sich Terodde behauptet hatte und aus der Drehung abschloss (65.).

Dass die Hamburger der vormals zähen Partie nach der Pause eine explosive Wendung geben konnten, lag aber auch an der Geschwindigkeit des eingewechselten Amadou Onana, 19, sowie am vom Mittelfeld zurück in die Abwehr beorderten Moritz Heyer, 25, der den Hamburger Spielaufbau mit klugen Pässen zu ordnen vermochte. Und nicht zuletzt am neuen Kapitän Tim Leibold, der nicht nur wieder mit einem enormen Laufpensum in Erscheinung trat, sondern nach einem Konter auch den 3:1 Endstand erzielte (90.).

Am kommenden Freitag steht das Hamburger Stadtderby gegen den FC St. Pauli an, sicherlich ein kleiner Saisonhöhepunkt für die HSV-Legenden Meinke, Seeler und Dörfel. Die Gegenwart, namentlich Trainer Thioune, möchte aber "rational an die Sache rangehen". Mit Sentimentalitäten ist der bislang ohnehin nicht besonders in Erscheinung getreten.

© SZ/Grö
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