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Einzelkritik:Notfalls im Scherensprung

RB Leipzig v Bayern Muenchen - DFB Cup

Gefeierter Held: Sven Ulreich nach Abpfiff im Zentrum der bairischen Jubeltraube.

(Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Vidal packt die Beinklammer aus, Hummels zofft sich mit Rangnick, Ulreich springt in die richtige Ecke - und fünf Elfmeter gehen rein. Der FC Bayern in der Einzelkritik.

Von Saskia Aleythe

Sven Ulreich: Absolvierte seine erste Partie überhaupt gegen Leipzig, fand sich als Profi, der er ist, freilich trotzdem zurecht. Sah immer wieder heranrauschende Leipziger, als würden sie nach Kilometern pro Stunde bezahlt, hatte in der 25. Minute erstmals einen entscheidenden Ballkontakt: Machte sich gegen Emil Forsberg breit wie ein Prellbock, der Ball sprang von seinen Fäusten davon, blieb aber heile. Wollte in der Halbzeit einen tosenden Ralf Rangnick beruhigen, wurde aber weggestoßen, seine Schlichterqualitäten waren nicht gefragt. Seine Qualitäten als Elfmetertöter am Ende schon. Kassierte Treffer um Treffer in der Mitte - sprang gegen Timo Werner aber trotzdem wieder in die Ecke.

Joshua Kimmich: Kennt den Leipziger Rasen wie kein zweiter Münchner. Bekam nach gut acht Minuten dennoch dezente Orientierungsprobleme im Spiel gegen die alten Kollegen: Fuhr doch glatt Arjen Robben beim Nach-vorne-Stürmen in die Beine. Konnte gegen gut verteidigende Leipziger auf dem Flügel wenig ausrichten, half aber defensiv mit, was für einen Verteidiger nicht die schlechteste Abendbeschäftigung ist. Durfte in der Verlängerung zentraler wirken, schoss Gulasci aus der Nahdistanz an. Das tat beiden weh.

Jérôme Boateng: Kennt den Trainer Jupp Heynckes noch aus Triple-Jahren, was gegenseitige Erwartungen schürt. War öfter vor Ort, wo sich ein Leipziger kugelte, hatte daran zumeist seinen Anteil - stoppte so gefährliche Vorstöße. Sah nach 22 Minuten Gelb. Klärte noch nicht wie in alter Triple-Manier, hatte aber auch viel zu tun. Stand in der 68. Minute auf der Linie des Strafraums, was ungünstig war, da Poulsen mit Ball in denselben plumpste. Schüttelte eifrig die gefalteten Hände, doch Beten half nichts: Leitete damit den Elfmetertreffer von Forsberg ein. Versöhnte sich durch die Vorlage zum 1:1 mit dieser Szene.

Mats Hummels: Hatte zuletzt einen Schlag auf den Knöchel bekommen, stand aber trotzdem in der Startelf, weil Schläge auf den Knöchel noch nicht als arge Verletzung gelten. Zumindest nicht, wenn solche Duelle anstehen. Erfüllte seinen Job als Verteidiger und half gleich noch im Spielaufbau mit. Geriet in der Halbzeit mit Rangnick aneinander, kam aber ohne Schlag auf den Knöchel davon. Überragender Elfmeterschütze!

David Alaba: Darf sich wie Boateng ein Triple-Junge nennen, ist trotz vergangener Verdienste immer noch erst 25 Jahre alt. Konnte das Tempo der Leipziger daher auch ganz gut mitgehen. Erwies sich in der 18. Minute als dankbarer Backup für Vidal, trennte nämlich Naby Keita vom Ball. Wäre in der zweiten Hälfte beinahe zum Tor-Vorbereiter aufgestiegen, als er Coman den Ball präzise in den Strafraum legte. Am Ende: Präziser Elfmeterschütze.

Corentin Tolisso: Ist mit 23 Jahren noch nicht Triple-Sieger, durfte aber trotzdem von Beginn an mitwirken. Hatte in der Offensive zunächst wenig Entfaltungschancen, was an konzentrierten Leipziger Verteidigungskniffen lag. Sorgte vor der Halbzeit für den ersten richtigen Torschuss der Münchner, zeigte aber eher ein Torschüsschen, Peter Gulasci hielt unbeeindruckt.

Arturo Vidal: Trägt die Aggressivität laut Naby Keita offen zur Schau, man sehe bei ihm schon in den Augen, "dass er der Mannschaft helfen will". Trug nach 15 Minuten offen zur Schau, dass er das notfalls auch im Scherensprung tut, stoppte so einen Ball von Marcel Sabitzer, der zu einer gefährlichen Flanke hätte mutieren können. Zupfte nach 34 Minuten aggressiv an Emil Forsberg, brachte ihn dann noch mit einer Beinklammer zu Fall - hatte Glück, dass der Linienrichter Millimeterarbeit mit der Strafraumgrenze betrieb. Bekam dafür Gelb und in der zweiten Halbzeit die Auswechslung aus Sicherheitsgründen.

Arjen Robben: Gilt in Leipzig als Demoralisierungsmeister, hatte bei der letzten Begegnung im Mai in der 95. Minute das 5:4 erzielt. Startet nun denkbar ungünstig: Verlor beim Münzwurf. Aber ein Robben gibt niemals auf, das weiß man. Flankte mal mit krummem Augenmaß auf Coman, das nächste Mal genauso schief Richtung Thiago. Kam wenig zur Entfaltung, das typische Robben-Dribbling hatte sich auch bis nach Sachsen rumgesprochen. Aber: Punktgenauer Elfmeterschütze.

Thiago: Wurde von Naby Keita kurz vor der Pause gefällt, wofür jener Gelb kassierte, was nicht ganz unbedeutend für die Partie sein sollte: Kurz nach der Halbzeit kassierte Keita nach einem Foul an Lewandowski schließlich Gelb-Rot. Thiago? Wurde dann zum Lieblingsspieler von Boateng, als er in der 73. Minute dessen Vorlage zum 1:1 dankbar annahm und per Kopf verwandelte. Hatte auch sonst klare Ideen, leitete so manche Spielverlagerung ein. Traf Diego Demme mit dem Schuh am Kopf und sah schließlich selber Gelb.

Kingsley Coman: Vorzeige-Jüngling von Jupp Heynckes, der laut Heynckes aber gerne noch selbstbewusster auftreten darf. Musste akzeptieren, dass Selbstbewusstsein allein gegen den Leipzig-Turbo kein probates Mittel darstellt. Probierte viel, bekam wenig: musste angeschlagen runter.

Robert Lewandowski: Ging bei der Weltfußballerwahl bekanntlich leer aus, bekam von Trainer Heynckes aber das Versprechen, dass er ihn immer wählen würde. Rührend! Verlor nach 22 Minuten den Ball, stellte dann aber auch viel Richtiges mit ihm an. Versuchte es nach 55 Minuten mit dem Kopf, nahm immer mehr Fahrt auf, je länger die Partie dauerte. Kam mit einem Solo in der 66. Minute dem 1:0 gefährlich nahe. Noch näher dem 2:1 in der Verlängerung. War dann der erste Elfmeterschütze und ging dabei nicht leer aus.

Sebastian Rudy, Javi Martínez, Rafinha, Kwasi Okyere Wriedt: Kamen für Vidal, Coman, Tolisso und Thiago. Wriedt traf immerhin die Latte. Und Rudy: War ein prima Elfmeterschütze.

© SZ vom 26.10.2017

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