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Fifa-Affäre:Geheimnisse im Tresor

FIFA President Infantino fights for ball during a friendly soccer match between 2018 World Cup Organising Committee and Rosich-Starco team of Russian politicians and pop stars in Moscow

Immer schön am Ball bleiben: Der neue Fifa-Chef Gianni Infantino kickte neulich in Moskau mit russischen Funktionären und Politikern.

(Foto: Maxim Shemetov/Reuters)

Schweizer Ermittler finden neue Unterlagen im Büro des Spitzenfunktionärs Kattner. Auch der neue Präsident Infantino gerät immer stärker in die Bredouille.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner, Zürich/München

Besuche in der Zentrale des Fußball-Weltverbandes (Fifa) zählen fast schon zur Routine für die Ermittler der Schweizer Bundesanwaltschaft. Drei Razzien gab es seit Mai 2015, elf Terabyte Daten wurden konfisziert. Doch bei der letzten Durchsuchung am 2. Juni brauchte es keinen Computer und keinen Stick, um neue Dokumente zu erhalten, sondern andere Methoden. Die Bundesanwaltschaft bestätigte der SZ auf Anfrage, dass der Tresor des Tage zuvor entlassenen Funktionärs Markus Kattner geöffnet worden sei. Dabei wurden Unterlagen sichergestellt, die dem langjährigen Finanzchef und kurzzeitigen Interims-Generalsekretär der Fifa zuzurechnen seien, so die Behörde weiter.

Der Vorgang wirft ein neues Licht auf die in der Fifa und ihrem Umfeld andauernde Schlammschlacht, die mit der Präsidenten-Kür Ende Februar losbrach und seit Wochen auch gut unterfüttert nach außen dringt. In der einen Ringecke Gianni Infantino, der neue Boss; in der anderen Kattner - sowie Domenico Scala, der Mitte Mai unter Protest als Chef-Aufseher zurückgetreten war. Gut und Böse gibt es in diesem Konflikt nicht; alle Protagonisten sind im Visier der internen Ethiker und auch der staatlichen Ermittler.

Die Tresoröffnung und der Fund von Papieren, die nach Angaben aus Fifa-Kreisen nicht bekannt waren, könnten den Verdacht verstärken, dass die früheren Spitzen des Verbandes über viele Jahre klandestin zusammenarbeiteten. Anfang Juni erklärte die Fifa, dass sich der langjährige Patron Sepp Blatter, der im Januar entlassene Generalsekretär Jérôme Valcke sowie Kattner einander üppige Saläre und Boni zuschanzten; allein für die Zeit von 2011 bis 2015 in einem Gesamtwert von 79 Millionen Franken. Dem Vernehmen nach war nur wenige Tage vor dem Besuch der Bundesanwaltschaft der Tresor schon einmal geöffnet worden - im Beisein von Anwälten der Fifa und Kattners sowie eines Notars. Im Safe soll akribisch gehortetes Material gelagert haben, Verträge, Sitzungs- und Gedächtnisprotokolle, Notizen. Das klingt nach neuem Zündstoff in der Affäre.

Kattner will sich auf Anfrage nicht äußern zum Vorgang und der Frage, ob der Fifa bewusst Dokumente vorenthalten worden seien. Eine ihm nahestehende Person sagt lediglich, dass es keine Gründe für die erfolgte fristlose Kündigung gebe.

Die Fifa teilt mit, sie sei kurz vor dem Abschluss einer Strafanzeige gegen Kattner: "Wir sind dabei, alles zusammenzustellen und dann die nötigen Schritte zu ergreifen." Zugleich wird darauf verwiesen, dass die Strafanzeige gegen Ex-General Valcke ja auch gedauert habe, alles müsse wasserdicht sein. Nicht nur bei Kattner: Auch bei Scala werde jede Art von Schritten geprüft.

Der Mitschnitt einer Fifa-Sitzung offenbart, wie schamlos an Scalas Position gesägt wurde

Mit den vielen Fragen um das Salär-Kartell Blatter/Valcke/Kattner rückt in der Tat auch die Rolle des Mannes in den Fokus, der jahrelang ihr Chef-Aufseher war. Der Schweizer Manager Scala erwarb sich zwar Verdienste um das Reformpaket. Zugleich aber war er seit 2012 Chef der Audit- sowie seit 2013 Chef der Vergütungskommission: Die bewilligte oder kürzte Boni, segnete Verträge ab und legte unter anderem das Salär des Präsidenten fest. Seinen Abgang im Mai begründete Scala mit einer in der Tat fragwürdigen und überfallartigen Statutenänderung, die Infantino beim Kongress in Mexiko durchgedrückt hatte und die den Fifa-Vorstand ermächtigt, seine Kontrolleure selbst auszuwählen und abzusetzen. Die Scala-Fraktion spricht von einem Putsch. Zumal ein nach außen gelangter Mitschnitt einer Fifa-Ratssitzung offenbart, wie schamlos an Scalas Position herumgesägt wurde. Nur: Ist der Compliance-Chef der unschuldige Strahlemann und selbst über alle Zweifel erhaben?

