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Frauenfußball-WM in Kanada:Heißes Pflaster

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Spielfreude pur: Die Mexikanerinnen freuen sich über einen Treffer bei der WM in Kanada.

(Foto: Franck Fife/AFP)
  • Kunstrasen, exquisite Standards, Trainer, die auch für die Männer interessant sind: Die siebte Frauenfußball-WM ist ein Entwicklungslabor, das viele spannende Erkenntnisse bietet.
  • Zu den Ergebnissen und Spielplan der Frauen-WM geht es hier.

Von Kathrin Steinbichler, Ottawa

Die Schulgruppe, die jetzt vor dem abgegriffenen Holzstück im ersten Stock des Canadian Museum of History stehen bleibt, sieht ihre Lehrerin fragend an. "Canada needs a flag NOW!", steht auf dem langen Brett, das 1964 auf einem Auto montiert durch Ontario fuhr. Sein Besitzer unterstützte damals diejenigen im Parlament, die forderten, die frühere britische Kolonie solle endlich mit einer eigenen Flagge ihre Eigenständigkeit und Unabhängigkeit zeigen. "Was haben die Leute ohne Flagge gemacht?", fragt ein Schüler. Die Lehrerin lächelt ihn an: "Die Leute wollten eine Flagge, weil sie stolz waren auf das, was sie erreicht hatten, und das wollten sie auch zeigen. Wer von euch hat etwas mit dem Ahornblatt zum Anziehen im Schrank?" Fast alle Finger schnellen jetzt nach oben.

50 Jahre nach seiner Einführung erlebt das Banner mit dem Ahornblatt derzeit nicht nur eine Sonderausstellung in der Hauptstadt, sondern auch eine Renaissance auf Kanadas Straßen. Die Frauenfußball-WM ist im Land, sie ist das erste weltweit ausgestrahlte Sportereignis aus Kanada, das quer über das ganze Land in sechs Spielorten verteilt ist und durch die vergrößerte Teilnehmerzahl noch mehr TV-Zuschauer anzieht. Mehr als 53 000 Zuschauer feuerten in Edmonton die Gastgeberinnen beim 1:0 im Eröffnungsspiel gegen China an - Zuschauerrekord im kanadischen Fußball.

Doch nach der ersten Turnierwoche hat eine heftige Debatte begonnen, ob Kanada mit sich und seiner Gastgeberrolle wirklich zufrieden sein kann. Kommentator John Doyle etwa vom Hauptstadtblatt The Globe and Mail lobt zwar die hohen TV-Einschaltquoten in Kanada und der Welt, argwöhnt aber, ob es klug war, sich auf den Fußball-Weltverband Fifa und seine Vorstellungen vom Turnier einzulassen.

Im offiziellen Programmheft, dem einzigen Ort in Kanada, an dem der strauchelnde Joseph Blatter bei dieser WM überhaupt vertreten ist, beschwört der Fifa-Präsident als Freund der Superlative noch das Wachstum im Frauenfußball. Schließlich nehmen nun erstmals 24 statt 16 Mannschaften teil, was zu mehr Spielen, mehr Besuchern und noch mehr TV-Zuschauern weltweit führt. Auch darf sich der Titelgewinner diesmal über eine Verdoppelung der Siegprämie auf zwei Millionen US-Dollar freuen. Allerdings haben Blatter und die Fifa-Exekutive mit ihrem Bestechungsskandal nun selbst dafür gesorgt, dass die weltweite Aufmerksamkeit im Fußball von den Frauen weg- und wieder hin zu den Männern gelenkt ist. "Vielleicht", sagt daher Doyle, "ist es einfach mal Zeit für einen kleinen Realitäts-Check." Nicht im Sinne der Zahlen, die sich sicher auch mit dieser WM wieder steigern werden, sondern im Sinne der Erwartungshaltung. Vielleicht geht es ja im Frauenfußball nicht länger nur um Zuwächse, sondern um die verbesserte Professionalität des Sports.

Alle vier Jahre aufs Neue muss der Frauenfußball sich wieder nach seinem Sinn und Unsinn fragen lassen. Wer will das sehen? Wie gut ist die Qualität? Und noch immer: Ist das wirklich Fußball? Auf alle drei Fragen gibt diese WM ein Antwort. 2011 in Deutschland gingen 700 000 der eine Million Stadionkarten in den freien Verkauf und auch zumeist weg - die Auslastung war ein Traum für die Organisatoren. Auch in Kanada sind schon mehr als eine Million Eintrittskarten verkauft. Für das Ziel, insgesamt eineinhalb Millionen Tickets abzusetzen, brauche Kanada aber "Kanada und die USA in den K.o.-Spielen", sagt Victor Montagliani, der Chef des Organisationskomitees.

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