Galopp-Pferd Iquitos Doch dann kam Krümel

Wie so häufig: Iquitos (rechts) prescht auf der Zielgerade davon, hier in Iffezheim.

(Foto: Uli Deck/dpa)

Wäre alles normal gelaufen, befände sich der Galopptrainer Hans-Jürgen Gröschel längst in Rente. Dann, mit über 70, entdeckte er Iquitos: sein Traumpferd.

Reportage von Carsten Scheele, Hannover

Nach der goldenen Hochzeit mit Renate wollte Hans-Jürgen Gröschel endgültig aufhören, nun fährt er immer noch jeden Tag ins Gestüt in Hannover-Langenhagen. Es ist kurz vor neun Uhr, ein Wintermorgen, draußen drei Grad. Gröschel, 74, spritzt mit einem Schlauch die Hufe der Pferde ab, ein Tier scheut vor dem kalten Wasserstrahl, der Galopp-Trainer beruhigt es mit ein paar Worten. Dann lässt sich der Hengst säubern. In der Nacht hat es gefroren, doch Gröschel trägt bei seiner Arbeit nicht einmal Handschuhe.

Wäre alles normal gelaufen, dann wäre Gröschel längst Pferdetrainerrentner. Das Karriereende war geplant, nach weit über 50 Berufsjahren wollte er keiner dieser Menschen sein, die sich am Job festkrallen. Doch dann musste Gröschel mit seiner Renate ein klärendes Gespräch führen: Er könne nicht aufhören. Es gehe einfach nicht. Wegen Iquitos.

"Man wundert sich schon, was dieses Pferd kann"

Iquitos ist das Pferd, auf das Gröschel sein Leben lang gewartet hat. Und der Trainer musste erst über 70 werden, aber es kam: sein Pferd. Ein explosives und rasantes Tier ohne Allüren, das schon als Einjähriger in Gröschels Stall in Langenhagen stand. Und um das ihn viele beneiden. "Wunderpferd", schreiben die Zeitungen manchmal, den Ausdruck mag Gröschel nicht so sehr. "Ein Wunder ist das nicht", sagt der Trainer, "aber man wundert sich schon, was dieses Pferd kann."

Sein Pferd: Hans-Jürgen Gröschel präsentiert den Hengst Iquitos, der noch ein Jahr laufen soll, bevor er dann in die Zucht wechselt.

(Foto: Carsten Scheele)

Alles begann in der DDR, in Dresden, wo Gröschel in den 1970ern den Stall seines Vaters übernahm, nach der Wende wechselte er nach Hannover. Insgesamt rund 1200 Siege zählt er als Trainer, Gröschel hätte beruhigt in den Ruhestand treten können. Dann kam Iquitos. "Krümel" nannten ihn alle, wegen seines Stockmaßes von 1,56 Metern, ein klein gewachsenes Tier also. Er war ein Schnäppchen, die Golffreunde vom befreundeten Stall Mulligan zahlten nur einen kleinen fünfstelligen Betrag, der Deal wurde auf der Weihnachtsfeier des Stalls in Langenhagen eingefädelt. Iquitos' beste Referenz war sein Vater, der berühmte Adlerflug, der einmal das Deutsche Derby gewann.

Auch "Krümel" zeigte bald, was in ihm steckt. Schon sein zweites Rennen als Dreijähriger gewann Iquitos, damals handelte sich Gröschel Ärger ein, weil er dem Besitzer des favorisierten Pferdes erzählt hatte, Iquitos stelle keine Gefahr dar. "Ich dachte, er sei noch nicht so weit", sagt Gröschel, doch Iquitos zog auf den letzten Metern vorbei. Den dritten Start in Baden-Baden, bereits ein Handicap-3-Rennen, gewann der Hengst mit einer halben Zielgerade Vorsprung. ",Oh, den müssen wir kaufen', sagten die Leute damals", erinnert sich Gröschel. Doch der Stall Mulligan lehnte ab. Bis heute. Hohe sechsstellige Beträge wurden für Iquitos geboten. Vergeblich.

Iquitos ist eine Attraktion, und bei Gröschel offensichtlich in guten Händen. "Das Verhältnis ist sehr innig", sagt Werner Gerhold, einer der vier Besitzer, "man merkt, dass Gröschel ein Auge fürs Pferd hat." Alle zusammen haben zwei famose Jahre hinter sich: Der bislang größte Erfolg war der Sieg beim Großen Preis von Baden-Baden 2016, von ganz hinten war Iquitos im Regen an der viel prominenteren Konkurrenz vorbeigeflogen, siegte mit überlegenem Vorsprung. "Das beste Pferd, das ich je geritten habe", sagte sein Reiter Ian Ferguson damals. Gröschel stand völlig durchnässt, aber überglücklich im Ziel, widmete den Sieg kurzerhand seiner Renate zum 50. Hochzeitstag.