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Eiskunstlauf:Grüße nach Moskau

Katharina Mueller and Tim Dieck of Germany in action during Ice Dance Free Dance at ISU European Figure skating, Eiskun; Tim Dieck

Stilbildend: Die deutschen Eistänzer Katharina Müller und Tim Dieck.

(Foto: Ulrik Pedersen/Zuma Press/Imago)

Monatelang lag alles auf Eis. Nun hat der deutsche Verband einen internationalen Wettkampf für seine besten Kufenkünstler in Dortmund organisiert.

Von Barbara Klimke

Nach der letzten Saison, der besten ihrer Karriere, haben Tim Dieck und Katharina Müller versucht zu bewahren, was ihnen erhaltenswert erschien. Nicht einmal im Eistanz, dieser tiefgefrorenen Kunst, lässt sich ein glitzernder Erfolg mit Eisblumen bedecken und ein Jahr lang in der Kühltruhe konservieren. Aber zumindest seinen Trainingsstandort wollte Tim Dieck sich erhalten. So organisierte er eine Spendenaktion, um mit Hilfe von Crowdfunding die Miete für sein Apartment zu finanzieren.

Besagte Unterkunft befindet sich in Moskau. Die deutschen Eistanz-Meister Müller/Dieck aus Dortmund hatten sich entschlossen, in Russland bei der Weltmeisterin von 1998 und 1999, Angelika Krylowa, zu trainieren. Die Verbindung zu Krylowa besteht immer noch, obwohl Katharina Müller, 25, und Tim Dieck, 24, wegen der Reisebeschränkungen in der Pandemie seit März nicht mehr nach Moskau zurückkehren konnten. Seitdem schicken sie Videos hin und her und vertrauen bei den täglichen Übungen auf Bundestrainer Martin Skotnicky sowie auf Vitali Schulz, den Landestrainer in Nordrhein-Westfalen, mit dem sie früher schon gearbeitet hatten, der sie "bei Laune hält" und "ein Glücksfall für uns" ist, wie Tim Dieck sagt.

Die Grand Prix in Übersee schrumpfen auf Kleinformat

Kontinuität ist wichtig in dieser komplexen Sportart, aber seit März bestand die Gefahr, dass sich Monotonie entwickelte. Die Weltmeisterschaft im Frühjahr, die eine Premiere für Müller/Dieck gewesen wäre, wurde abgesagt. Seitdem ruhte der Wettkampfbetrieb still wie ein See. Es gab vereinzelte Zusammenkünfte, etwa die Oberstdorfer Nebelhorntrophy im September. Die wenigen Grand-Prix-Veranstaltungen in Übersee schrumpften, sofern sie stattfanden, auf nationales Kleinformat; auch für Müller/Dieck stand bis Oktober nur ein Auftritt in Budapest im Kalender. Erst jetzt, an diesem Donnerstag, lädt die Deutsche Eislauf-Union (DEU) ihre Besten aller Disziplinen nach Dortmund ein, wo sie mit dem nordrhein-westfälischen Landesverband bis Sonntag einen internationalen Wettbewerb, die NRW Autumn Trophy, aus der Taufe hob. Derart viele sportliche Auseinandersetzungen seien ausgefallen, sagt DEU-Sportdirektor Udo Dönsdorf, "da haben wir für unsere eigenen Athleten eine Konkurrenzsituation schaffen wollen". Eine Pflichtaufgabe für einen Verband, der sich, wie Dönsdorf sagt, als Dienstleister für die Sportler verstehe.

Aus elf europäischen Länder reisen die Eiskunstläufer an. Ursprünglich hätten sogar noch 50 weitere Athleten kommen wollen, erläutert Organisator Friedrich Dieck, Chef des NRW-Eissportverbands und der Vater von Tim Dieck. Aber Planungssicherheit ist kein Charakteristikum einer Pandemie. Gemeinsam mit den Gesundheitsbehörden wurde ein immenser Auswand betrieben, um für Sicherheit zu sorgen, wie Friedrich Dieck erläutert. Es geht den Veranstaltern nicht zuletzt darum zu zeigen, dass Sportausübung möglich ist - auch als Vorbild für den derzeit darniederliegende Vereins- und Breitensport.

Für viele Spitzensportler wird es die erste Kufenkonkurrenz seit Monaten sein. Etwa für die beste Solistin hierzulande, Nicole Schott. Ihr Trainer, Michael Huth, kann von den Schwierigkeiten der Trainingssteuerung erzählen, von der Balance zwischen Technik- und wettkampforientierten Einheiten, die es zu halten gilt, obgleich keine Gewissheit über die Wettkampftermine besteht. Die Paarläufer am Stützpunkt Berlin haben sich zwischenzeitlich in virtuellen Küren und Kurzküren mit internationalen Rivalen messen können, ein Online-Format, bei dem sich ein Preisgericht auf einer Internetplattform zusammenschaltet und das der Weltverband ISU entwickelt hat. Das Feedback sei hilfreich, sagt Paarlauf-Bundestrainer Alexander König: "Die Läufer sehen die Konkurrenz und wissen eher, wo sie stehen."

In Dortmund ritzen nun alle ihre Figuren mit scharfen Kufen in das selbe Eis. Ein bisschen Normalität - bis Tim Dieck irgendwann wieder seine Moskauer Unterkunft beziehen kann.

© SZ vom 26.11.2020
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