Eiskunstlauf:Neuer Schliff an der Schwarzmeerküste

Nebelhorn Trophy  - Paartanz

Risiko wird belohnt: Minerva Hase und Nolan Seegert bei der Todesspirale auf dem Eis.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Zum Auftakt der Saison gewinnen die Paarläufer Minerva Hase und Nolan Seegert bei der Nebelhorn-Trophy. Um ihre Olympiachancen zu erhöhen, ziehen sie nun von Berlin nach Sotschi um.

Von Barbara Klimke, Oberstdorf

Auf Socken kam Paul Fentz den schmalen Gang entlang, auf dem kurzen Weg vom Wertungssofa zum Interviewbereich hatte er sich der Schlittschuhe entledigt. Ein Eiskunstläufer ohne Kufen nach einem Wettbewerb ist immer ein alarmierendes Zeichen; ähnlich wie der Anblick eines Formel-1-Piloten, der sich ohne seinen Boliden ins Fahrerlager schleppt. Es lässt sich ein heftiger Crash vermuten.

Bei Fentz hatte es tatsächlich gleich mehrmals gescheppert. Die erste Kurve seiner Kür nahm er noch mit Schwung, gab ordentlich Gas mit einer meisterhaft ausgeführten schwierigen Vierfach-Toeloop-Kombination, aber dann missrieten die Dreifachsprünge, er stürzte, geriet aus der Spur. Das Urteil der Juroren blieb fast nebensächlich, weil das Verdikt der schwarzen Strümpfe alles aussagte: Paul Fentz, 29, aus Berlin hat seine Olympiateilnahme an die Wand gesetzt.

Auf Platz 13 wurde er bei der Nebelhorn-Trophy in Oberstdorf abschließend notiert; Siebter hätte er werden müssen, um sich bei der letzten verbliebenen internationalen Qualifikationsrunde für die Winterspiele im kommenden Februar in Peking zu empfehlen. Aber wegen der zu kurz bemessenen Vorbereitung nach einer Dreifachverletzung (Hüfte, Schambein, Adduktoren), die ihn drei Wochen außer Gefecht gesetzt hatte, spürte er die Defizite an Kraft und Kondition: "Es sind die fehlenden Kilometer im Training", sagte Fentz: "Ich habe gedacht, ich bin cool genug und kann es kompensieren, aber heute nicht."

Für die Deutsche Eislauf Union (DEU) bedeutet dies, dass erstmals seit den Spielen 2002 kein männlicher Solist den Verband auf dem Eis vertreten wird. Aber ein abgekämpfter Athlet, der schon beim Eisauftakt traurig ins Leere blickt, spürt zunächst seine persönliche leistungssportliche Tragödie. Eine winzige Chance besteht, dass Fentz doch noch die Kurve nach Peking kriegt - allerdings höchstens im Olympia-Teamwettbewerb, sofern sich die DEU rechnerisch dafür qualifiziert.

Hase/Seegert wirkten, als hätten sie mit dem Pirouettendrehen nie ausgesetzt

Die Saison hat gerade erst begonnen, und die Nebelhorn-Trophy, der traditionelle Septemberwettbewerb, ist für viele ein Kaltstart in den Winter gewesen, auch wenn außerhalb der Halle die Herbstsonne auf die Allgäuer Almen brannte. Mehr als nur einen Sommer lang hatten die Paarläufer Minerva Hase, 22, und Nolan Seegert, 29, auf diesen Moment der Rückkehr warten müssen, "seit Ewigkeiten", wie das Duo unisono befand. Im Februar, kurz vor der Weltmeisterschaft, verletzte sich Hase am Syndesmoseband, zwei Operationen waren nötig; den letzten hochklassigen Wettbewerb, so rechneten sie zurück, hatten sie vor der Corona-Pandemie bei der Europameisterschaft 2020 bestritten, als sie Fünfte wurden.

In Oberstdorf gelang es ihnen, den Anschein zu erwecken, als hätten sie nie mit dem Pirouettendrehen aufgehört. Sie sicherten sich, auch ein wenig zu ihrer eigenen Überraschung, den ersten Wettkampfsieg des Winters: "Glücklicher könnten wir gar nicht sein", sagte Minerva Hase. Ihre DEU-Konkurrenten Annika Hocke und Robert Kunkel aus Berlin wurden Vierte; diese beiden hatten für den Verband bei der WM den Olympiastartplatz gesichert - wer ihn letztlich in Anspruch nehmen darf, wird die Winterrivalität entscheiden.

