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Formel 1 in Baku:Druck auf der Strecke

Azerbaijan Grand Prix

Startet in Baku von Platz zwei aus: Lewis Hamilton.

(Foto: Maxim Shemetov/REUTERS)

Das Qualifying zum Großen Preis von Baku zeigt, wie eng es derzeit in der Formel 1 zugeht. Lewis Hamilton gerät erstmals seit dem WM-Titel von Nico Rosberg wieder merklich unter Druck.

Von Elmar Brümmer

Würde die Formel 1 nur aus Rennen auf öffentlichen Straßen bestehen, dann stünde die Scuderia Ferrari wohl endlich wieder da, wohin sie sich seit 2007 vergeblich sehnt: ganz weit vorn. Die samstägliche Form des italienischen Rennstalls, der sich so langsam wieder von den internen und technischen Quälereien der letzten Jahre erholt, ist bestechend. Vor zwei Wochen in Monte Carlo eroberte Charles Leclerc schon die Pole-Position, beim Großen Preis von Aserbaidschan parkt der Monegasse erneut wieder ganz vorn - sofern das Getriebe diesmal die Fahrt in die Startaufstellung problemlos übersteht, was vor zwei Wochen auf kuriose Art und Weise misslang.

Auf Strecken mit vielen langsamen Kurven liegt das rote Auto ziemlich gut, entscheidend aber waren sowohl am Samstag als auch vor zwei Wochen die roten Flaggen, die im richtigen Moment für Leclerc kurz vor Schluss jeweils die Session beendeten. Er hatte seine Bestzeit damit im Sack, die anderen mussten die schnellsten Runden abbrechen. In Monaco hatte er selbst unfreiwillig die Barrieren geküsst, in Baku besorgten das der Japaner Yuki Tsunoda und sein Teamkollege Carlos Sainz junior. Einmal mehr traft es den WM-Spitzenreiter Max Verstappen, der mit dem favorisierten Red Bull-Honda nur als Dritter starten darf - hinter seinem wieder erstarkten Rivalen Lewis Hamilton.

Die spontanen Zitate der ersten Drei charakterisieren das Tohuwabohu der verlängerten Qualifying-Stunde von Baku ganz gut: "Eigentlich war es eine Sch....runde", bilanzierte Leclerc nach der neunten Pole-Position seiner Karriere. "Wir wissen nicht, warum es so gut lief", befand Hamilton, der die Pole nur um 0,232 Sekunden verpasste. "Blöd gelaufen, wenn man ein gutes Auto hat und dann dieser Sch...", ärgerte sich Verstappen. Auch der Heppenheimer Sebastian Vettel als Elfter war in der Runde zuvor durch einen Abbruch um ein besseres Resultat mit seinem Aston Martin gebracht worden.

Mercedes ist derzeit ein Schatten früherer Zeiten

Für die Spannung beim sechsten WM-Lauf hätte das Ergebnis nicht besser sein können, auch im Rennen scheint alles möglich zu sein - zu eng sind die Durchfahrten in der Altstadt, zu nah verläuft die Ideallinie an den Barrieren entlang. "Wir sind wieder im Spiel", freute sich ein sichtlich überraschter Mercedes-Teamchef Toto Wolff, der für das Gastspiel am Kaspischen Meer zunächst nur die Devise "Schadensbegrenzung" ausgegeben hatte. Mercedes ist ein Schatten strahlender Zeiten, was auch der zehnte Platz des Finnen Valtteri Bottas ausdrückt. Das Weltmeisterauto ist nicht gemacht für Engstellen, zu lang und damit schwerer zu manövrieren. Nur der extreme Anpressdruck auf den langen Geraden und ein Windschatten zur rechten Zeit brachten den in der Gesamtwertung vier Punkte hinter Verstappen liegenden Hamilton wieder zurück nach vorn.

Toto Wolff hatte zuletzt eine ungewöhnliche generelle Formschwäche von Technik, Team und Fahrern zu verkraften - und befand sich zudem im heftigen Clinch mit seinem Red-Bull-Gegenspieler Christian Horner. Mercedes hält den Heckflügel der Konkurrenz für viel zu biegsam, was Horner mit einem "Er soll die Klappe halten" abtat. Wolff, ganz gegen seine sonstige Art, bescheinigte dem Briten: "Er ist ein Schwätzer, der sich gern im Fernsehen sieht."

Der Zwist zwischen den Chefetagen lässt den beiden derzeit besten Fahrern der Formel 1 die Chance, sich ganz auf sich zu konzentrieren. Das Geschehen verlagert sich auf die Piste, wo sich auch Verstappen mittlerweile an der Langzeit-Strategie von Hamilton orientiert. "Es ist wichtiger, dass wir nach dem letzten Rennen in Abu Dhabi Erster sind", sagt der Mann, der bislang jedes Rennen in dieser Saison entweder als Erster oder Zweiter beendet hat. Die besonders im letzten Jahr eher fehleranfällige Kombination Verstappen und Red Bull ist an sich und am einst übermächtigen Gegner gewachsen, dem sich plötzlich auf Augenhöhe begegnen lässt. "Wir dürfen uns aber auch nichts mehr leisten", weiß Verstappen.

Nur Nico Rosberg konnte Hamilton einst so unter Druck setzen wie aktuell Verstappen

Für Lewis Hamilton ist die Situation in dieser Saison nicht nur sportlich neu, sondern auch psychisch ungewohnt. Seit dem direkten Duell mit seinem Teamkollegen Nico Rosberg hat er keinen ernsthaften Gegner mehr erlebt, der so wenig für ihn greifbar ist. Rosberg hatte 2016 gegen den übermächtigen Briten erfolgreich sein können, in dem er sich nur auf das eigene Tun konzentrierte und den Rivalen komplett ausblendete. Hamiltons gezielte Sticheleien außerhalb der Piste waren ihrer Angriffsfläche beraubt. Als dann noch technisches Pech hinzu kam, geriet er völlig von der Rolle. So würde das auch Verstappen in diesem Jahr gern handhaben. "Du musst selbst natürlich immer daran glauben, dass Du der Beste bist", sagte er in Baku über sein Selbstverständnis. "Die WM-Führung gibt ihm seinen Seelenfrieden", bescheinigt Sebastian Vettel. Der Heppenheimer weiß das aus eigener Erfahrung, auch wenn er dazu ein Weilchen zurückdenken muss.

Lewis Hamilton ist ob seiner großen Erfahrung natürlich generell nachdenklicher. Zum Auftakt des sechsten WM-Laufs sprach er statt über die Flexiwings oder Verstappen lieber weit ausführlicher über seine Seelenverwandtschaft zur Tennisspielerin Naomi Osaka, die vor dem French Open mit Verweis auf ihre psychische Gesundheit zurückgezogen hatte. Auch er habe zu Beginn seiner Karriere größere Schwierigkeiten gehabt, plötzlich im Rampenlicht zu stehen, fühlte sich damals unvorbereitet und überfordert. Auch als er mitten im Clinch mit Rosberg den britischen Medien Auskünfte verweigerte, musste er dafür fast ein Jahr lang durch bittere Schlagzeilen büßen. Heute wisse er, dass er immer das tun müsse, was am besten für ihn ist. Er unterstützte Osaka daher über die sozialen Medien und kritisiert auch die Sanktionen der Tennisfunktionäre: "Es sollte keinen Fall geben, in dem jemand so unter Druck gesetzt wird."

© SZ
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