Fußball-Bundesliga Es droht die Nullersaison

Wieder kein Tor: Ciro Immobile von Borussia Dortmund.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Hat sich die Fußball-Bundesliga ein Beispiel am WM-Finale genommen? Es häufen sich Null-Tore-Spiele. Fürs Publikum ist das ein Graus, für die Klubs ein Fortschritt.

Ein Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Noch hat die argentinische Botschaft die Kanzlerin nicht einbestellt, um sich über das Treiben im Süden Deutschlands zu beschweren. Dort, das ist gesichert, führen gerade Menschen auf Bänken und Tischen in Riesen-Zelten einen wilden Tanz auf.

Dieser Tanz ist nicht schön, er wird von vielen als politisch nicht korrekt empfunden, allerdings transportiert er nur ein Kinderlied ("So reit' der Cowboy . . .") in die Gegenwart. Und zwar derart surreal, dass in den Riesen-Zelten nun Reisegruppen aus Kentucky und Korea dabei beobachtet werden, wie sie abwechselnd einen Buckel machen oder mit ihren Fäusten Luftlöcher schlagen. Denn so geht er nun einmal, der Gaucho-Tanz . . . - die Musi spielt dazu, zum Oktoberfest-Hit 2014.

Dass die Argentinier die Kanzlerin nicht einbestellt haben, liegt zum einen daran, dass ihnen jener hierzulande heiß diskutierte Gaucho-Tanz nahezu egal war, den die deutschen Nationalspieler am 15. Juli 2014 vor dem Brandenburger Tor aufführten. Aber auch daran, dass die vermeintlich diffamierten Südamerikaner selbst eine Heldenrolle im WM-Finale einnahmen. In einem Duell, das die These widerlegte, dass nur Tore den Fußball würzen. Einem Duell, das seine Dramatik daraus bezog, dass die Null lange stand, auf beiden Seiten, und dass diese Null buchstäblich bis aufs Blut verteidigt wurde. Je länger das Finale dauerte, desto klarer wurde: Ein Geniestreich nur, von Lionel Messi oder sonstwem, dann ist es vorbei. Wer das erste Tor kriegt, hat verloren, der kommt nicht mehr zurück.

Es scheint im Moment fast so, als habe dieses Finale einen Trend gesetzt. Als nehme sich die Bundesliga daran ein Beispiel. Gab es in der Saison 2013/14 nur 13 Nullnummern, so sind es nach sechs von 34 Spieltagen schon sieben. Am zweiten Spieltag hatte es gar den ersten torfreien Bundesliga-Sonntag (0:0; 0:0) überhaupt gegeben. Und es wird generell gegeizt: Bislang wurden erst 137 Saisontore (Vorjahresvergleich: 180) erzielt; der Schnitt pro Partie stürzt ab (2,54 anstatt 3,33).

Die Ursachenforschung verweist schnell auf die Strapazen der WM, sogar der FC Bayern hatte ja bereits eine Nullnummer im Programm. Doch gerade jene Klubs, die die meisten Weltmeister stellten, München, Dortmund, Schalke, liefern aktuell die abenteuerlichsten Resultate. Nullnummern hingegen fertigt primär der Bundesliga-Mittelstand, exemplarisch das 0:0 vom Freitag von Mainz und Hoffenheim. Beide Teams blieben ungeschlagen, beide Trainer priesen unisono ihre gute Team-Organisation. In Hoffenheim ist Trainer Markus Gisdol zu Recht stolz darauf, den Spektakelfußball der Vorsaison (Torverhältnis 72:70) in eine höhere Ordnung überführt zu haben.

Der Unterschied zur WM ist allerdings der: Es gibt keine Verlängerung, es muss keine Entscheidung fallen; niemand darf wie Mario Götze erst in Minute 113 treffen. Verkeilen sich im Liga-Alltag zwei innovative Teams in deckungsgleichen Gegen-den-Ball-Strategien ineinander wie Mainz und Hoffenheim, so ist das für die Vereine zumeist ein Fortschritt, fürs Publikum aber mitunter ein Graus. Zumal ein Stürmer, der etwas versucht, oft nur die banale Erkenntnis hinzu gewinnt, dass er im Torwartland unterwegs ist - alles zugestellt von Manuel-Neuer-Epigonen.

Ob der Stadionbesucher ein Nullerjahr toleriert? Ob er der Liga trotz dieses taktischen Trends zur Torarmut die Treue hält? Wer weiß, vermutlich träumt mancher schon - während so ein 0:0 vor sich hinplätschert - vom Volksfest und einer Polonaise mit den Koreanern. Oder vom wilden Ritt als Cowboy nach Kentucky.