Eintracht Frankfurt Nacht für tragische Helden

Frankfurts Party-Tour durch Europa endet in London am Elfmeterpunkt, weil der Vorkämpfer Hinteregger kurios verschießt. Trotz einer herausragenden Saison droht jetzt ein bitterer Bundesliga-Abschluss.

Von Javier Cáceres, London

Der irre Ritt der Eintracht durch Europa war nun wirklich vorüber, und im Stadion des FC Chelsea ertönte der Sprechgesang von Madness: "Hey you, don't watch that! Watch this! This is the heavy, heavy monster sound, the nuttiest sound around ..." Der Song war angebracht: "One Step Beyond" heißt er, "einen Schritt weiter", und er galt dem FC Chelsea, der soeben durch ein 4:3 im Elfmeterschießen gegen Frankfurt das Europa-League-Finale gegen den Stadtnachbarn FC Arsenal erreicht hatte.

Den "nuttiest sound around" aber, den irrsten Sound an diesem Abend, bot nicht Madness, die Ska-Band der Achtzigerjahre. Der ging auf das Konto der Frankfurter Fans, die auf ihren Plätzen verharrten, obwohl der Stadionsprecher sie darauf hingewiesen hatte, dass der letzte Zug Richtung Innenstadt um 23.30 Uhr abfahren würde. Doch die Eintracht-Fans reckten weiter ihre Schals in die Höhe, und obwohl ihre sagenhafte Europa-Tour dramatisch geendet hatte, sangen sie freudig ihre Hymne, bevor sie in einen Chor einstimmten: "Hinteregger, Hinteregger, hey, hey!" Immer wieder ertönte das, bis sich Martin Hinteregger, ein geknickter Mann, umdrehte und dankbar klatschte.

Dass sich das Halbfinal-Rückspiel zwischen Chelsea und Frankfurt ausgerechnet den Verteidiger Hinteregger als tragischen Helden ausgesucht hatte, wirkte fast schon grotesk grausam. Fast 130 Minuten lang (mit allen Nachspielzeiten) hatte Hinteregger eine fantastische Leistung geboten, in der Verlängerung hatte er ohne Rücksicht auf körperliche Unversehrtheit einen Schuss von Chelseas Linksverteidiger Emerson geblockt - und schon zuvor hatte er viel dafür getan, dass die Eintracht bis zum Ende träumen durfte.

Festgeklemmt: Chelsea-Torwart Kepa pariert den Elfmeter des Frankfurters Hinteregger, weil er in der Tormitte stehen bleibt.

(Foto: John Sibley/Reuters)

Aber dann: Elfmeterschießen!

Die Eintracht durfte beginnen, Haller und Jovic trafen zunächst, Barkley für Chelsea - bevor Frankfurts Torwart Kevin Trapp für höhere Gerechtigkeit sorgte, weil er den Elfmeter von César Azpilicueta hielt, der wegen eines brutalen, nur mit Gelb sanktionierten Fouls gegen Gacinovic eigentlich gar nicht mehr hätte dabei sein dürfen. De Guzman erhöhte für die Eintracht dann sogar auf 3:1, Jorginho verkürzte für Chelsea - und danach trat an: Hinteregger, der im Winter als Leihspieler aus Augsburg gekommen war, nachdem er seinen dortigen Trainer Manuel Baum, abgekanzelt hatte ("Ich kann nichts Positives über ihn sagen"). Und der sich danach in die Herzen der Eintracht-Fans gespielt hatte, aber womöglich nun nach Augsburg zurückkehren muss. Dieser Hinteregger also schoss: flach in die Mitte.

Doch Kepa, der Chelsea-Torwart, blieb einfach stehen und quetschte den Ball mit dem rechten Unterschenkel auf den Boden. "Ein Torhüter bleibt eigentlich fast nie stehen", sollte Eintrachts Sportvorstand Fredi Bobic später sagen, "da hat der Junge gut gezockt." Im letzten Durchgang scheiterte dann auch noch der erst in der 118. Minute eingewechselte Gonçalo Paciéncia an Kepa. Das ermöglichte Chelseas Topspieler Eden Hazard, den Finaleinzug perfekt zu machen - in seinem möglicherweise letzten Spiel an der Stamford Bridge; der Belgier ist ja auf dem Sprung zu Real Madrid.

Doch dem Sportchef Bobic, der Hinteregger an den Reportern vorbei schleuste, stand nicht der Sinn nach einem tragischen Blick zurück und schon gar nicht nach einem defätistischen Blick nach vorn. Die Eintracht steht in der Bundesliga auf dem vierten Champions-League-Rang, kann aber noch bis auf den achten Platz abrutschen. "Das ist mir jetzt scheißegal", sagte Bobic, "egal, was rauskommt: Das ist eine überragende Saison."

Das ist sie in der Tat. Dem Pokalsieg vor einem Jahr folgte ein radikaler personeller Umbruch bei Frankfurt, Trainer Niko Kovac ging zu den Bayern, unter Nachfolger Adi Hütter verlor die Eintracht zum Auftakt im Supercup gegen die Bayern 0:5 und in der ersten Pokal-Runde gegen den Viertligisten Ulm. Es folgten 46 überwiegend positive Pflichtspiele, darunter frappierende Auftritte in der Europa League, auch in Mailand, Lissabon und London, die Frankfurt fast zum Finalort Baku getragen hätten. "Ein paar Spieler hatten den Kopp runter", berichtete Makoto Hasebe, der wie Hinteregger in der Abwehr überragend gespielt hatte. "Aber die erfahrenen Spieler haben 'Kopp hoch' gesagt".

Zum Heulen: Frankfurts Elfmeterpechvogel Martin Hinteregger.

(Foto: Jan Huebner/imago)

Frankfurt hatte Chelsea (in der Premier League bereits für die Champions League qualifiziert) tatsächlich am Rande einer Niederlage. Nur in der ersten Halbzeit, in der Ruben Loftus-Cheek die Führung erzielte (28.), war Chelsea überlegen.

Nach der Pause und dem zügigen Ausgleich durch Luka Jovic (49.) war Frankfurt mehr als ebenbürtig. Und wer weiß, was passiert wäre, wenn Azpilicueta Rot gesehen hätte. Auch so mussten David Luiz und Davide Zappacosta noch auf der Linie klären, weil Stürmer Sébastien Haller, der erstmals seit Ende März wieder auflaufen konnte, in der Verlängerung an seine brillanten Leistungen der Hinrunde anknüpfte. "Das war unser bestes Spiel in der internationalen Saison", fand Hütter.

Nur: Die Saison könne "natürlich noch bitter enden", gab Torwart Trapp zu bedenken. Am Sonntag steht das Derby gegen Mainz an, am letzten Spieltag wartet der FC Bayern, der dann womöglich noch um den Meistertitel spielt. Aber den Spaß, den die Fans der Eintracht in allen möglichen Ecken Europas hatten und verbreiteten, kann ihnen niemand mehr nehmen. "Wenn es einen Freifahrtschein für die Champions League geben würde, wir hätten ihn uns verdient", sagte Bobic, und niemand hätte ihm da widersprochen.