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Europaspiele:Propagandafest für ein autoritäres Regime

Europaspiele Minsk

Nun beginnen die Europaspiele in Minsk - doch Fragen zu dieser Veranstaltung gibt es viele.

(Foto: dpa)
  • In Minsk beginnt die zweite Auflage der Europaspiele - und schon stellt sich die Frage, ob die Veranstaltung eine Zukunft hat.
  • Ursprünglich war eine niederländische Region als Ausrichter vorgesehen, aber diese sträubte sich aufgrund der zu erwartenden Kosten.
  • Also sprang Minsk als Ausrichterstadt ein. Menschenrechtler kritisieren das Regime in Weißrussland schon lange.

Das Stadion in Minsk ist geschrumpft über die Jahre. Mehr als 50 000 Zuschauer versammelten sich in den Achtzigerjahren dort, wenn wichtige Spiele des weißrussischen Spitzenklubs Dinamo anstanden. Ein paar Rekonstruktionen und einen aufwendigen Generalumbau später passen noch 22 000 Menschen hinein. Aber dies war für Weißrusslands autoritäres Regime um den Präsidenten Alexander Lukaschenko eine genügend große Kulisse für die Eröffnung seines aktuellen sportlichen Propagandafestes.

Zehn Tage lang steigen in Minsk nun die Europaspiele, ein als Mini- oder Kontinental-Olympia beworbenes Ereignis, bei dem Programm und Teilnehmerfeld zusammengewürfelt erscheinen. In manchen Sportarten wie Tischtennis treten Europas Beste an, weil dieser Wettbewerb zur Olympia-Qualifikation gehört, in anderen nur zweit- und drittklassige Akteure, eine Kernsportart wie Schwimmen fehlt völlig. Rund 4000 Athleten aus 15 Sportarten nehmen teil, darunter eine deutsche Delegation mit 149 Sportlern. Aber es stellt sich immer stärker die Frage, was diese Veranstaltung des Europäischen Olympischen Komitees (EOC) eigentlich soll.

Die 15 Sportarten in Minsk

Im Badminton gibt es Punkte für die Weltrangliste und damit die Chance, sich für Olympia in Stellung zu bringen.

Basketball wird in der Version Drei-gegen-Drei ausgetragen, als Test für Tokio 2020, wo die Abwandlung des klassischen Spiels erstmals olympisch ist. In Minsk ist eine deutsche Frauen-Mannschaft dabei. Die Fußball-Variante Beachsoccer ist nicht olympisch; Deutsche kicken nicht mit.

Im Bogenschießen werden Olympiaplätze vergeben, was aus deutscher Sicht im Mixed und für die Männer interessant ist.

Die Wettkämpfe im Boxen haben keine Auswirkung auf Olympia, Deutschland ist dennoch mit 13 Frauen und Männern am Start.

Judo ist eine von zwei Sportarten, in denen EM-Medaillen vergeben werden. Aus Deutschland macht unter anderem Weltmeister Alexander Wieczerzak mit.

Auch im Kanu geht es um EM-Titel, für die deutschen Teilnehmer um die Olympiasieger Sebastian Brendel und Max Hoff ist es daher ein Saisonhöhepunkt.

Karate ist in Tokio 2020 erstmals olympisch, die Europaspiele haben Einfluss auf die Startplätze. Für Deutschland kämpft Weltmeister Jonathan Horne.

Zur Leichtathletik schickt der deutsche Verband Athleten der zweiten und dritten Reihe, die sich in ausgewählten Disziplinen sowie einem neu ausgetüftelten Format messen. Zudem werden Punkte für die Weltrangliste vergeben, die 2020 erstmals relevant für Olympia sind.

Im Radsport spielen die Straßenrennen eine untergeordnete Rolle, die besten Fahrer sind bei der Tour de France. Auf der Bahn ist Deutschland, eine der weltbesten Nationen, gar nicht dabei.

Die Wettkämpfe im Ringen dienen als Vorbereitung für die WM im September. Sambo, die russisch-sowjetische Kampfsportart, dürfte vor allem im Interesse des Gastgebers im Programm sein.

Schießen hat in Minsk die Bedeutung eines Weltcups: In jeder Disziplin wird ein olympischer Quotenplatz vergeben. Die komplette deutsche Spitze ist da.

Tischtennis ist für die deutschen Spieler um Timo Boll trotz der WM im April der erklärte Saisonhöhepunkt - wegen der Olympia-Qualifikation. Der Fokus liegt auf den Mannschaftswettbewerben.

Turnen wird in fünf Disziplinen angeboten: Sportakrobatik, Aerobic, Geräte, Rhythmische Sportgymnastik, Trampolin. Im Geräteturnen dient Minsk als letzter Test vor der WM im Oktober. Deutschland ist dennoch nicht dabei. sid

2015 gab es die ersten Europaspiele, nach dem Vorbild vergleichbarer Events auf anderen Kontinenten; bisher zog es das EOC nur in autoritäre und von Menschenrechtlern stark kritisierte Staaten. Für die Premiere wurde Baku in Aserbaidschan ausgewählt, nun ist Minsk an der Reihe. Ursprünglich war eine niederländische Region als Ausrichter vorgesehen, aber diese sträubte sich aufgrund der zu erwartenden Kosten.

Menschenrechtler kritisieren das Regime in Weißrussland

In Ländern wie Weißrussland spielt Geld für solche Projekte kaum eine Rolle. Die Spiele mögen zwar nicht so protzig daherkommen wie die in Baku vor vier Jahren, wo die Investitionen an der Milliardengrenze schrammten. Aber eine genaue Zahl für das Budget nennen lokale Organisatoren und das Europäische Olympische Komitee nicht; eine dreistellige Millionensumme soll es sein.

Weißrusslands Regime macht kein Hehl daraus, was das Motiv für die Austragung ist. Die Veranstaltung soll Werbung machen für das Land und das Image verbessern, wie andere Ereignisse zuvor, etwa die Eishockey-WM 2014 oder die Eiskunstlauf-WM in diesem Jahr. Die Europaspiele seien das wichtigste gesellschaftspolitische Ereignis in der Geschichte des souveränen Weißrussland, also seit 1990 - solche Sätze sagt der Präsident Lukaschenko.

Menschenrechtler kritisieren das Regime seit Langem. Nach ihrer Ansicht mag es in den vergangenen Jahren oberflächliche Polituren gegeben haben, aber die Zustände für oppositionelle Kräfte oder Medien bleiben desaströs. Auch vollstreckt Weißrussland weiter als einziges Land in Europa die Todesstrafe, kurz vor den Europaspielen gab es nach Angaben oppositioneller Gruppen wieder eine Hinrichtung.