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Fifa:Jahresdefizit von 100 Millionen Dollar

Gegen acht Uhr wurden die 20 Funktionäre, darunter der deutsche Vertreter Wolfgang Niersbach, vom Hotel am See auf den Zürichberg ins Fifa-Hauptquartier chauffiert. Dort wurde in Windeseile alles für einen angemessen dezenten Medienauftritt eingerichtet. Denn eigentlich hatte, nach alter Sitte ohne Vorankündigung, eine Revolution auf der Agenda gestanden: die Aufstockung der Fußball-WM von 32 auf 40 Teams. Ein Coup, der mehr zufriedene Fußballnationen und noch mehr Geld für die Fifa-Kassen generieren sollte. Nun wurde er abgeblasen - weil er zu sehr an die klassische Fifa erinnert? Niersbach teilte mit, die Sache werde weiter geprüft. Asiaten und Afrikaner hätten sich besonders dafür eingesetzt. Anzunehmen, dass auch die zwei Verhafteten zugestimmt hätten, wenn für ihre Verbände mehr WM-Plätze rausgesprungen wären. Statt über Nacht das turnierkompatible 32er-Format zu sprengen und die WM auf 40 Teams aufzublähen, mussten nun andere Kernbeschlüsse getroffen werden. Während Interimspräsident Issa Hayatou (Kamerun) nach Zeugenberichten mit dem Schlaf kämpfte, winkte das Gremium die Vorschläge der neuen Reformkommission durch.

Die stammten weniger aus dem Gremium, dessen Mitglied Ahmad Al-Sabah (Kuwait) die Reformen sogar bis zuletzt hintertrieb, als aus der Feder von Domenico Scala. Der Fifa-Compliance-Chef hatte das schillernd besetzte Grüppchen wiederholt offen kritisiert. Die Reformpläne sind abgesegnet, sie brauchen aber eine Dreiviertel-Mehrheit im Kongress Ende Februar. Zudem fehlt es weiter an Spitzenfunktionären, die die neuen Ämter angemessen ausfüllen könnten. Aushilfs-Präsident Hayatou musste sich vor der Presse Fragen erwehren, was es mit den Korruptionsvorwürfen gegen ihn persönlich auf sich habe, die unter anderem schon im britischen Parlament erörtert wurden. Antwort: "Ich wäre nicht hier, lieber Freund, wenn das bewiesen wäre." Der langjährige Afrika-Chef beteuerte, er habe "nie einen Dollar" kassiert. Was das Internationale Olympischen Komitee anders sah, als es sein Mitglied Hayatou 2011 wegen einer Geldannahme sanktionierte.

Geld kann nun auch die Fifa gut gebrauchen. In Zürich sickerte durch, dass sie 2015 ein Jahresdefizit von rund 100 Millionen Dollar zu beklagen habe. Das erste dicke Minus seit 2001; damals war die Schmiergeldagentur ISL kollabiert, die sich die Rechte an den WM-Turnieren 2002 und 2006 erkauft hatte. Im laufenden Jahr nun hatte die Fifa juristische und administrative Sonderkosten, zugleich liefen ihr Sponsoren davon. Neu einsteigen will vorerst niemand. Und die verbliebenen Top-Partner - Visa, Coca Cola, McDonald's und die alten Getreuen von Adidas - hatten vor der Exekutivsitzung öffentlich gefordert, einen Reformprozess unter unabhängiger Überwachung einzuleiten.

Nun wird es nicht nur in der Schweizer "Ausschaffungshaft" eng. Die US-Justiz zielt unter anderem auf hochrangige Funktionäre in Brasilien. Zu den Beschuldigten zählt nach SZ-Informationen Verbandschef Marco del Nero, gegen den seit zehn Tagen auch das Fifa-Ethikkomitee ermittelt, sowie der langjährige Fifa-Vorstand Ricardo Teixeira. Letzterer gilt als eine der größten Skandalfiguren im Fifa-Dunst. Teixeira war als Schwiegersohn des Blatter-Vorgängers an der Fifa-Spitze, Joao Havelange, in hohe Fußballämter gelangt; bis heute verdient er üppig an Freundschaftsspielen der brasilianischen Selecao - obwohl er 2012 wegen Ermittlungen der heimischen Bundespolizei alle Posten abgegeben hatte und nach Florida verschwunden war. Von dort floh er im Mai zurück nach Brasilien, als die US-Justiz erste Festnahmen vornahm. Betroffen davon war auch Teixeiras engster Geschäftspartner, der eine Marketingagentur in den USA betrieb.

Die Liste der 16 verdächtigen Fifa-Funktionäre

Die beiden Fifa-Vizepräsidenten Juan Angel Napout (Paraguay) und Alfredo Hawit (Honduras) wurden am Donnerstag verhaftet, gegen 14 weitere Funktionäre des Fußball-Weltverbandes ermittelt die Justiz. Die Liste der 16 neuen Verdächtigen (Quelle: AFP).

Die beiden Verhafteten:

Alfredo Hawit, Honduras: Fifa-Vizepräsident, Concacaf (*1)-Präsident.

Juan Angel Napout, Paraguay: Fifa-Vizepräsident, Conmebol (*2)-Präsident.

Die 14 weiteren Verdächtigen:

Ariel Alvarado, Panama: Mitglied des Fifa- Disziplinarkomitees, ehemaliges Mitglied des Concacaf-Exekutivkomitees.

Manuel Burga, Peru: Mitglied des Fifa- Entwicklungskomitees. Ehemaliger Präsident des peruanischen Verbandes.

Rafael Callejas, Honduras: Mitglied des Fifa-TV- und Marketing-Komitees.

Carlos Chavez, Bolivien: Conmebol-Schatzmeister. Ehemaliger Präsident des bolivianischen Verbandes.

Luis Chiriboga, Ecuador: Präsident des ecuadorianischen Verbandes und Mitglied des Conmebol-Exekutivkomitees.

Marco Polo del Nero, Brasilien: Präsident des brasilianischen Verbandes. Gerade aus dem Fifa-Exekutivkomitee zurückgetreten.

Eduardo Deluca, Argentinien: Ehemaliger Conmebol-Generalsekretär.

Brayan Jimenez, Guatemala: Präsident des guatemaltekischen Verbandes, Mitglied des Fifa-Komitees für Fairplay und soziale Verantwortung.

José Luis Meiszner, Argentinien: Conmebol-Generalsekretär.

Romer Osuna, Bolivien: Mitglied der Fifa- Audit- und Compliance-Kommission (*3). Ehemaliger Conmebol-Schatzmeister.

Rafael Salguero, Guatemala: Ehemaliges Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees. Früherer Präsident des guatemaltekischen Verbandes.

Ricardo Teixeira, Brasilien: Ehemaliges Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees. Früherer Präsident des brasilianischen Verbandes.

Hector Trujillo, Guatemala: Generalsekretär des guatemaltekischen Verbandes. Richter am guatemaltekischen Verfassungsgericht.

Reynaldo Vasquez, El Salvador: Ehemaliger Präsident des Verbandes von El Salvador.

*1: Concacaf = Verband von Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik

*2: Conmebol = Kontinentalverband Südamerikas

*3: Die Audit- und Compliance-Kommission der Fifa soll Vollständigkeit und Verlässlichkeit der Rechnungslegung gewährleisten und im Auftrag des Exekutivkomitees die Berichte der externen Buchprüfer prüfen. sid

© SZ vom 04.12.2015/ska
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