FC Arsenal Aufrecht am Ende

Alles hat ein Ende: Nach fast 21 Jahren weiß Arsène Wenger beim FC Arsenal offenkundig nicht mehr weiter. Die Fans fordern seinen Abschied immer entschiedener.

Von Claudio Catuogno, London

Seine womöglich letzten Trainerminuten in der Champions League verbrachte Arsène Wenger, 67, mit den Händen in den Taschen seines fast knöchellangen blauen Klub-Wintermantels. Er sah ziemlich unbeweglich aus, wie er da so an der Seitenlinie stand, fast gefesselt. Nur zum Gratulieren zog Wenger die rechte Hand kurz aus der Tasche; Carlo Ancelotti, der Bayern-Trainer, klopfte ihm fast entschuldigend auf die Schulter.

Für einen Moment schien Arsène Wenger nun den Weg auf den Rasen einschlagen zu wollen, und seine Spieler, die dort zerrupft und gedemütigt herumstanden, hätten ein wenig Aufmunterung sicher gebrauchen können. Aber schon nach ein, zwei Schritten überlegte ihr Trainer es sich wieder anders - und verschwand lieber gleich in den Katakomben. Auf dem Weg durch den Spielertunnel motzte er noch einen Uefa-Offiziellen an.

2:10 gegen die Bayern im Achtelfinale der Champions League, Hin- und Rückspielergebnis zusammengezählt. Für die Bayern wird das rückblickend nur ein Schritt von vielen gewesen sein auf dem erhofften Weg Richtung Finale in Cardiff. Für Arsenal war es ein Ende mit Schrecken - und Wengers Flucht deshalb eine Szene mit Symbolkraft. Auch auf dem Rasen hat der FC Arsenal ja gerade niemanden, der Verantwortung übernimmt, wenn es nötig wäre, der sich auflehnt gegen einen Komplett-Zusammenbruch wie in der zweiten Halbzeit am Dienstag. Und dazu passt nun der Trainer Wenger, der sich ebenfalls vor der Verantwortung drückt - indem er genau das nicht zugeben will. Als Wenger später, ohne Mantel und wie immer sehr aufrecht, im Presseraum des Stadions erschien, waren seine ersten Worte allen Ernstes: "Wir haben uns heute so präsentiert wie wir wollten: mit Spirit und Stolz."

Kein schlechter Spruch für einen, der gerade die höchste K.-o.-Niederlage einer englischen Elf in der Eliteklasse erlebt hat.

Spirit und Stolz? "Die größte Sorge der Arsenal-Fans", schrieb ein Kolumnist der Times am nächsten Tag, bestünde derzeit in der Möglichkeit, "dass Arsène Wenger tatsächlich jedes Wort glauben könnte, das er nach den Spielen in seinen verwunderlichen Interviews sagt".

Traurig jedenfalls, wie hier gerade eine Ära zu Ende geht. Arsène und Arsenal. Zu drei Meisterschaften (1998, 2002, 2004) und sechs Erfolgen im FA-Cup (der letzte 2015) hat der stets etwas steife Elsässer den Nordlondoner Klub seit seiner Amtsübernahme vor fast 21 (!) Jahren geführt. Und einmal, 2006, immerhin ins Finale der Champions League. Arsènes Arsenal, das stand jahrelang für: Innovation, Talentförderung, für eine in der Branche seltene Symbiose aus Image, Transferpolitik und Spielidee. Und wenn es mal eine Durststrecke gab, schrieben die Fans voller Vertrauen auf ihre Plakate: "Arsène knows". Ihr Trainer wird schon wissen, was zu tun ist.

Arsenal-Trainer Arsène Wenger bewahrt die Form.

(Foto: Kirsty Wigglesworth/AP)

Aber jetzt knows Arsène schon eine Weile gar nichts mehr. Unter anderem scheint er noch nicht mal zu wissen, ob er am Saisonende denn nun weitermachen will oder nicht. Einen neuen Zwei-Jahres-Vertrag hat ihm das Klub-Management schon hingelegt, er muss nur unterschreiben. Und dass er nicht gedenke, sich bei so einer Entscheidung von der vernichtenden Wucht des letzten Eindrucks leiten zu lassen, nach 21 Jahren, das hat er schon selbstbewusst mitgeteilt.

Aber dass er den Klub spalten würde, wenn er bliebe, das hat er schon auch mitbekommen. Der Klub-Eigentümer Stan Kroenke, ein US-amerikanischer Milliardär, der sein Vermögen mit Immobilien gemacht hat und sich in London nicht sehr oft blicken lässt, kann sich nicht beklagen. Das Investment FC Arsenal wird von Wenger treu gemäß Businessplan geführt, keiner der großen englischen Klubs gibt so wenig Geld für Spieler aus und ist trotzdem immer in der Champions League dabei.

Für die Rendite ist Wenger der Beste. Aber wegen der Rendite kommen die Leute halt nicht ins Stadion, die Genügsamkeit ihres Klubs entspricht nicht ihrer Erwartungshaltung. Am Dienstagabend, vor dem Achtelfinale gegen die Bayern, zog eine Gruppe von etwa 200 Anhängern mit Plakaten vom Stadtteil Highbury zum Emirates Stadium. "No new contract" stand da drauf - kein neuer Vertrag für Wenger.

Sollte ihm der Liebesentzug zusetzen, lässt sich der Trainer das nicht anmerken. Zwei Fragen bleiben in Erinnerung von der Pressekonferenz nach dem Spiel, die erste: Wie es mit ihm weitergeht? Die zweite: Was sich jetzt ändern muss in diesem Klub, der nun zum siebten Mal in Serie im Achtelfinale aus der Champions League gekehrt wurde und erkennbar am Scheideweg steht. Auf die erste Frage gab Wenger keine Antwort, auf die zweite eine unfreiwillig entlarvende.

Aufforderung zum Rücktritt.

(Foto: Stefan Wermuth/Reuters)

Seine eigene Zukunft? "Ich werde nicht über mich reden, nur über Fußball", sagte Wenger - und das tat er dann auch. Wobei über Fußball zu reden in diesem Fall bedeutete, über den Schiedsrichter zu schimpfen. "Skandalös" und "absolut unerklärlich" fand er die Entscheidung des Griechen Tasos Sidiropoulos, nach einem Foul des Abwehrchefs und Kapitäns Laurent Koscielny an Robert Lewandowski erst auf Gelb zu befinden - und dann, nach Rücksprache mit einem Assistenten, doch noch auf Notbremse und Rot (54.).

Abgesehen von der Kuriosität des Vorgehens war das aber nicht zu beanstanden. Tatsächlich lenkte Wengers Wut vom eigentlichen Versagen ab: Muss eine Elf, die eine Stunde die bessere war, so zusammenbrechen? Mit vier Gegentoren in 17 Minuten? Die letzten 35 Minuten seien eigentlich "nicht die Phase, die ich in Erinnerung behalten möchte", sagte Wenger. Dabei erzählen sie alles, was man über das Scheitern des FC Arsenal gerade wissen muss.

Und was muss sich ändern? "Tja, was muss sich ändern", wiederholte Wenger, so als sei das eine Frage, über die er so noch gar nie nachgedacht habe. "Der Klub ist in großartiger Verfassung, geht aber gerade durch eine schwierige Phase. Ändern muss sich das Ergebnis im nächsten Spiel."

Und wenn sich noch was anderes ändern soll, dann muss es sich wohl ohne ihn ändern, das war der Subtext dieser Ratlosigkeit. Ohne den alten Wenger mit den Händen in den Taschen, der doch früher immer wusste, was zu tun ist.