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Fußball:Geister gegen finstere Prognosen

Die deutsche Liga berät ihr weiteres Vorgehen, der europäische Verband hat sogar schon einen Plan für die Fortsetzung des Spielbetriebs. Doch Virologen fordern eine noch sehr lange Pause.

Am Dienstag will das Präsidium der Deutschen Fußball Liga (DFL) erneut beraten, wann und wie in der Corona-Pandemie eine Fortsetzung der Saison vorstellbar ist. Dass die derzeit gültige Unterbrechung bis 2. April nicht ausreicht, ist der DFL bewusst. Führende Gesundheitsexperten zeichnen bereits ein finsteres Szenario für den deutschen Profifußball: "Ich glaube überhaupt nicht daran, dass wir in einer absehbaren Zeit wieder Fußballstadien voll machen. Das ist überflüssig, das wird es bis 2021 um diese Zeit nicht geben", sagte der Virologe Christian Drosten, der auch Krisenberater der Bundesregierung ist, dem Stern. Zuvor hatten auch andere Virologen erklärt, dass es noch viele Monate, auch über den Sommer hinaus, keinen Fußball mehr geben dürfe, zumindest nicht mit Publikum: "Auf Dinge, die schön sind, aber nicht systemrelevant, wird man lange verzichten müssen", so Drosten.

Zur Diskussion steht bereits, ob diese "Systemrelevanz" wegen der hohen gesellschaftlichen Bedeutung nicht auch für den Fußball gelten sollte. Und es gilt die Aussage von DFL-Chef Christian Seifert, dass eine Saisonfortsetzung ohne Zuschauer zwingend nötig sei, um die Einnahmen aus dem TV-Vertrag zu retten. Andernfalls ist das Fortbestehen vieler Klubs gefährdet - ein Saisonabbruch würde für die Bundesliga einen Einnahmeverlust von 780 Millionen Euro bedeuten. Auch DFB-Vizepräsident Rainer Koch sprach sich bei Sport 1 für Geisterspiele aus: "Die Geister muss man in diesem Fall rufen - es sei denn, man setzt die Existenzfähigkeit des Fußballs aufs Spiel. Wir brauchen Pläne, um nach Corona nicht vor einem totalen wirtschaftlichen Desaster zu stehen. Niemand will Spiele ohne Fans, aber noch weniger wollen wir gar keinen Fußball."

Abgesehen davon, wie Geisterspiele im Mai oder Juni mit Quarantäne- und anderen behördlichen Beschränkungsregeln vereinbar wären, stellt sich akut die Zeitfrage. Nach der Verschiebung der EM auf 2021 soll ein Zuende-Bringen der nationalen Ligen in den nächsten Monaten Vorrang haben. Doch auch der Kontinentalverband Uefa hat offenbar einen "Corona Calendar" entworfen, der Pläne für eine Fortsetzung von Champions League und Europa League enthält. Auch an Wochenenden soll gespielt werden, ein Finale der Königsklasse ist im Plan von Uefa-Chef Aleksander Ceferin laut Bild für den 27. Juni avisiert.

Selbst wenn der Ball in einigen Wochen wieder rollen sollte, drohen also zeitliche Engpässe und Kollisionen. Die englische Premier League soll mittlerweile planen, die Restsaison erst vom 1. Juni an innerhalb von sechs Wochen zu Ende zu spielen - sogar über den 30. Juni hinaus, an dem die Spielerverträge enden.

© SZ vom 23.03.2020 / sz, dpa, sid

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