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Golf:Der Schwung-Flüsterer

Danny Wilde, 45, war viele Jahre Caddy und Trainer von Profi Alex Cejka. Inzwischen hat sich der Münchner mit einer Akademie einen Namen in der deutschen Szene gemacht.

Von Gerald Kleffmann

Danny Wilde, 45, erinnert sich heute noch gut an diesen einmaligen Moment, als er mit dem größten Golfer, den dieser Sport jemals hervorgebracht hat, unter einem Holzdach einer Regenhütte stand, auf einem wunderschönen Platz im US-Bundesstaat Georgia. "Er war einfach unglaublich nett, er hat ganz normal mit uns geplaudert", erzählt Wilde über Jack Nicklaus. Im April 2004 war er damals als Caddy an der Seite seines bis heute guten Freundes Alex Cejka, eine Gewitterunterbrechung machte eine Pause beim berühmten Masters in Augusta nötig. Tags darauf erlebte Wilde sogar Golfhistorie aus nächster Nähe mit: "Wir waren an der 16. Bahn, da kam auf einer anderen Bahn Arnold Palmer entgegen. Es war sein letztes Masters." Ehemalige Champions dort haben lebenslanges Teilnahmerecht, aber irgendwann tritt jeder ab. "Ich sehe noch vor mir, wie Nicklaus die Hand hob und die Kappe abnahm." Es war so still trotz aller Fans, dass Wilde die Vögel zwitschern hörte. Nicklaus, der unerreichte 18 Majors gewann, rief Palmer, einem der drei legendären Golfer neben Nicklaus und Gary Player, zu: "Good-Bye, my friend!" Gänsehaut habe Wilde gehabt.

Der Münchner kann diverse Anekdoten und Erlebnisse von früher erzählen. Wilde war viele Jahre Caddy von einem der besten Spieler Deutschlands, für Cejka trug er aber nicht nur die Golftasche und beriet ihn auf den Plätzen bei Turnieren wie den British Open. Er war auch sein Trainer. Später führte er Martina Eberl, eine der charismatischsten Spielerinnen im deutschen Frauengolf, zu drei Siegen auf der Ladies European Tour. In St.Leon-Rot, dem Klub, hinter dem der SAP-Mitgründer Dietmar Hopp steht, verantwortete er fünf Jahre lang als Herren-Head-Pro 500 Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Auch in diesen fünf Jahren brachte Wilde den GC mit voran, St. Leon-Rot gilt seit langem als beste Adresse im Nachwuchsbereich.

"Golf war immer mein Leben, seit ich erstmals damit zu tun hatte", sagt Wilde. Als 13-Jähriger war er zufällig mit dem Rad an der Golfanlage in Eschenried vorbeigefahren und hatte gesehen, wie sich ältere Herren abmühten, Bälle zu treffen. Da dachte er: "Das kann doch nicht so schwer sein?" An jenem Tag verließ er erst nach sechs Stunden die Driving Range. Ein Golflehrer hatte ihm Schläger zum Ausprobieren in die Hände gedrückt. Seitdem ist er der Sportart verfallen. Im betuchten Münchener Golfclub machte er die Ausbildung zum Teaching Pro. Dort, im Süden der Landeshauptstadt, lernte er Cejka kennen, der vom MGC gesponsert wurde.

Masters First Round

Arbeit an einem besonderen Ort: 2004 half Danny Wilde (li.) seinem Freund Alex Cejka beim Masters in Augusta als Caddy.

(Foto: Andrew Redington/Getty Images)

Seit 2017 leitet Wilde nun die Akademie im Golf Club Valley nahe München und ist Headcoach des Klubs mit den spektakulären Tegernseer Bergen in Sichtweite. Viele deutsche Talente reisen von weit her an, um sich von Wilde was erklären zu lassen. Titel und Erfolge haben Spielerinnen und Spieler Valleys errungen, seit Wilde da ist. Welche genau? "Deutscher Meister, Bayerischer Meister, Bademeister", sagt Wilde lachend. Genau diese Art, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, hebt ihn hervor. In der deutschen Szene ist Wilde einer der renommiertesten Trainer. Das liegt nicht nur an dem unschätzbaren Fundus an Wissen, das er dank seiner früheren Jobs verinnerlicht hat. Das liegt auch maßgeblich an seinem Ansatz: Der Mensch in seiner Entwicklung steht bei ihm im Vordergrund.

Das ist insofern bemerkenswert, weil Golf ein per se sehr technischer Sport ist, der eine intensive Selbstdisziplin voraussetzt. Und ohne Strenge geht es nicht, will man Fortschritte machen. "Um Jugendliche zu motivieren, gibt es zwei Wege: über große Schmerzen - oder über große Ziele", weiß Wilde. "Ich probiere es mit großen Zielen, das klappt deutlich besser." So freut er sich auch, wenn sich Jahre später frühere Spieler melden, die zwar nicht Profi wurden, aber Arzt dafür. Oder die sich ein Stanford-Studium erkämpft haben.

