FC Bayern Lust auf Zukunft

Präzisionsarbeit: Doppeltorschütze Leon Goretzka (links) setzt einen Nachschuss an Hoffenheims Kapitän Kevin Vogt vorbei ins Tor.

(Foto: Michael Probst/AP)

Beim souveränen Sieg in Hoffenheim deutet der Mentalitäts-Zehner Leon Goretzka an, dass er in einer erneuerten Münchner Mannschaft eine zentrale Rolle übernehmen könnte.

Von Matthias Schmid, Sinsheim

Leon Goretzka lief ein letztes Mal in den Strafraum. Ehrlich gesagt schlurfte er eher, aber das war in diesem Fall in Ordnung. Er war ja in den 90 Minuten davor etliche Male mit Hochgeschwindigkeit in die Box geeilt, wie die Fußballer neuerdings den guten, alten Sechzehner nennen. Nach dem Schlusspfiff durfte es dann schon mal gemächlicher sein. Goretzka ließ sich vor dem Block der Bayern-Fans feiern, der 23-Jährige war beim 3:1-Sieg in Hoffenheim nicht nur wegen seiner beiden Tore der auffälligste Akteur des Abends.

Goretzka hatte auch in neuer Rolle gefallen, er lief als Zehner auf, als eine Art Spielmacher hinter Robert Lewandowski. Ein Einfall von Trainer Niko Kovac, der die Frage, ob James oder Thomas Müller die nicht unbedeutende Position bekleiden sollten, damit auf ganz eigene Weise beantwortet hat. "Mit dieser Entscheidung haben wir alles richtig gemacht", stellte Kovac später fest und fügte mit einem Lächeln hinzu: "Wir haben mal was gefunden."

In der Tat war es ein Schachzug, mit dem Kovac alle verblüffte. Goretzka ist ein Alleskönner, der theoretisch überall spielen kann, zur Not auch linker oder rechter Außenverteidiger - allerdings nicht ohne Leistungsabfall. Als Außenverteidiger sieht dieser lange Schlaks dann doch etwas weniger gut aus als auf der Halbposition im Mittelfeld, seinem wohl idealen Arbeitsplatz auf dem Spielfeld. "Leon ist ein Spieler, der in beide Richtungen sehr gut arbeitet, der defensiv parat ist, der schnell ist, der auch in die Tiefe gehen kann", lobte Kovac: "Dass er sich heute mit zwei Toren belohnt, zeigt, dass er in der Vorbereitung gut gearbeitet hat."

Goretzka selbst wollte keine große Sache aus seinem neuen Jobprofil machen. Viel lieber als über sich sprach er über die Fortschritte der Mannschaft, die in der ersten Hälfte sehr lebhaft spielte, sehr dominant auftrat und andeutete, dass sie den siebten Meistertitel in Serie noch lange nicht abgeschrieben hat. "Gerade in der ersten Hälfte haben wir ein hervorragendes Spiel gemacht", sagte Goretzka.

Das lag vor allem auch an ihm, der aus einer starken Münchner Elf noch einmal hervorstach. Goretzka war in den Spielen vor der Winterpause gemeinsam mit Joshua Kimmich im defensiven Mittelfeld aufgelaufen, sie wechselten sich dabei ab, mal spielte der eine den offensiveren Part, mal der andere. In Goretzka steckt etwas Stürmisches, wie auch sein Teamkollege Müller erkannt hat. "Er hat seine Abschlussqualität nicht nur heute gezeigt", sagte Müller, "Leon weiß, wie er sich vor dem Tor bewegen muss."

In Hoffenheim tauchte Goretzka in der ersten Hälfte sogar häufiger als erster Mann in vorderster Linie auf, vor Lewandowski, der sich auch mal zurückfallen ließ. Goretzkas Gespür für den richtigen Augenblick, sein natürlicher Instinkt im Strafraum war auch dem Polen nicht entgangen. Der nickte daher zustimmend, als Goretzka abstaubte, nachdem Torwart Oliver Baumann Lewandowskis Kopfball noch pariert hatte. Bei diesem Führungstor (34.) war indes auch Glück dabei, weil Hoffenheims Kevin Vogt Goretzkas Schuss so abfälschte, dass der Ball zwischen Pfosten und Baumann durchflutschte.

Sehr viel Können, vor allem aber Wucht und Raffinesse ging dann Goretzkas zweitem Tor kurz vor der Pause voraus. Nach einem missglückten Hoffenheimer Eckball leitete Goretzka den Konter selbst ein mit einem Pass auf Kingsley Coman, der weiterspielte zu David Alaba, während Goretzka sich auf den langen Weg machte. Mit den raumgreifenden Schritten eines 400-Meter-Sprinters lief und lief er, ohne zu vergessen, rechtzeitig den Ball mit dem Arm zu fordern, und Alaba spielte ihn so exzellent frei, dass Goretzka die Vorlage mit einer coolen Grätsche ins Tor befördern konnte. "Das hat er echt elegant mit der Innenseite gemacht", witzelte Müller.

Die Frage, ob ihm auf der Zehnerposition nun neben James ein weiterer Konkurrent erwachsen ist, beantwortete Müller in seiner typischen Art: "Wir haben noch viel mehr Zehner, das wisst ihr nur noch nicht."

Kapitän Manuel Neuer begegnete der Diskussion später viel pragmatischer, er übernahm sogar die Rolle des Klubmahners. "Leon muss unter Beweis stellen, dass er so ein Spiel wiederholen kann", sagte Neuer, der dann selbst merkte, dass das ein wenig hart klang. Also setzte er zu einer Eloge auf Goretzka an, die er mit dem Satz einleitete: "Wir sind beide Kinder des Ruhrpotts." Wie er selbst hat auch Goretzka schon das Trikot des FC Schalke getragen.

"Leon ist ein guter Typ", sagte Neuer, der zuvor mit einer tadellosen Parade gegen Adam Szalai (83.) den Ausgleich verhindert hatte. Aber auch Neuer wollte sich nicht festlegen, ob Goretzka eine Zukunft als Zehner hat oder ob das vor allem ein cleverer Zug für einen Abend war. "Wir haben da verschiedene Spieler, alles Topspieler", stellte der Kapitän diplomatisch fest, "wir haben die Qual der Wahl. Welche Lösung die richtige ist, hängt auch vom Gegner ab, wir sind da sehr variabel und flexibel."

Das gilt ganz besonders auch für die Herren der Führungsetage. Gemeinsam verließen Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß am Freitagabend die Hoffenheimer Arena. Sie trennten sich kurzfristig, Rummenigge wählte die rechte Seite, Hoeneß den Weg über die linke zum Ausgang. "Wir haben ein schönes Wochenende", flötete Rummenigge beim Hinausgehen, als sie sich wieder in Reih und Glied eingefunden hatten. Die Bosse hatten ja ein bisschen in die Zukunft sehen dürfen an diesem Abend, in die Zeit nach dem sogenannten Umbruch. Sie haben junge Spieler mit Qualität (Coman) und mit Mentalität (Goretzka) gesehen, eine Kombination, die zumindest an diesem Abend Lust auf die Zukunft machen konnte.