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Football:Hat so kleine Hände ...

LSU s quarterback Joe Burrow runs for 29 yards to set up a touchdown in second quarter of the college national champions

Kleine Hände, schnelle Beine: Quarterback Joe Burrow Ende Januar auf dem Weg zu einem Touchdown gegen Clemson in New Orleans.

(Foto: Pat Benic/imago)

Eine Mischung aus Marktplatz und Psychologie-Praxis - die traditionelle Auswahl der besten Nachwuchsspieler im Football sollte in Las Vegas stattfinden. Jetzt wird aus Wohnzimmern in Wohnzimmer gesendet.

Die Hände von Joe Burrow sind 22,5 Zentimeter lang. Ja, so was ist allgemein bekannt in den Vereinigten Staaten, und es spielt tatsächlich eine Rolle bei der Bewertung des Nachwuchs-Quarterbacks. Am diesem Donnerstag begann der NFL-Draft, die jährliche Talentbörse der US-Footballliga. Burrow ist trotz seiner winzigen Hände (die von Dallas' Spielmacher Dak Prescott sind fast 28 Zentimeter lang) als erster Spieler dieses Jahrgangs von den Cincinnati Bengals gewählt worden - doch allein die Hand-Debatte zeigt, welch groteske Dimensionen das Messen der Talente mittlerweile angenommen hat und wie verrückt die Veranstaltung in diesem Jahr werden dürfte.

Burrow reagierte auf die Diskussion mit einem augenzwinkernden Twitter-Eintrag ("Muss übers Karriereende nachdenken, seit ich weiß, dass mir Footbälle durch die Hände schlüpfen werden. Denkt ab und zu an mich"). Er hätte nach seiner Wahl in einem Boot über den künstlichen See vor dem Bellagio in Las Vegas zu einer Bühne gebracht werden sollen, während hinter ihm die berühmten Wasser-Fontänen tanzen, doch dazu kam es nicht. Er saß daheim, NFL-Chef Roger Goodell verkündete die Entscheidung von seinem Keller aus, die der Manager der Cincinnati Bengals von seinem Wohnzimmer aus an Goodell übermittelt hatte. Die NFL zieht diese dreitägige Wahl der 255 Nachwuchsspieler trotz Coronavirus-Pandemie durch.

Es gibt dieses wunderbare Foto von vor 50 Jahren, zu sehen ist der damalige NFL-Chef Pete Rozelle. Er deutet im Belmont Plaza Hotel in New York auf eine weiße Tafel, oben ist der Name von Quarterback Terry Bradshaw hingekritzelt, den die Pittsburgh Steelers gewählt hatten. Ähnlich dürfte es, unter Zuhilfenahme modernerer Kommunikationsmittel, auch an diesem Wochenende aussehen, und wer wissen will, warum das so wahnwitzig ist, der sollte die Evolution des NFL-Drafts kennen. Die NFL ist ein kapitalistisch-sozialistisches Gebilde, die Liga ist Verband und Unternehmen mit dem klaren Auftrag, die Gewinne der 32 Teams zu maximieren. Es gibt keinen Auf- und Abstieg wie im europäischen Fußball - dafür eine Gehaltsobergrenze, damit sich vermögende Klubs kein Superteam zusammenstellen können. Im Gegenteil: Der Klub mit der schlechtesten Bilanz der Vorsaison (das waren die Bengals mit 2:14 Siegen) darf beim Draft zuerst wählen; Super-Bowl-Sieger Kansas City Chiefs wählt in jeder der sieben Runden als Letzter, so soll perspektivisch Chancengleichheit für alle garantiert werden.

Ein Klub kann beim Draft seine Zukunft prägen, positiv wie negativ, weshalb davor gerne an die dollsten Entscheidungen erinnert wird. Zum Beispiel: Tom Brady, New England Patriots, 199. Stelle - der heute 42-Jährige wurde zum besten Quarterback der Welt. Aber auch an Profis wie JaMarcus Russell, den die Oakland Raiders im Jahr 2007 als ersten Akteur wählten und der seine Karriere nach nur 31 Spielen wegen Übergewichts und Faulheit beenden musste. Genau darin besteht die Kunst von NFL-Managern: Sie müssen bewerten, ob es einer bei den Profis schaffen kann, und dann müssen sie dafür sorgen, dass ihn niemand beim Draft früher wählt.

