bedeckt München 16°

Fußball-Politik:Nur die Verpackung ist neu

DFB Unveils Freshfields Report

Die neuen DFB-Bosse Reinhard Grindel, Reinhard Rauball und Rainer Koch sowie Freshfields-Untersuchungsführer Christian Duve (von links nach rechts) bei der Präsentation der Untersuchungsergebnisse im März 2016.

(Foto: Dennis Grombkowski/Getty)

Alles anders beim DFB? So verkauft es der zur Wiederwahl stehende Präsident Reinhard Grindel gerne. Dabei verhält sich der Verband in vielen Fragen so taktierend und verharmlosend wie eh und je.

Von Johannes Aumüller

Direkt im ersten Satz fällt der Begriff, im zweiten gleich wieder, und im vierten und fünften ebenfalls. Und auch wenn es danach nicht mehr ganz so inflationär weitergeht, so zieht sich dieser Begriff doch eindeutig als zentrale Linie durch die Rede. Insgesamt elf Mal heißt es: "ein neuer DFB".

Das war im April. Da spülte die Affäre um die WM 2006 den vormaligen Schatzmeister und CDU-Bundestagsabgeordneten Reinhard Grindel, 55, an die Spitze des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Alles soll neu und anders werden, das war das vorgetragene Motto. Doch wenn sich Grindel nach halbjähriger Interimszeit am Freitag auf dem Bundestag in Erfurt ohne Gegenkandidat in seine erste reguläre Amtszeit wählen lassen will, fällt es schwer, einen wirklich neuen DFB auszumachen.

Es hat sich gewiss einiges getan in dieser Zeit. Ausrüster Adidas zahlt künftig 50 statt bisher 25 Millionen Euro per annum. Der Grundlagenvertrag, der die finanziellen Beziehungen zwischen DFB und Deutscher Fußball Liga (DFL) regelt, ist verabredet. Und kurz vor dem Bundestag verkündete Grindel den neuen Kontrakt mit Bundestrainer Joachim Löw bis 2020. Der Finanzbericht ist jetzt öffentlich, drei Tochtergesellschaften sollen bald zusammengelegt, eine Ethikkommission gegründet werden.

Aber: ein "neuer DFB"? Mit kompletter Transparenz und anderem Stil?

Die Zweifel beginnen schon eingedenk der Haltung des Verbandes zu dem Thema, das die Umstürze im deutschen Fußball auslöste: der Vergabe der WM 2006 und den ominösen Transaktionen des damaligen WM-Organisationskomitees (OK). Der DFB und insbesondere Grindel erwecken gerne den Eindruck, als hätten sie selbst alles nur Mögliche zur Aufklärung getan. Aber in den vergangenen Monaten offenbarte sich immer wieder, wie unvollständig der Bericht der vom Verband beauftragten Kanzlei Freshfields war.

Mehrere Monate nach der Publikation musste eingeräumt werden, dass Franz Beckenbauer während seiner stets als ehrenamtlich deklarierten Tätigkeit als OK-Chef vom DFB 5,5 Millionen Euro erhielt. Und dass dies schon zu Jahresbeginn bekannt war, aber nicht veröffentlicht wurde. Auch stellte sich heraus, dass nicht alle Festplatten in der Zentrale überprüft worden waren, ebenso wenig alle Verbands-, sondern nur die OK-Konten - obwohl im Zuge der Beckenbauer-Honorierung eine Zahlung von einem Verbandskonto dokumentiert ist. Zudem muss es irgendwo einen DFB-Archiv-Ordner mit Aufschrift "Fifa 2000" geben, der ein paar brisante Dinge zur WM beinhalten dürfte, aber leider verschwunden ist. Und an der Kernfrage, warum die 6,7 Millionen Euro zum katarischen Skandalfunktionär Mohammed bin Hammam flossen, forschen weiter drei Staatsanwaltschaften (Frankfurt, Bern, New York). Aber Grindel will bereits sicher wissen, dass die Überweisung nichts mit der WM-Vergabe zu tun hatte.

Auch in manch anderer Frage agiert der angeblich neue DFB eher wie der alte, etwa bei der Kür des neuen Präsidenten von Europas Fußball-Union (Uefa). Da schloss sich der DFB dem Lager des Slowenen Aleksander Ceferin an, und damit einem umstrittenen Funktionär, an dessen Berufung allerlei alte und fragwürdige Seilschaften werkelten - insbesondere Witalij Mutko, Fußballverbandschef sowie Regierungsmitglied in Russland und im Zuge der russischen Staatsdopingaffäre schwer belastet. Der offenkundige Hintergrund: Wer mit Ceferin und der Mehrheit geht, erhofft sich Unterstützung bei eigenen sportpolitischen Zielen, insbesondere für die Vergabe der Fußball-EM 2024 - und darüber hinaus vielleicht auch bei eigenen persönlichen Karriereplänen.

Das anfangs skeptische Profilager hat sich mit Grindel arrangiert. Dafür ist manch Amateur pikiert

Die Ethikkommission wiederum klingt zwar gut, dürfte aber wenig mit ihrem Namensvetter vom Weltverband Fifa zu tun haben, die dort reihenweise gegen Funktionäre vorgeht, selbst gegen Spitzenkräfte. Bei der Fifa gibt es zwei vom Verband unabhängige Kammern, eine ermittelnde, eine rechtsprechende. Beim DFB ist ein Fünfergremium vorgesehen, das kein forscher (Staats-)Anwalt führen soll, sondern ein früherer Politiker. Und die Entscheidungen trifft weiter die DFB-Sportgerichtsbarkeit. Nicht unwahrscheinlich also, dass die Ethikkommission eher beratenden als sanktionierenden Charakter haben wird.

Eines hingegen ist sicherlich neu, und das ist Grindels Stellung in der deutschen Fußballfamilie. Als ihn im Zuge der Affäre die Amateure vorschlugen, schlug ihm zumindest aus Teilen des Profilagers Skepsis entgegen. Inzwischen ist die Zuneigung gewachsen. Liga-Chef Reinhard Rauball sagte, er wolle den Profivertretern die Wahl empfehlen. Grindel habe bisher "bewiesen, dass er dieses Amt ausfüllen kann und dabei die Interessen des gesamten deutschen Fußballs im Auge hat. Die Zusammenarbeit hat sich in den vergangenen Monaten stetig entwickelt."

Im April gab es noch vier Gegenstimmen aus dem Profilager, damit ist diesmal nicht zu rechnen. Grindel hat die Profis nirgendwo verärgert, pikiert ist dafür mancher Amateurvertreter. Denen missfällt die ausgehandelte Geldverteilung im Rahmen des Grundlagenvertrages, weil sie finden, dass die Relationen zwischen dem Milliarden-Fernsehvertrag der DFL und den Zuwendungen für den Amateurbereich nicht stimmen. Zudem befürchten sie, dass die Top-Klubs künftig in den Auftaktrunden des DFB-Pokals ein Freilos bekommen; dieses Thema soll im nächsten Jahr offiziell besprochen werden.

Noch kann Grindel seinen bisherigen Stil damit begründen, dass er ja formal nur übergangsmäßig im Amt war; dass er sich ob all der Wirren und Skepsis erst einmal Sicherheit verschaffen musste, um sich aus dem interimistischen ins feste Präsidentenamt zu retten. Aber die nächsten Monate müssen zeigen, ob der DFB wirklich ein neuer wird.

© SZ vom 03.11.2016
Zur SZ-Startseite