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FC Augsburg:Späte Schlange

Bundesliga - Borussia Moenchengladbach v FC Augsburg

Jubel auf den letzten Drücker: Nach frühem Rückstand und in Unterzahl besorgte Daniel Caligiuri (rechts) mit seinem Treffer zum 1:1 noch einen Punkt in Mönchengladbach.

(Foto: Thilo Schmuelgen/Reuters)

Wenige Tore, aber effiziente: Seine Last-Minute-Qualitäten könnten dem FCA die beste Hinrunde seit 2014 einbringen.

Von Ulrich Hartmann

Für die Nerven ist das vielleicht gar nicht so gut, was die Fußballer vom FC Augsburg da treiben in dieser Saison - aber fürs Glücksgefühl und fürs Punktekonto ist es umso besser. Sieben Punkte durch späte Treffer haben sie in dieser Saison bereits gewonnen. Nach den späten Doppelpacks zu den 3:1-Siegen gegen Union Berlin und Mainz 05 haben sie auch im Gastspiel bei Borussia Mönchengladbach spät zum 1:1-Unentschieden getroffen (Daniel Caligiuri, 88.). Diesmal sogar in Unterzahl. Dass am Niederrhein auch viel Glück im Spiel war, haben sie schon zugegeben, aber gelobt hat beinahe jeder Augsburger die "Moral" der Mannschaft. Mal wieder. Was der Duden nüchtern definiert als "die Bereitschaft, sich einzusetzen; Disziplin, Zucht; gefestigte innere Haltung, Selbstvertrauen", das ist im Fußball die begeisterte Erkenntnis, dass die mentale Einstellung stimmt. Und diese Feststellung macht die Augsburger nach einem knappen Viertel der Saison froh.

Die Teams aus der oberen Tabellenhälfte sind jetzt zu relevanten Teilen abgearbeitet. Acht Punkte haben sie gegen sechs Topteams geholt. Mehr, als mancher gedacht hätte. 2:0 gegen Borussia Dortmund, 3:1 gegen Union Berlin, jeweils unentschieden gegen Wolfsburg und Mönchengladbach. Das macht acht Punkte gegen Teams, die selbst recht gut in die Saison gestartet sind. Und es ist diese tabellarische Perspektive, die die Augsburger angesichts statistischer Ausgeglichenheit (drei Siege, zwei Unentschieden, drei Niederlagen, 10:11 Tore) vorerst zufrieden bilanzieren lässt. Denn vom zehnten Platz aus haben sie in den kommenden sechs Spielen gegen lauter tiefer platzierte Klubs die Chance, sich in die Spitzengruppe hineinzuspielen. Freiburg, Hoffenheim, Schalke, Bielefeld, Frankfurt und Köln heißen die nächsten Gegner. Dieses Programm bis Anfang Januar birgt große Chancen - aber auch Gefahren. "Gegen die unteren Mannschaften wird es nicht leichter", warnt deshalb der Stürmer Alfred Finnbogason, "wir müssen dann die gleiche Leidenschaft zeigen, denn wenn wir denken, es wird einfacher, dann ist das ein Riesenfehler."

Apropos Riesenfehler: Der 31 Jahre alte Isländer hat beim Gastspiel in Mönchengladbach zum ersten Mal in dieser Saison in der Startelf gestanden und hatte nach 16 Sekunden die Riesenchance zum Führungstreffer. Das wäre ein phänomenales Comeback gewesen, aber Finnbogason verbockte die Chance. Und seien wir ehrlich: Mit einer derart frühen 1:0-Führung gegen spielerisch starke Gladbacher hätten die Augsburger wohl kaum einen Punkt geholt. Stattdessen haben sie die Borussen das frühe 1:0 (5.) schießen lassen, haben den Gegner durch Raphael Frambergers (überflüssigen) Platzverweis in der 66. Minute zusätzlich in Sicherheit gewogen und dann in der 88. Minute zugeschlagen wie eine Schlange, die zuvor 83 Minuten lang gelauert hatte.

Man weiß nichts über das Glücksempfinden von Schlangen, aber die Augsburger Fußballer waren nach ihrem 1:1-Remis in Gladbach nicht nur "zufrieden" (Tobias Strobl), sondern sogar "überglücklich" (Trainer Heiko Herrlich) - ach was: "megaglücklich" (Finnbogason). Mehr als den einen Punkt feierten sie nämlich "den Charakter der Mannschaft", wie der Isländer formulierte, und weil sie sich in Sachen späte Treffer als Wiederholungstäter erwiesen, nehmen sie jetzt ganz viel Selbstbewusstsein mit ins Restprogramm des Jahres. Rani Khedira sagt jedenfalls: "Das gibt uns Mut für die nächsten Wochen."

Drei Treffer von André Hahn brachten zwei Siege - zwei von Daniel Caligiuri vier Punkte

Nur ein einziger Faktor hat dem Trainer Herrlich nicht ganz so gut gefallen in Mönchengladbach. Jetzt, wo es für die nächsten Spiele in der Tabelle nach unten geht, sieht er "viel Luft nach oben" im eigenen Angriff. Am Samstag zeigte sich das an schlechten finalen Pässen Richtung Tor, so dass recht wenige Einschussmöglichkeiten zustande kamen. Im Laufe der Saison zeigte sich das zudem an gerade mal zehn eigenen Treffern - nur fünf Teams haben weniger. Aber wozu benötigt man mehr Tore, wenn die, die man schießt, sehr bedeutsam sind? Die drei Treffer von André Hahn etwa waren für zwei Siege gut, und zwei der drei Treffer von Daniel Caligiuri brachten vier Punkte ein. Das ist effizient.

Wenn in den nächsten Spielen dann vielleicht auch mal die diesbezüglichen Fachkräfte Florian Niederlechner und Alfred Finnbogason ihre ersten Saisontreffer schießen könnten und Michael Gregoritsch ein zweites oder auch weitere, dann blüht dem FC Augsburg eine fabelhafte Hinrunde. Zu schlagen gilt es 27 Punkte aus dem Jahr 2014. Unmöglich erscheint das nicht.

© SZ vom 24.11.2020
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