Hase/Seegert haben bereits den Einsatz erhöht - mit einem Umzug aus dem vertrauten Umfeld in Berlin ins russische Sotschi. "Das ist unsere Chance auf Peking", sagte Hase, "und dafür geben wir jetzt 100 Prozent." Ihre langjährige Trainerin Romy Oesterreich ließen sie zurück, stattdessen folgen sie Dmitri Savin, der ebenfalls sporadisch zu ihrem Berliner Betreuerstab gehörte, an die Schwarzmeerküste. Wenn Zwischenaufenthalte in Deutschland nötig sind, etwa in der kommenden Woche vor der Weiterreise zum nächsten Wettkampf in Finnland, steht ihnen Bundestrainer Alexander König am Stützpunkt Oberstdorf beratend zur Seite.

Die DEU unterstützt den Umzug der Paarläufer nach Sotschi

Einen ähnlichen Weg haben bereits vor einiger Zeit die Dortmunder Eistänzer Katharina Müller und Tim Dieck eingeschlagen, die sich in Moskau bei der früheren Weltmeisterin Angelika Krylowa den letzten Schliff holen. Im Paarlauf hingegen wirkt ein solch radikaler Schritt auf den ersten Blick überraschend. Denn um die Kompetenzen in dieser Disziplin zu bündeln und zu stärken, hat die DEU nach dem Olympiasieg von Aljona Savchenko und Bruno Massot 2018 extra ein neues Paarlaufzentrum in Berlin unter Goldtrainer König etabliert. Gleichwohl unterstützt die DEU-Sportdirektorin Claudia Pfeifer die Abwanderung des derzeit erfolgreichsten Duos nach Russland: "Sie haben in Berlin viel erreicht, aber sie sagten, sie brauchen für Olympia neue Impulse", erläutert Pfeifer: "Das muss man als Verband auch möglich machen können, wenn man auf Seiten der Sportler steht."

Auch König, der die Eigeninitiative von Athleten schätzt, sieht den Umzug von Hase/Seegert positiv. "Sie übernehmen Verantwortung für ihr Handeln. Und wenn das bei einem Paar, das schon seit 2014 zusammen trainiert, bedeutet, dass es eingefahrene Pfade verlassen möchte, dann ist ein Ortswechsel nicht die schlechteste Idee." Das Berliner Paarlaufzentrum sei seinem Sinn nach ohnehin eher darauf ausgerichtet, Kinder und Jugendliche für diese Disziplin zu begeistern, also die nächste Generation zu gewinnen. Weltklassepaare müssten ihre eigenen Wege gehen.

Das Team macht eine gute Figur - auch dank Katarina Witt

So ist die Lage der DEU, sportlich und strukturell, längst nicht so dramatisch, wie es noch vor einiger Zeit den Anschein hätte erwirken können. Im Sommer hatte ein Hilferuf des Verbands für Erstaunen gesorgt: Man rief ein Crowdfunding-Projekt ins Leben, um Geld für die Teamkleidung, also zum Beispiel für Trainingsanzüge, zu sammeln. Ein neuer Ausrüster war gefunden, der den Großteil der Fertigungskosten übernahm, offen aber blieb ein Eigenanteil von 15 000 Euro; und bei der DEU waren die Kassen leer, weil in der Pandemiezeit die Einnahmen fehlten. Es ging nie um die Kostüme, versicherte Claudia Pfeifer, und mit Leistungssportfördermitteln wird der Eiskunstlauf weiterhin generös bedacht. Aber für die Teamkleidung ist dieser Topf nicht vorgesehen.

Es dauerte nicht lange, dann war auch dieses Problem gelöst - weil die zweimalige Olympiasiegerin Katarina Witt einsprang. "Ich sah damals den Aufruf des Crowdfundings auf Instagram und hatte spontan die gesamte finanzielle Restsumme übernommen, damit die Teamkleidung 'gesichert' werden konnte", hat sie am Wochenende per Email bestätigt. Sie habe sich noch gut an die eigene Teamkleidung erinnern können, und darauf, wie stolz sie mit ihr war. Katarina Witt hat sich dann entschieden, das Team für zwei Jahre gemeinsam mit den anderen Sponsoren zu unterstützen.

Paul Fentz hat das neue, schwarze Outfit in Oberstdorf in der Interviewzone getragen. Und auch wenn er am Abend nicht der glücklichste war: Sogar zu den Socken sah die Jacke top aus.

© SZ/cca/jki
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