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Gewichtheben:"Einen Kiefer wie ein Mann - und einen Schnurrbart"

Gewichtheben

Sportart unter Verdacht: Das Gewichtheben wird nicht erst seit Olympia 2012 in London von Affären und Dopingfällen belastet.

(Foto: imago sportfotodienst)

In einer ARD-Dokumentation wird aufgedeckt, wie im Weltverband der Gewichtheber eine Doping- und Korruptionskultur gepflegt und getarnt wurde.

Zu Beginn des Olympiajahres werden erneut systematische Betrugsvorgänge im Weltsport evident. Während das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) die durch das russische Staatsdoping verursachten Flurschäden kleinzuhalten versuchen, rückt der Gewichtheber-Weltverband IWF in den Fokus. Dort soll unter dem Präsident Tamas Ajan (Ungarn) über zwei Jahrzehnte ein System der Dopingvertuschung, Korruption und schwarzer Kassen etabliert worden sein. Das zeigen Recherchen und Unterlagen, die am Sonntagabend in der ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping - Der Herr der Heber" präsentiert wurden, und die dem Topfunktionär auch strafrechtlich relevante Vorwürfe macht. Besonders pikant: Laut ARD soll ein Großteil dieser Akten dem IOC schon seit Jahren vorliegen. Das bestritt der Ringe-Konzern am Montag: "Dies gilt für die Unterlagen zur Dopingstatistik und für die Unterlagen zu den mutmaßlichen finanziellen Unregelmäßigkeiten", hieß es.

Vor die versteckte Kamera eines Undercover-Teams geriet Rattikan Gulnoi, die Bronze-Gewinnerin von London 2012. Ahnunglos beichtete die in einem Gym in Pattaya tätige Thailänderin aus dem verseuchten Hebersport, zum Beispiel, dass sie sich für die London-Spiele mit Anabolika präpariert habe, "damit mein Körper länger durchhält. Darum konnte ich so lange im Nationalteam starten". Das IOC will diese Vorwürfe nun überprüfen.

2014 wurde Gulnoi sogar Weltmeisterin. Die Steroide hätten Nebenwirkungen verursacht, sagt sie, zu der Zeit habe sie "einen Kiefer wie ein Mann und einen Schnurrbart" gehabt. Aber den Funktionären sei die Gesundheit der Athleten egal. Schon Jugendliche müssten nur Medaillen abräumen - Gulnoi behauptet, die Jüngsten hätten bereits "mit 13, in nationalen Wettbewerben" zu dopen angefangen. Trifft das zu, würde es den Tatbestand des Kinderdopings in Thailand erfüllen. Gulnoi selbst war bei ihrem Auftritt in London 2012 von Intarat Yodbangtoey auf die Bühne begleitet worden - der ist Vizepräsident des IWF und erster Stellvertreter Ajans.

Gewichtheber-Boss Ajan ist ein olympischer Bilderbuch-Funktionär: Reife 80 Jahre alt, sitzt er seit fast 20 Jahren auf dem Thron und liebäugelt mit der Wiederwahl; als langjähriger IOC-Insasse ist er dort heute Ehrenmitglied. Im IWF bekleidet er seit einem halben Jahrhundert Spitzenämter, typisch in der Sportfamilie. Und wie viele olympische Spitzenleute umwabern auch Ajan seit Dekaden harte Verdachtsmomente. Das hat seine Karriere im IOC nie berührt, im Gegenteil: Der Ungar, dessen Amtszeit allein rund 700 Dopingfälle zieren, durfte auch viele Jahre im Gründungsboard der Wada sitzen. Das entlarvt die Dopingbekämpfung des Weltsports einmal mehr als Farce, die eher der wirtschaftspolitischen Schadensbegrenzung dient als effektiver Betrugsfahndung. Denn der langjährige IOC- und Wada-Spitzenfunktionär steht einem Verband vor, dessen Skandalchronik Kabarettreife besitzt.

Bei den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro hatte beispielsweise ihr Systembetrug den Hebern aus Bulgarien eine kollektive Auszeit beschert, starten durfte hingegen die Kasachen - obwohl sie da bereits vier Olympiasieger von London 2012 im Zuge von verbesserten Doping-Nachtests verloren hatten. Wobei dieses Quartett die Anzahl der kasachischen Dopingsünder allein zwischen London und Rio auf rekordreife 27 Fälle gesteigert hatte.

In dieses Bild passen die neuen Sachverhalte aus den ARD-Dokumenten. Demnach wurden von der IWF bei deren Großereignissen überwiegend die Kontrolleure der ungarischen Anti-Doping-Agentur HUNADO beauftragt, also Leute aus Ajans Heimatland. Sie sollen geschmiert worden sein, damit sie manipulierte Dopingproben akzeptiert hätten; Fremdurin von "Doppelgängern" - Personen, die ähnlich ausgeschaut hätten wie die zu testenden Gewichtheber aus angeblich bevorzugten Nationen. Dass auch regionale Vetternwirtschaft Kernbestandteil des IWF-Betriebs sei, beklagen Insider wie der frühere deutsche Gewichtheber-Nationaltrainer Oliver Caruso seit Jahren.

