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Fußball:Die klickende Mehrheit

Mitgliederversammlungen können nun online abgehalten werden. Eine viel größere Teilnehmerzahl könnte das Abstimmungsverhalten beeinflussen - beim 1. FC Nürnberg und dem TSV 1860 erkennen Oppositionelle eine Chance.

Von Markus Schäflein

Fritz Sörgel weiß noch nicht, wie er sein Projekt nennen soll. "Glubb 2.0 oder Glubb 4.0", sagt er. "4.0 steht für zukunftsorientiert, 2.0 ist fast schon ein bisschen altmodisch." Allerdings verstehen viele Menschen nicht, was 4.0 überhaupt bedeuten soll. Es ist eine schwere Entscheidung. Auf jeden Fall soll rüberkommen: Sörgel will den 1. FC Nürnberg moderner und zukunftsorientierter machen.

Der 69-Jährige ist nicht nur Anhänger des 1. FC Nürnberg und prominenter Kritiker des amtierenden Aufsichtsrats, sondern auch Pharmakologe. Und als solcher kann er erst einmal medizinische Gründe anführen, dass es nichts bringen würde, die anstehende Mitgliederversammlung des Fußball-Zweitligisten zu verschieben: "Dann setzt man darauf, dass die Pandemiezeit im März nächstes Jahr vorbei ist, und ich sage: Das wird nicht der Fall sein." Da es höchstwahrscheinlich nichts mit den Plänen des Vereins wird, eine Freiluft-Versammlung im Oktober im Stadion durchzuführen, fordert Sörgel eine Online-Veranstaltung. Angesichts der Corona-Pandemie wurde das Vereinsrecht dahingehend geändert, dass eine solche nun möglich wäre - und dass sie auch praktikabel ist, hat unlängst der Zweitligakonkurrent Karlsruher SC bewiesen.

Für Sörgel geht es aber nicht nur darum, dass die Aufsichtsratswahlen überhaupt stattfinden können. Für ihn ist eine Online-Veranstaltung die Chance, "dass mal nicht eine Minderheit den Verein bestimmt". Er meint die Mitglieder, die in den vergangenen Jahren zu den Versammlungen in der Meistersingerhalle erschienen, darunter traditionell viele Ultras. Und die, so vermutet er, den Aufsichtsratschef Thomas Grethlein in seinem Amt bestätigen würden. Was wiederum Sörgel keinesfalls tun würde: Er findet "das Auftreten des Clubs nach außen unprofessionell" - manche Räte zeigten sich bei dem einen oder anderen Anlass wie Fans, findet er, im Club-Trikot und mit einem Bier.

Nürnberg - Aue / 22.05.2020 Nürnberg, 22.05.2020, Max-Morlock-Stadion, Fussball, GER, 2.Bundesliga, 27.Spieltag , 1.FC

Das Max-Morlock-Stadion bleibt wohl leer: Die Idee des 1. FC Nürnberg, seine Jahreshauptversammlung an der frischen Luft durchzuführen, hat schlechte Aussichten auf eine Genehmigung.

(Foto: Sven Sonntag / imago)

Beim Karlsruher SC zeigte sich, dass sich die Zahl der Abstimmenden tatsächlich deutlich erhöht - rund ein Drittel der 10 000 Mitglieder nahmen dort teil. Der Club hat 24 000 Mitglieder, nur rund ein Fünftel hat den Wohnsitz in Nürnberg. In den vergangenen Jahren kamen im Schnitt rund 1000 Personen zur Versammlung in der Meistersingerhalle.

Formal entscheidet beim Club der Vorstand über die Frage, ob eine Online-Veranstaltung durchgeführt wird, aber er wird es nicht gegen den Willen des Kontrollgremiums Aufsichtsrat tun. Bislang hat Sörgel von dort nichts gehört. "Ich habe ein Feedback fast gar nicht erwartet", sagt er. "Es ist klar, dass sie nicht interessiert sind, sie sehen ihre Macht in Gefahr." Vorstand Niels Rossow lehnt Sörgels Idee aber nicht pauschal ab: "Wir sind immer offen für konstruktive Vorschläge und prüfen derzeit verschiedene Optionen unter Abwägung aller Vor- und Nachteile in Abhängigkeit der jeweiligen Rahmenbedingungen."

Neben der Außendarstellung kritisiert Sörgel auch sportliche Entscheidungen des Aufsichtsrats - er findet zum Beispiel, dass der Abstieg aus der Bundesliga in der Saison 2018/19 zu vermeiden gewesen wäre, wenn Trainer Michael Köllner früher entlassen worden wäre. Er verstehe ja nicht viel von Fußball, betont Sörgel, "aber ich frage mich, ob viele Leute im Aufsichtsrat sonderlich mehr davon verstehen". Er will daher von den neun Posten künftig drei an Personen "mit sportlicher Kompetenz" vergeben. Am besten gleich online: "Wenn man für ein breites Mitgliedervotum ist, könnte sich der komplette Aufsichtsrat zur Wahl stellen und das Vertrauen prüfen." Turnusgemäß bestätigt werden müssten in diesem Jahr neben Chef Grethlein lediglich die Aufsichtsräte Stefan Müller und Günther Koch.

