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Eishockey-WM:Brot, Schweiß und Tränen

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"Wir wollten mehr": Stefan Loibl, Marcel Noebels, Tom Kühnhackl (vorne v.l.) und Bundestrainer Toni Söderholm müssen sich mit Platz vier abfinden.

(Foto: ActionPictures/Imago)

Herzen gewonnen, Medaille verpasst: Während Kanada den 27. Titel feiert, trauert das deutsche Eishockey-Team nach Platz vier in Riga einer historischen Chance hinterher. Die Enttäuschung fußt auf einem neuen Selbstbewusstsein.

Von Johannes Schnitzler

Am Sonntagvormittag verschickte der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) den Zeitplan für die Ankunft der deutschen Nationalmannschaft in der Heimat. Verteilt auf vier Flüge sollten die ersten Spieler am Montag um 9.10 Uhr in Frankfurt/Main landen, die Letzten um 13.10 Uhr in Berlin. Ein großes Empfangskomitee erwartete sie weder dort noch in München oder Düsseldorf. Es wäre, selbst wenn sie eines ihrer letzten beiden Spiele bei der Weltmeisterschaft in Riga gewonnen hätten, wohl auch keine triumphale Rückkehr vor Tausenden Fans geworden, bedingt durch die Pandemie. So aber wurde es eine bedauernswert leise Ankunft zu Hause. Durch das völlig missratene Spiel um Bronze gegen die USA (1:6) hatte die deutsche Mannschaft am Sonntag die erste WM-Medaille seit 68 Jahren verpasst. Am Ende stand Platz vier, das beste Ergebnis seit 2010. In der am Montag veröffentlichten Rangliste des Weltverbands IIHF klettert das DEB-Team auf Rang fünf und steht nun vor Eishockey-Großmächten wie Tschechien und Schweden, die 23 WM-Titel auf sich vereinen. Aber es war nicht das Ergebnis, das sich die Deutschen erhofft und von sich selbst erwartet hatten.

Verloren hatten sie dieses Spiel um Platz drei im Grund schon am Samstag: Nach dem 1:2 im Halbfinale gegen Finnland, als sie den Titelverteidiger streckenweise dominiert hatten, waren die Beine und die Herzen der Spieler schwer wie Beton geworden. "Heute war nicht unser Tag", sagte Bundestrainer Toni Söderholm nach dem Spiel gegen die USA. "Gestern war unser Tag, aber da haben wir leider nicht gewonnen." Kapitän Moritz Müller sah es genau so: "Am Finale waren wir näher dran. Heute haben wir es vom Kopf nicht mehr hinbekommen."

RIGA, LATVIA - JUNE 6, 2021: Canadian players pose with their trophy as they celebrate victory over Finland in their 202

Rekord: Kanada gewinnt zum 27. Mal den Titel und zieht damit wieder mit Russland gleich.

(Foto: Natalia Fedosenko/ITAR-TASS/Imago)

Ein bisschen durften sie sich am Ende zwar doch wie Weltmeister fühlen. Kanada, mit drei Niederlagen so schlecht wie nie in eine WM gestartet und nur dank des besseren Torverhältnisses gegenüber Aufsteiger Kasachstan ins Viertelfinale gestolpert, weil die deutsche Mannschaft Gastgeber Lettland aus dem Turnier gekegelt hatte, düpierte im Finale die Finnen nach Verlängerung 3:2 und zog mit seinem insgesamt 27. Titel mit Rekordweltmeister Russland gleich. Nick Paul erzielte nach 66:26 Minuten den Siegtreffer. Zuvor war dem Stürmer der Ottawa Senators nur ein Tor im Turnier gelungen: beim 1:3 in der Vorrunde gegen Deutschland. Das DEB-Team hat nun also bei dieser und bei der vergangenen WM jeweils den späteren Weltmeister besiegt. Das war aber nicht mal ein schwacher Trost. Müller, der mit einer Handverletzung ausgeschieden war, sagte nach der Partie gegen die USA: "In der Kabine ist kein Auge trocken geblieben. Diese Mannschaft hätte alles verdient gehabt. Solche Teams kommen nicht oft zusammen."

Symptomatisch waren die Szenen danach, als Müller zur Ehrung der besten Spieler zurückkehrte und die Enttäuschung aus ihm herausbrach: Die Mannschaft scharte sich um ihren schluchzenden Kapitän, jeder nahm den Kölner in den Arm. Selbst die Zuschauer am Fernseher hätten gespürt, "wie besonders diese Truppe ist", sagte Müller. Und das waren einige: Das Halbfinale sahen bei Sport1 bis zu 2,7 Millionen Menschen. Sogar René Fasel, der scheidende Präsident des Eishockey-Weltverbandes IIHF, sagte, man könne "den Spirit dieses Teams fühlen".

