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England:Ausweglos nach 134 Jahren

Bury FC

Beerdigte Hoffnungen: Zwei Fans des FC Bury verleihen ihrem Frust Ausdruck.

(Foto: Action Images via Reuters)

Der englische Traditionsverein FC Bury aus dem Raum Manchester steht kurz vor der Auflösung. Die Geschichte des Drittligisten könnte sich demnächst wiederholen - auch andere Klubs aus den unteren Ligen haben ähnliche Probleme.

Drei Minuten bevor der Ausschluss aus dem Spielbetrieb amtlich geworden wäre, erhielten die Fans des FC Bury das erhoffte Lebenszeichen. Um 23:57 Uhr britischer Zeit am Freitag gab die English Football League - Dachverband der drei Profispielklassen unterhalb der Premier League - in einem Statement bekannt, dass Klubeigentümer Steve Dale einem Angebot zum Verkauf des insolventen Vereins an das Unternehmen C&N Sporting Risk zugestimmt hat. Die in London sitzende Sportberatungsfirma, spezialisiert auf Datenerhebung und Analyse, bestätigte das Interesse am Drittligisten und bat die English Football League (EFL) um einen Aufschub der Mitternachtsdeadline zur Klärung der Vertragsdetails. Dem Gesuch kam die EFL einen Tag später nach, mit einer Verlängerung der Gnadenfrist bis 17 Uhr am Dienstag. Bis dahin muss die Übernahme des Vereins jetzt abgeschlossen sein - sonst würde Bury die Lizenz endgültig entzogen werden. Nach 125-jähriger Mitgliedschaft.

Die Lage um den im Jahr 1885 gegründeten Traditionsverein aus einem Vorort von Manchester spitzte sich in den vergangenen Monaten in einer immer auswegloseren Situation zu. Grund dafür war, dass Bury-Besitzer Dale die erforderlichen finanziellen Nachweise bei der EFL zum Fortbestehen des um circa zehn Millionen Euro verschuldeten Vereins nicht aufbringen konnte. Als Sanktion stellte die Ligaorganisation den FC Bury nach langem Warten in Quarantäne. Der Verein durfte keine Spieler für seine Mannschaft registrieren und zu den ersten sechs Pflichtspielen in dieser Saison nicht antreten, darunter die Erstrundenpartie im Ligapokal, die als verloren gewertet wurde.

Abgesehen davon hätte Bury ohne Spieler ja auch gar nicht antreten können: Momentan hat der Klub lediglich fünf offiziell gemeldete Spieler. Das Viertliga-Team aus der Vorsaison um Trainer Ryan Lowe hat sich nach dem zweiten Platz und dem damit verbundenen Aufstieg in die dritte Liga weitgehend aufgelöst. Seit Frühjahr warten die Mannschaft sowie etliche Angestellte auf die Überweisung ihrer ausstehenden Gehälter. In der Vorwoche gipfelte das in eine bizarre Auseinandersetzung zwischen dem Kapitän Stephen Dawson und Besitzer Dale in einem Live-Interview auf einem Sportradiosender. Damit wenigstens der Spielbetrieb der drittklassigen League One mit 24 Vereinen nicht weiter gefährdet wird, muss nun dringend eine Entscheidung her, ob Bury auf den allerletzten Drücker doch noch zugelassen wird. Falls nicht, würde der Verein, immerhin zweimaliger Pokalsieger in England, aus dem Profifußball verbannt werden und müsste sich für die nächste Saison um eine Aufnahme in einer der Amateurspielklassen bewerben.

Dabei steht der Klub in seiner Maßlosigkeit übrigens nicht einmal alleine da. Im Wetteifern um einen Aufstieg in die Premier League haben die 72 Klubs der English Football League (zweite bis vierte Spielklasse) in der Saison 2017/18 einen Nettofehlbetrag von 430 Millionen Euro verzeichnen müssen. Das Trauerspiel um den FC Bury steht daher exemplarisch für den englischen Fußball - und es könnte so nicht das letzte bleiben.

Unzählige Darlehen zu astronomischen Zinssätzen

Aus Protest gegen die drohende Vereinsauflösung des FC Bury gab es in der Region um Manchester herum einen massiven Aufschrei. Der Widerstand wurde mitunter von der Familie Neville angeführt, deren beiden Söhne Gary und Phil jahrelang für Manchester United und die englische Nationalmannschaft spielten. Zu Beginn der Jahrtausendwende war Vater Neville Neville einer der Köpfe hinter der SoS-Kampagne ("Save our Shakers"), die das notorisch klamme Bury schon einmal vor der Insolvenz bewahrt hatte. Nach 35 Jahren trat in der Vorwoche nun Mutter Jill Neville als Klubsekretärin zurück.