Den beschwerlichen Weg kennt Wilde selbst aus Erfahrung, und dass er und Cejka, Spitzname Ironman, ein Team wurden, passte schon ob ihrer Vita. Geschenkt wurde ihnen wenig. Cejka floh seinerzeit auf abenteuerliche Weise mit seinem Vater aus der Tschechoslowakei. Wilde, dessen Eltern ihm die Welt des Golfsports nicht auf dem Silbertablett servieren konnten, kaufte sich seine ersten gebrauchten Schläger über eine Annonce in der Süddeutschen Zeitung. "Das war ein Satz namens Bernhard Langer von Wilson. Die habe ich mir mit meinem Vater geteilt", erzählt er. Er fing im Pro-Shop zu jobben an, vom Verdienst kaufte er sich Hölzer. Mit der Vespa düste er von Obermenzing all die vielen Kilometer nach Eschenried, die Schlägerbag auf dem Rücken. Und später auch auf diese Art zu Turnieren. Sein Handicap wurde rasch einstellig, er hatte Talent. "Damals gab es ja noch kein Handy oder Internet", erinnert er sich. Also fuhr er morgens um fünf los, weil er nicht wusste, wann seine Startzeit war. Sogar als Wilde das erste Jahr als Caddy für Cejka einsprang - die zwei waren längst Freunde und hatten viele Nächte um Geld Billard gespielt und auf dem Golfplatz gezockt -, zahlte er drauf. Einen fünfstelligen Betrag. Das Reisen verschlang zu viel, auch weil er noch unvorsichtig plante und buchte. "Aber ich möchte keinen Tag missen aus dieser Zeit", sagt Wilde. Er flüstert es vielmehr. Wie es seine zurückhaltende Art ist.

Danny Wilde.

(Foto: OH/Golfsport-Manufaktur)

Wahrscheinlich können nur Golfer verstehen, wie verrückt man nach diesem Sport sein kann. Und Wilde war golfverrückt. Auch wenn er für eine Profikarriere zu spät anfing. "Mit Alex und anderen Jungs haben wir oft stundenlang rumgehangen und über Golf geredet", sagt Wilde. Sie nahmen ihre Berufe ernst, lebten sie aber mit Spaß. Und die Freundschaft funktionierte auf dem Platz. 1997 nahm Cejka Wilde, der normal als Lehrer im MGC arbeitete, mit in die USA. Als Caddy. "Beim World Cup in Kiawah Island in South Carolina hat er gleich Platzrekord gespielt" - die 63 Schläge (neun unter Par) stehen noch. Nach einem erfolgreichen Jahr arbeiteten sie in losen Abständen miteinander, 2003 folgte ein Wechsel: Wilde fungierte fortan für drei Jahre als Coach. Cejka stand in Deutschland oft im Schatten von Langer, aber dass er über Jahrzehnte die Tourkarte der US-Tour hielt, war eine Leistung, die viele gepriesene Talente nie erreichten. Nicht mal ansatzweise.

In all den Jahren mit Cejka und Eberl lernte Wilde, wie wichtig ein Team ist, in dem jeder seine Expertise einbringen kann. Als er 2017 das Angebot von Valleys GC-Chef Michael Weichselgartner erhielt, eine Akademie aufzuziehen, ging für ihn "ein kleiner Traum in Erfüllung". Mit seiner Frau und den zwei Kindern wollte er, nach der Zeit in St. Leon-Rot, wieder in den Münchner Raum. Das Areal seiner Schule hat er gepachtet, er hat zwei Angestellte, Spezialisten wie Physios oder Mentalcoaches arbeiten mit ihm. "Danny ist ein Glücksfall für uns", sagt Weichselgartner. "Weil er den Athleten sagen kann, was sie wirklich erwartet." Wilde fördert aber nicht nur Talente wie die deutsche Lochspielmeisterin Chiara Horder, sondern bringt auch Kinder zum Golfen. Sein Ruf hat sich herumgesprochen. In den Ferien gab es so viele Anmeldungen für Sommerkurse wie nie. "Mir macht das Training mit Amateuren genau so viel Freude wie mit Profis", versichert Wilde. Am Nachmittag, verrät er beiläufig, gibt der Head-Pro, der die Diplomtrainer-Ausbildung des Deutschen Olympischen Sportbundes "summa cum laude" abschloss, einen Platzreifekurs für Anfänger.

© SZ vom 30.08.2020

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