Die Unterlagen zeigen auch, dass manche überführte Doper monatelang weiter antreten durften, bevor die Sperre in Kraft trat. Zudem zeigen die Recherchen, dass die IWF in vielen Ländern wenige oder gar keine Dopingtests durchgeführt habe.

Im autonomen, sich selbst regelnden Olympiasport der Gewichtheber werden allerdings auch weitere branchentypische Gepflogenheiten ruchbar. Sie setzen nicht nur den von Ajan wie eine Privatgesellschaft geführten IWF und das IOC unter Zugzwang, sondern vor allem die Schweizer Strafjustiz, der IOC-Stammsitz ist in Lausanne. Die Schweizer Justiz steht allerdings bereits durch ihre international scharf kritisierte Liaison mit dem Präsidenten des Weltfußballverbandes, Gianni Infantino, im Fokus. Fifa-Chef Infantino, jüngst auch ins IOC berufen, durfte sich wiederholt diskret mit dem Chef der Bundesanwaltschaft (BA) treffen, Michael Lauber - obwohl er zu dieser Zeit selbst im Umfeld von BA-Ermittlungen auffällig war. Zudem konnte Lauber den Sinn der stillen Treffen mit dem Sportboss nie schlüssig darlegen, was darin gipfelt, dass er und Infantino (samt Entourage) behaupten, sie hätten eines ihrer Treffen im Juni 2017 gar komplett und kollektiv vergessen.

Nun müsse sich die Justiz den Fall Ajan anschauen - das fordert der Schweizer Strafrechtler Mark Pieth. Er hat Geldtransfers begutachtet, die ihm die ARD übergab. Es geht um Zahlungen, die das IOC aus seinen olympischen Markteinnahmen an die Weltverbände verteilt. Demnach seien von 1992 bis 2009 mehr als 23 Millionen Dollar auf zwei IWF-Konten in Genf und Zürich geflossen, die in keiner Verbandsbilanz auftauchten. Die Konten flogen auf, ruchbar wurde, dass allein Ajan dafür zeichnungsberechtigt war. Nicht mal intern konnte der Boss den Verbleib von mindestens 5,5 Millionen Dollar darlegen, er habe die Summe nur als "eiserne Reserve" bezeichnet. Der europäische Gewichtheber-Präsident Antonio Urso hatte den Vorfall beim IOC angezeigt. Ihm sei ihm nur beschieden worden, das sei ein internes Problem. Das IOC teilte dazu am Montag nur sehr Ausweichendes mit: Der Sportgerichtshof Cas habe damals entschieden, er könne nicht in die Konten eines internationalen Verbandes eingreifen. Als gäbe es keine anderen Druckmittel.

Verschollen sind auch Gelder wie Barzahlungen vieler Verbände, die auf diesem obskuren Finanzweg ihre Dopingstrafen abbüßten. Boss Ajan und die IWF selbst wollte sich zu allen Vorwürfen auf wiederholtes Befragen der ARD nicht äußern.

Im von Pieth erstellten Gutachten ist der Anfangsverdacht für drei Straftaten aufgeführt: Falsch-Beurkundung, ungetreue Geschäftsbesorgung, Veruntreuung. Auf diese Tatbestände stehen Freiheitsstrafen, keiner wäre verjährt. Da es sich um Offizialdelikte handelt, müssten Strafbehörden auch ohne Anzeige tätig werden - das führt zurück ins problematische Verhältnis der Schweizer Justiz mit dem Sport.

Für sachkundig, doch hilflos erklärt sich der saubere Teil der Heberszene. Lidia Valentin, Spaniens Olympiasiegerin 2012, beklagt: "Da kannst du nichts machen: Akzeptieren. Oder hinschmeißen." Sie selbst sag das Treppchen nie von oben, die Goldmedaille kam Jahre später per Post. Da waren die drei in London vor ihr Platzierten aus Osteuropa bei Nachtests aufgeflogen. Auf den Punkt brachte die Problematik der deutsche Heber-Präsident Christian Baumgartner, der kurzzeitig als IWF-Vorstand selbst miterlebte, wie Ajan im Weltverband "eine Kultur der Korruption" etabliert habe. Befragt, warum wegen der verschwundenen Millionen nie Strafanzeige erstattet wurde, sagt er: "Es gehört sich nicht im Sport, unter Kollegen solche Dinge strafrechtlich zu verfolgen. Macht man einfach nicht!"

© SZ vom 07.01.2020

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