Infantinos Vorgehen in Mexiko zeugt von Intransparenz und verstößt gegen die Reformideen. Trotzdem dürfte hinter Scalas jähem Absprung nicht nur der umstrittene neue Paragraf stehen. In der hausinternen Schlacht jeder gegen jeden mischte Scala tüchtig mit, auch als Anzeigengeber beim Fifa-Ethikkomitee. Das provozierte Fragen zu Motivation und Wirken des Compliance-Chefs. Und das nicht nur im Hinblick auf manche Beschwerden, etwa zu Infantinos Spesen-Gebaren, die im ersten Schritt wohl eher ins Ressort des Compliance-Chefs selbst fielen. Zwangsläufig lenkte der Stellungskrieg Kattner/Scala gegen Infantino das interne Augenmerk auf die Frage, wie Scala als Chef der Vergütungskommission mit Boni und Verträgen für Blatter, Kattner & Co. umgegangen war - zumal der Finanzchef Kattner zugleich Sekretär von Scalas Vergütungsgremium war. Neuerdings beruft sich sogar Blatter öffentlich auf Scalas Segen: als Beleg, dass bei seiner Entlohnung alles korrekt gelaufen sei.

Eine Scala nahestehende Person verweist darauf, dass der Chef-Aufseher 2015 Boni für Blatter & Co. gestrichen habe. Aber falls zutrifft, dass etwa millionenschwere Zuschläge für die Fifa-Spitzenleute nicht nachvollziehbar begründet und zudem in kleineren Tranchen ausbezahlt worden sein sollen, wie es in Fifa-Kreisen heißt, hat neben den Empfängern auch der Mann ein Problem, der all das mal durchgewunken, mal abgezeichnet haben soll: Scala. Hoch bezahlte Leistungen erfordern entsprechende Gegenleistungen; die schiere Abwicklung einer Fußball-WM oder die ordnungsgemäße Durchführung der Spiele zählen eher nicht dazu.

Zu klären ist unter anderem, wem das Flugzeug gehörte, in dem Infantino zum Papst flog

Bleibt Gianni Infantino, der Präsident der Fifa. In der Fülle von Beschwerden gegen ihn bei der Ethikkommission ist es vielleicht nicht der von der Fifa bezahlte Strafzettel, der dem Gremium Kopfzerbrechen bereitet. Auch nicht der Kauf neuer Matratzen oder die Begleichung einer Wäscherei-Rechnung. All das illustriert, wie unsensibel der Neue sein Amt ausübt in einer Zeit, in der alle Welt kritisch auf die Fifa schaut. Doch echte Probleme dürften Infantino eher aus einer Reise erwachsen, die ihn jüngst mit Familie zum Papst nach Rom geführt hatte. Den Trip hatte der Fifa-Chef in einem Jet unternommen, der nach Lage der Dinge einem Firmengeflecht im Umfeld eines russischen Oligarchen zuzurechnen ist. Die Kosten für solche Ausflüge veranschlagen Experten im klar fünfstelligen Bereich. Die Ethiker kommen nicht umhin, der Sache nachzugehen; derart geldwerte Nettigkeiten könnten Abhängigkeiten schaffen. Der Weltverband bezeichnete den Flug als Privatsache, zu derlei Themen äußere er sich nicht.

Problematisch sind weitere Vorgänge, etwa aus Infantinos Zeit als Rechtsdirektor in Europas Fußball-Union Uefa. Damals hatte er umstrittene Marketingverträge unterzeichnet. Die BA hatte im April erstmalig auch die Uefa-Zentrale durchforstet. Infantino weist die Vorwürfe zurück.

Aber angesichts der Gemengelage darf der Chef davon ausgehen, dass er bald eine Gesprächseinladung der Fifa-Ethiker erhält. Zwischen Kattner und Scala dürfte sich auch ein Termin für Infantino finden. Wenn möglich nur nicht am selben Tag.

© SZ vom 16.06.2016
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