Fußball Ehrgeiziger Lausbube

Julian Nagelsmann, aufgewachsen am Ammersee, will mit der Hoffenheimer U19 den Titel verteidigen - das Ziel des 27-jährigen Trainers ist die Bundesliga.

Von Benedikt Warmbrunn

Seine ersten Schritte im Profifußball machte Julian Nagelsmann in die falsche Richtung. Er stand im Bauch des Hamburger Stadions, wusste nicht, wohin er sollte. Er verirrte sich. Als er dann endlich auf dem Rasen stand, den Weg dorthin kannte er eigentlich immer noch nicht, lief er, der Co-Trainer der Bundesligafußballer der TSG Hoffenheim, versehentlich durch das Fernsehbild, er war auf der Leinwand zu sehen, mehrere tausend Hamburger Fans pfiffen ihn aus.

Nagelsmann machte noch ein paar weitere Schritte im Profifußball, ein halbes Jahr lang, weiter als Co-Trainer, sie waren erfolgreich: Im Sommer 2013 hatte Hoffenheim den Klassenerhalt in der Bundesliga geschafft. In dieser Zeit erkannte Nagelsmann seinen Weg in den Profifußball, er erkannte auch, dass er dazu erst einmal den Profifußball verlassen musste. Er machte weitere Schritte, manche führten in die falsche Richtung, manche waren gewagt, die meisten jedoch waren genau richtig.

Nagelsmann, knuffiges Lausbubengesicht, versteckte Äuglein, lockere Umgangssprache, ist 27 Jahre alt, wie andere junge Männer in seinem Alter schaut er gerne Serien wie Homeland oder House of Cards, auf seinem Handy hat er Fotos von seinem jungen Sohn im Bälleparadiesbecken gespeichert. Außerdem ist der erst 27 Jahre alte Nagelsmann ein äußerst erfolgreicher Jugendtrainer geworden.

In der vergangenen Saison gewann er mit der U19 der TSG Hoffenheim die deutsche Meisterschaft, sie stellten zahlreiche Vereinsrekorde auf. Vor dem letzten Spieltag in dieser Saison hat sich die Mannschaft wieder für die Endrunde qualifiziert, in der Bundesliga Süd/Südwest hat sie 13 Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten, den Karlsruher SC. Und auch in dieser Spielzeit hat das Team zahlreiche vereinsinterne Rekorde gebrochen - sollte Hoffenheim an diesem Samstag (13 Uhr) bei der U19 des FC Bayern gewinnen, wäre dies zum Beispiel der elfte Sieg in Serie.

Fünf Tage vor dem Duell in München sitzt Nagelsmann in einem abgedunkelten Raum in der Hoffenheimer Jugendakademie, über einen Beamer projiziert er Szenen des jüngstens Spiels an die Wand, ein 7:0 gegen Freiburg. Nagelsmann flucht bei jedem taktischen Fehler, auch wenn ihn ein gegnerischer Spieler gemacht hat. Ein Meter zu weit links gestanden? "Idiotisch." Ein langer statt ein kurzer Pass? "Boah."

Es ist das Entsetzen eines Mannes, der das Spiel bis ins Detail durchschaut hat.

Wie bei vielen jungen Trainern hat auch bei Nagelsmann der eigene Körper die Karriere beschleunigt: Aufgewachsen in Issing am Ammersee, spielte er als Jugendlicher für den FC Augsburg und für den TSV 1860, dort wurde er in die zweite Mannschaft übernommen. Als er 18 Jahre alt war, glich sein Lebenslauf einer Krankenakte: Meniskusschaden, Innenbandriss, Außenbandriss, Wirbelbogenbruch, chronische Achillessehnenentzündung. Der TSV 1860 verlängerte den Vertrag nicht.

Nagelsmann wechselte zurück nach Augsburg, allerdings weiter mit lädiertem Körper. Nach einem Meniskusriss blieb Flüssigkeit in seinem Knie, das Karriereende. Doch der damalige Trainer der Augsburger U23 konnte Nagelsmann weiter gut gebrauchen, der Trainer war besessen und ehrgeizig, er schickte Nagelsmann als Scout durch die Dörfer der Landesliga. Der Trainer hieß Thomas Tuchel.

Wenig später wollte Nagelsmann dennoch mit dem Fußball aufhören, er studierte BWL, hatte ein Angebot, bei BMW im Vertrieb mitzuarbeiten. Dann ging alles ziemlich schnell. Co-Trainer der U17 des TSV 1860, als 24-Jähriger U16-Trainer in Hoffenheim, Co-Trainer bei den Profis, U19-Meistertrainer.

In dem abgedunkelten Zimmer in Hoffenheim schaut sich Nagelsmann inzwischen Aufnahmen der möglichen Halbfinalgegner Hannover und Leipzig an. Während er Witze über lustige Fußballernamen macht, sucht er nach Stärken der Kontrahenten. Findet er eine, schreibt er sie auf die linke Seite seines Blocks. Auf die rechte Seite schreibt er Gegenmaßnahmen. Die rechte Seite ist schnell voll.

"Der erste Analysepunkt ist immer, wie der Gegner das Spiel eröffnet. Diese Spieleröffnung schenke ich ihm. Dann aber sind wir da", sagt Nagelsmann. Er prüft, wie dem Gegner beim zweiten Pass am leichtesten der Ball abgenommen wird. Haben seine Spieler den Ball, sollen sie auf schnellstem Weg aufs Tor schießen, es ist eine Überfallfußballtaktik. Und weil Nagelsmann weiß, wie verwundbar ein Team in der Spieleröffnung sein kann, versucht er seinen Spielern mehrere Möglichkeiten für die ersten Pässe mitzugeben. Vom Spielfeldrand aus ruft er dann Anweisungen rein, seine Spieler sind das gewohnt - im Training überfordert er sie gerne, um den Stress in den Partien zu reduzieren. Klassische Tuchel-Schule.

Einen erfolgreichen Trainer, sagt Nagelsmann, mache aber nur zu 40 Prozent das Fußballerische aus. Wichtiger sei der Umgang mit den Spielern. Nagelsmann sagt, er könne da schon emotional werden, auch lauter. Einmal im Monat lässt er sich von einem Experten aus Göttingen neue Entwicklung in der Psychologie der Gruppendynamik erklären, auf eigene Kosten.

Nagelsmann weiß, dass er viele richtige Schritte gemacht hat, und er weiß, wohin sie führen sollen. "Ich würde mir gerne in der Bundesliga selbst bestätigen, dass ich ein guter Trainer bin", sagt er. Von Juni an besucht er den Lehrgang zum Fußballlehrer, als nächstes Schritt will er eine U23 übernehmen. Angebote gab es bereits. Er hat alle abgelehnt.

Fünf Tage vor dem Duell in München gibt Nagelsmann noch einem Reporter der Gazzetta dello Sport ein Telefoninterview, er redet über Jugendfußball, über Ziele, nebenbei erklärt er die momentane Schwäche des italienischen Fußballs, natürlich geht es auch um die Spieleröffnung. Am Ende des Telefonats fragt der italienische Reporter, ob er Nagelsmanns Nummer haben könne, für später, wenn der junge Trainer alle Schritte bis zu den Profis gemacht habe, "vielleicht schon für 2020".

Nagelsmann lacht. Dann diktiert er seine Nummer.