Mit dem Druckmittel den für einige Menschen identitätsstiftenden Verein notfalls vor die Hunde gehen zu lassen, versuchte Dale, die English Football League monatelang mit den geforderten Geldbelegen hinzuhalten. Auf diese Weise wollte der 63-jährige englische Geschäftsmann möglichst viel bei der angestrebten Veräußerung von Bury für sich selbst erlösen. Über den ausgehandelten Verkaufspreis mit C&N Sporting Risk ist zunächst nichts bekannt geworden, bis zuletzt beharrte Dale jedoch auf der Forderung nach einer sechsstelligen Summe. Wohl gemerkt für einen völlig sanierungsbedürftigen Drittligisten aus dem Umland von Manchester, den er Stewart Day in einer Nacht- und Nebelaktion im Dezember für einen einzigen Pfund abgeworben hatte. Im Berufsleben ist Dale als Aufkäufer unrentabler Anlagen aufgefallen, deren verbleibende Vermögenswerte er zu seinen Gunsten veräußerte. Das Niederwirtschaften des FC Bury bis hin zum Bankrott hat allerdings hauptsächlich sein Vorgänger Stewart Day zu verantworten.

Unter dem Bauunternehmer Day, der sich mit Studentenbauten in der zurückliegenden Zeit kostspielig verspekulierte, lebte der Verein nach dessen Kluberwerb 2013 weit über seinen Verhältnissen. Selbst in den Niederungen des englischen Profitums leistete sich Bury - im Bestreben die Rückkehr in die zweitklassige Championship zu schaffen - die Dienste von Premier-League-erprobten Zugängen wie James Vaughan und Jermaine Beckford. Das durchschnittliche Wochengehalt eines Kaderspielers belief sich bei Bury im Vorjahr in der vierten Liga auf 2500 Euro in der Woche. Geübt wurde auf dem alten Trainingsgelände von Manchester City zum Nulltarif, bis der englische Meister im Sommer genug gesehen hatte - wegen mangelnder Instandhaltung jagte City den Dorfklub vom Hof. Für den gelebten Größenwahn verpfändete Day nicht nur das circa 12 000 Zuschauer fassende Stadion an der Gigg Lane sowie einzeln die dazugehörenden Parkplätze, sondern nahm darüber hinaus unzählige Darlehen zu astronomischen Zinssätzen auf: bei Fremdinvestoren vier Millionen Euro und bei seiner inzwischen zahlungsunfähigen Immobilienfirma Mederco weitere acht Millionen Euro.

Parlamentsabgeordneter fordert Ermittlungen ein

Bevor ihm das Schuldenfeld Bury endgültig um die Ohren flog, gab er den Klub an Dale weiter. Dass der FC Bury überhaupt nach wie vor eine Existenz besitzt, ist auf das im Juli durchgeführte Company Voluntary Agreement zurückzuführen. Diese freiwillige Vereinbarung zur Schuldenreduzierung unter den Gläubigern konnte Dale auf Kosten eines Punktabzugs in der Tabelle von zwölf Zählern durchdrücken - basierend auf dem Schachzug, dass zwei Tage vorher die neu gegründete RCR Holding (die dem Lebenspartner der Tochter von Dale gehören soll) für rund 100 000 Euro der Firma Mederco deren acht Millionen Euro hohen Ansprüche gegenüber dem Verein abkaufte.

Durch den Erwerb dieser Darlehen besaß die RCR Holding unter den Gläubigern eine gewichtige Rolle und bejahte im Rahmen der Abstimmung über den Company Voluntary Agreement, dem Klub bei der Abbezahlung dreiviertel der Kredite zu erlassen. Diese Art der Schuldentilgung gilt allerdings laut Statuten der EFL nicht für sogenannte "football creditors" wie Spieler, Berater oder andere Klubs, deren Ansprüche ungekürzt bestehen blieben. Gemäß dem vollzogenen Company Voluntary Agreement steht der FC Bury jetzt bloß noch mit etwa drei Millionen Euro bei seinen Fremdinvestoren in der Schuld. Exklusive der Stadionverpfändung, für die der Klub weitere vier Millionen Euro aufbringen müsste. Für die RCR Holding könnte das je nach Fortleben des Vereins bei einem nun geviertelten Anspruch von zwei Millionen Euro eine saftige Dividende nach sich ziehen - schließlich hat sich die Firma die Forderung ja bloß für rund 100 000 Euro eingekauft. Über die Rechtmäßigkeit der Transaktion hat der Parlamentsabgeordnete für Nord-Bury, James Frith, inzwischen Ermittlungen eingefordert. Allein diese Episode zeigt auf, wie es beim FC Bury zuletzt hinter den Kulissen zugegangen sein muss. Noch ist der Ausgang der Posse offen.

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