Rückendeckung für Reindl: Zwölf der 15 Landesverbände unterstützen den DEB-Präsidenten

Um Fasels möglichen Nachfolger hatte es am Wochenende Wirbel gegeben. Die Vorsitzenden der Landesverbände Thüringens, Sachsen-Anhalts und Schleswig-Holsteins hatten eine Offensive gegen DEB-Präsident Franz Reindl gestartet, der am Samstag seine Kandidatur um den Vorsitz der IIHF bekanntgegeben hatte. Die Vorwürfe lauten: Reindl, 66, seit 2014 ehrenamtlicher DEB-Präsident und von 1994 bis Ende Juli 2020 bezahlter Geschäftsführer der DEB Eishockey GmbH, habe nicht immer zum Besten des Verbands und der GmbH gehandelt, etwa in Verhandlungen mit dem Vermarkter Infront. Während er dem Schweizer Sportrechte-Händler auffallend günstige Konditionen eingeräumt habe, habe er sich selbst "ein sattes Gehalt" genehmigt, von rund 9000 Euro pro Monat plus Dienstwagen ist laut Spiegel die Rede. Reindl reagierte am Sonntag "tief betroffen" auf die Anschuldigungen: "Offensichtlich wird hier versucht, den Verband und einzelne Personen persönlich zu beschädigen." Am Abend erfuhr der Präsident Rückendeckung. Zwölf der 15 Landesverbände distanzierten sich in einer gemeinsamen Erklärung "ausdrücklich" von den drei anderen Landesverbänden: Die von diesen "thematisierten Aspekte sind bekannt und uns auf Mitgliederversammlungen und in Arbeitsgruppen mit sämtlichen Landeseissportverbänden transparent und umfangreich kommuniziert worden". Die Ehrenerklärung endet mit den Worten: "Wir alle begrüßen die Kandidatur von Franz Reindl als Präsident der IIHF und wünschen ihm viel Erfolg."

Noch mehr Unterstützung erfuhr nur die deutsche Mannschaft in Riga. Sie seien überwältigt davon, wie herzlich die Anteilnahme aus der Heimat gewesen sei, per Telefon, Kurznachrichten oder in den sozialen Medien, sagten die Spieler. Eine Medaille blieb ihnen verwehrt. "Aber die Erinnerungen werden bleiben", sagte Moritz Müller, als die Tränen getrocknet waren. Abwehrchef Korbinian Holzer, der neben Moritz Seider ins All-Star-Team gewählt wurde, sagte: "Im Moment tut das brutal weh. Wir wollten mehr."

"Er traut uns Sachen zu, die uns zuvor keiner zugetraut hätte", sagt Stürmer Noebels über Bundestrainer Söderholm

Was vor nicht langer Zeit als komplett gaga gegolten hätte, beschreibt ziemlich präzise das neue deutsche Eishockey-Selbstverständnis. "Wir haben unsere Komplexe abgelegt, die wir jahrelang mit uns rumgetragen haben", erklärte Kapitän Müller. In ihrem Glauben an sich selbst, den ihnen der ehemalige Bundestrainer Marco Sturm einpflanzte und der sie 2018 zu Olympia-Silber trug, würden sie nun von Toni Söderholm und dessen Assistenten weiter bestärkt. "Wir haben ein Trainerteam, das uns wirklich zu hundert Prozent zutraut, auf diesem Level mitzuspielen. Dieses Gefühl muss man als Deutscher erst begreifen", sagte Müller. Marcel Noebels, mit drei Toren und fünf Vorlagen gemeinsam mit Matthias Plachta (4/4) bester deutscher Scorer, sagte: "Toni weiß, wie er jeden einbinden muss. Er traut uns Sachen zu, die uns zuvor keiner zugetraut hätte." Man nähere sich immer mehr jenen Nationen, "wo vor sechs, sieben, acht Jahren jeder gedacht hätte, da gehen wir zweistellig raus", sagte Noebels. Zuletzt passierte das Deutschland bei der WM 2015 gegen Kanada, als es gegen ein Team aus NHL-Superstars ein 0:10 setzte. Das kanadische Low-Budget-Team 2021 dagegen brauchte den nachnominierten Stürmer Andrew Mangiapane, zu deutsch: Brotesser, der das Team mit sieben Toren in sieben Spielen zum Titel führte. Den Deutschen blieben nur die Brösel. Dieses Mal.

© SZ/vk
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