Es geht deshalb vor dem Draft zu, als wäre dies eine groteske Mischung aus Marktplatz, Psychologie-Praxis und Wahrsager-Zelt. Die Akteure werden vermessen, es wird geprüft, was sie körperlich leisten können. Sie müssen aber auch psychologische Tests absolvieren oder bei Gesprächen mit Offiziellen der Teams peinliche und provokante Fragen beantworten. Sie sollen zeigen, dass sie unter Druck mit Unvorhergesehenem umgehen können. Anhand dieser Analysen erstellen die Klubs ihre interne Reihenfolge (genannt: "The Board"). Diese bekommt natürlich einen Streng-geheim-Stempel. Und dann beginnt das Geschachere mit den anderen Football-Firmen.

Es ist nämlich erlaubt, das Wahlrecht zu tauschen. Die Detroit Lions zum Beispiel hatten angedeutet, dass sie bereit wären, gegen ein adäquates Angebot auf den Pick an dritter Stelle zu verzichten. Wer also Interesse an den Verteidigern Chase Young, Jeff Okudah oder Isaiah Simmons hatte, jedoch nicht als einer der ersten zehn Vereine wählen darf, der könnte bei den Lions anfragen, was die für ihr frühes Wahlrecht haben wollen. Wie so ein Tausch auch noch funktionieren kann, war zu Wochenbeginn beim Comeback von Rob Gronkowski zu bestaunen. Die Tampa Bay Buccaneers, die immer noch die Rechte an dem populären 30-jährigen Profi besaßen, gaben für ihn ihren 139. Pick ab. Sie bekamen dafür Gronkowski und den 241. Pick der Patriots.

Es geht also darum, sich einen Informationsvorsprung gegenüber den anderen zu verschaffen. Und sie dann mit cleveren Entscheidungen zu überlisten. Nur: Wie lässt sich in der Pandemie ein Spieler analysieren, wenn man sich nur per Videokonferenz mit ihm unterhalten kann? Wie funktionieren die Verhandlungen mit anderen Klubs, wenn die Verantwortlichen nicht in einem Zimmer (genannt: "War Room") feilschen können, sondern nur am Telefon? Wird es Angriffe von Hackern geben? Und was passiert, wenn während des Drafts (in der ersten Runde hat jeder Verein zehn Minuten Zeit für seine Entscheidung, danach weniger) die Internet-Verbindung zusammenbricht wie jüngst bei einem Test?

"Ich glaube, dass sich den Vereinen eine einmalige Chance bietet", sagt Kevin Burkhardt über den diesjährigen Draft, an dem kein deutscher Spieler beteiligt ist. Er ist Experte beim TV-Sender Fox und deshalb in Kontakt mit Managern und Spielern: "Es gibt weniger Druck als in anderen Jahren, weil Verantwortliche bei Misserfolg auf die Umstände verweisen können - sie dürfen also ohne Rücksicht auf die Meinung von Fans oder Experten jene Spieler wählen, die sie wirklich haben wollen."

Für die NFL ist der Draft, da kommt wieder die kapitalistische Komponente ins Spiel, ohnehin eine der wichtigsten Veranstaltungen des Jahres. Im vergangenen Jahr sahen an den drei Tagen insgesamt 47,5 Millionen Leute zu. Und da derzeit praktisch kein Live-Sport stattfindet, lechzen die Leute nach Ereignissen, bei denen tatsächlich was passiert.

Beim Draft der Frauen-Basketballliga WNBA sahen kürzlich 387 000 Amerikaner live zu, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Die NFL dürfte deshalb über die drei Tage hinweg neue Einschaltquoten-Rekorde verbuchen. Egal, ob einer mit dem Boot über einen künstlichen See fährt oder von seiner Wahl im Wohnzimmer erfährt.

© SZ vom 24.04.2020

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