Fritz Sörgel.

(Foto: imago)

Er selbst strebe kein Amt an, sagt Sörgel, es gebe aber sicherlich zahlreiche Interessenten: "Ich bemühe mich derzeit, Leute zu bündeln und etwas zu entwickeln." Um den Club zu entwickeln, plante der ehemalige Vorstand Michael Meeske eine Ausgliederung des Profifußballs in eine Kapitalgesellschaft, er erkannte aber nach einem längeren Prozess, dass diese in der Halle nicht durchzusetzen sein würde. Sörgel sieht nun die Möglichkeit, "sich ein breiteres Meinungsbild dazu einzuholen, denn ich bin gegen Denkverbote".

Online-Versammlungen als Chance auf einen Umsturz - auch beim Fußball-Drittligisten 1860 München, der etwa genauso viele Mitglieder hat wie der Club, gibt es Leute, die das so sehen. Etwa Robert Kühbandner von den Hauptstadtlöwen Berlin, der der oppositionellen Fangruppierung Arge nahesteht. Er wünsche sich "ein Ergebnis, das mal die Mehrheit von Sechzig spiegelt", und diese Mehrheit wünscht sich seiner Meinung nach ein Präsidium, das wieder mehr auf die Vorstellungen und Wünsche von Investor Hasan Ismaik eingeht. Kühbandner will als Mitglied in Berlin "nicht immer zahlen und die Fresse halten". Wer nicht in München wohne, habe eine "ganz andere Sicht auf die Dinge" - also auf die romantischen Drittliga-Spieltage im Grünwalder Stadion. Nach München zu fahren, um die Fresse mal aufzureißen, sei auch schwierig: "Wenn die Versammlung am Sonntag stattfindet, kannst du es fast vergessen, sie ziehen es ewig in die Länge, da musst du am Montag frei nehmen. Das hat alles System."

Robert Reisinger.

(Foto: imago)

Ob es die behauptete schweigende Mehrheit gibt, die nie in Erscheinung tritt, ist ja eines der größten Rätsel bei 1860. Auch eine klickende Mehrheit bleibt vorerst ein Mythos. Die für Sonntag, 20. September, in der Kulturhalle Zenith angesetzte Versammlung wird wohl kaum stattfinden können - dass der Verein stattdessen online abstimmen lässt, kann sich Kühbandner aber auch nicht vorstellen: "Sie haben die Leute dann nicht mehr unter Kontrolle." In diesem Jahr stehen zwar keine Wahlen an, aber Entlastungen des Präsidiums und des Verwaltungsrates - und eine Satzungsänderung, die den Einfluss der Arge-Mitglieder weiter verringern könnte. Wenn sie die Versammlung vorzeitig verlassen, würden ihre Stimmen künftig nicht mehr als Enthaltungen gezählt.

Für Roman Beer, Fußball-Abteilungsleiter beim TSV 1860 und Satzungsexperte, ist eine Veranstaltung am Computer eine "Briefwahl durch die Hintertür". Er halte es für "kritisch, wenn man sich in einer Veranstaltung nicht mehr mit Argumenten auseinandersetzt". Zu Hause sei die Gefahr groß, "dass die Mitglieder sagen: Ich höre mir doch keine stundenlangen Debatten an, sondern gebe einfach meine Stimme ab." Als Beispiel nennt Beer eine Abteilungsversammlung aus dem Jahr 2009. Damals stellte die Arge noch die Mehrheit der Anwesenden, aber sie entschieden sich nach der Diskussion gegen den Kandidaten ihrer eigenen Führung und für den jetzigen Präsidenten Robert Reisinger als Abteilungsleiter.

Zudem ist Sechzig gewohnt, dass Wahlen von Mitgliedern juristisch angefochten werden. Beer glaubt, dass das nach einer Online-Versammlung auch passieren könnte: "Dann kommt wieder einer, der sagt, dass bei ihm das Internet zusammengebrochen ist." Präsident Reisinger will eine Online-Variante gar nicht kategorisch ausschließen - dann allerdings womöglich als reine Informationsveranstaltung ohne jegliche Abstimmungen, also auch ohne die Entlastungen. "Das ist eine Kostenfrage, ob es um ein paar hundert Euro geht oder um zehntausend", sagt er. Dass er nicht entlastet werden könnte, fürchtet Reisinger nicht: "Da hätte ich keine Angst. Ich bin überzeugt, dass die Entscheidungen der Mitgliederversammlungen die Mehrheitsverhältnisse widerspiegeln."

Bei den Befürwortern der Online-Variante, ob in Nürnberg, München oder anderswo, schwebt stets die Erwartung mit, dass sie auch in einer Post-Corona-Zeit erhalten bleibt - wenn sich die Abläufe ohnehin eingespielt haben. Das schließt Reisinger mit Blick auf die Vereinssatzung aus. Es sei denn, die Mitglieder ändern sie - live, vor Ort, in einer Halle.

© SZ vom 14.08.2020

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