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E-Sports:Mit Ungeheuern

Schalke E-Sport

Bald die neuen LoL-Meister der Herzen? Schalkes E-Sport-Helden brechen in eine neue, bestimmt sehr lukrative Zukunft auf.

(Foto: Riot Games/oh)

Schalke 04 kauft sich für acht Millionen Euro einen Startplatz in einer europäischen Computerspiel-Liga.

Von Caspar von Au

Sportlich läuft es gerade nicht so gut auf Schalke - im Kerngeschäft. Rang 14 in der Fußball-Bundesliga, nur acht Tore aus elf Spielen. Und nun fallen auch noch zwei Stürmer wochenlang aus, Mark Uth und Breel Embolo. Und in diese Schwächephase hinein gibt der Klub jetzt bekannt: Schalke 04 wird eines von zehn Teams in der neuen europäischen Liga für das Computerspiel "League of Legends" (LoL). Acht Millionen Euro lässt der Klub sich den Startplatz kosten.

Es geht bei diesem Spiel wohlgemerkt nicht um eine Fußballsimulation, nicht um "Fifa" oder "Pro Evolution Soccer". In LoL kämpfen die Spieler mit Magierinnen, Ungeheuern und Ninjas gegeneinander. Ziel ist es, als Team von fünf Spielern ein anderes Team zu besiegen - und deren Festung zu zerstören. Schalke ist der erste europäische Fußballklub, der groß in einen Nicht-Fußball-E-Sport investiert.

Wäre es in der aktuellen Situation für den Klub nicht sinnvoller, das Geld in weitere Stürmer zu investieren? "Nein", sagt Alexander Jobst, Marketing-Vorstand bei Schalke. Man habe die Entscheidung unabhängig vom Fußball getroffen. "Der E-Sport muss auf eigenen, profitablen Füßen stehen." Das sei bei Schalkes E-Sport-Abteilung bereits der Fall. Zu der zählen auch sieben Fußball-Simulations-Profis. Das Wichtigste ist aber das LoL-Team.

Im Mai vor zwei Jahren übernahm der Klub das Team "Elements", inklusive der meisten Spieler und des Startplatzes in der europäischen "League of Legends Championship Series" (LCS). Die E-Sport-Szene beäugte die neue Konkurrenz zunächst misstrauisch. Meinen die das ernst - oder geht es nur um Marketing? Sie meinen es ernst. Im Sommer wäre Schalke beinahe Meister geworden und scheiterte nur knapp an der Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Südkorea.

Doch 2019 steht für die Liga ein Umbruch bevor. Der LoL-Entwickler, die Firma Riot Games, stellt das System um: auf ein Franchisemodell nach Vorbild der US-Sportligen. Die Teams sind künftig Teilhaber der Liga, sie können weder ab- noch aufsteigen, sie dürfen mitreden - und werden an den Gewinnen beteiligt. Man hoffe, dass sich dadurch "längerfristige Bindungen zwischen Teams und Fans entwickeln", erklärt Liga-Chef Marc Schnell von Riot Games den Schritt. Zunächst müssen sich alle an einen neuen Namen gewöhnen, aus LCS wird LEC: League of Legends European Championship.

Nun ist klar: Auf Schalke geht man diesen Schritt mit. Bemerkenswert, denn eigentlich vermarktet sich der Klub in anderen Bereichen doch als Traditionsverein. Aber Marketing-Chef Jobst sagt: "Mit Tradition alleine kann man wirtschaftlich nicht erfolgreich sein." Man habe sich vor zwei Jahren bewusst für LoL entschieden, weil es weltweit populär ist und die Fan-Gemeinde stetig wächst.

Allerdings will nicht nur Schalke von LoL profitieren - das gilt auch umgekehrt. Man habe sich die künftigen Partner genau angeschaut, sagt Liga-Chef Schnell: "Wir wollen sichergehen, dass wir dieselbe Vision haben." Schalke ist das einzige Team mit traditionell-sportlichem Hintergrund im Feld der zehn Teilnehmer, die Riot Games am Dienstag bekannt gab. Teil der neuen LEC wird auch das E-Sport-Urgestein "SK Gaming" aus Köln, Partner ist die Telekom. Hinter Team "Rogue" wiederum stehen DJ Steve Aoki und die Band Imagine Dragons. Musik und Computerspiele - "das verbindet für uns zwei Bereiche", sagt Schnell. Das zeigt, wohin es gehen könnte: E-Sport soll weiter raus aus der Nerd-Ecke, alle Lebensbereiche durchdringen, wachsen. Die Liga selbst gehört letztlich dem chinesischen Internetriesen Tencent, dem Besitzer von Riot Games. Klar ist: In der boomenden Branche geht es vorrangig ums Geld.

Lässt sich das den Schalker Ultras verkaufen, die bei den Heimspielen in der Nordkurve stehen? Kein Problem, glaubt Jobst, mittlerweile seien selbst hart gesottene Fußballfans zum Teil "mit Begeisterung" dabei. Er spricht von Synergien in beide Richtungen. Vor allem geht es natürlich darum, auch die Generation Internet über das Gaming für den FC Schalke 04 zu gewinnen. Bei einem PR-Trip der Fußballer durch China waren in den vergangenen drei Jahren auch die E-Sport-Stars des Klubs mit dabei. "Die chinesischen Fans erkennen die Gamer eher als die Fußballprofis", sagt Jobst.

In der Gelsenkirchener Fußgängerzone wird man den Profi-Gamern allerdings kaum über den Weg laufen. Das LoL-Team - Spieler, Trainer, der restliche Stab - wohnt und trainiert wie alle übrigen Teams der europäischen Liga in Berlin. Dort tragen sie ihre Spieltage in einem Studio in Adlershof aus, zwei pro Woche. Anders wäre der Aufwand zu groß. Aber das muss nicht so bleiben: In der chinesischen Liga des Computerspiels bauen gerade einige Teams eigene E-Sport-Arenen. Auch Jobst hätte sein Team irgendwann gerne in Gelsenkirchen.

So aber befindet sich das Trainingszentrum der Schalker bisher in einem mehrstöckigen Wohnhaus in Berlin-Charlottenburg. An der Tür hängt ein Schild: "In diesem Haus wohnen Familien mit Kindern", auf einer Klingel steht "S04". Innen eine geräumige Altbauwohnung mit Parkett: Küche, Büro, ein Zimmer für Fitness und Yoga (auch E-Sport ist anstrengend). Das Herzstück des Trainingszentrums ist bisher noch etwas schmucklos: Nur fünf PCs stehen an der Wand aufgereiht. "Bis zum Saisonbeginn soll das hier noch umgebaut werden", sagt Tim Reichert, der Chef der Schalker Gaming-Abteilung. "Außerdem wollen wir die Tagesabläufe der Spieler optimieren." Feste Essenszeiten, Atemübungen zwischen den Spielen, regelmäßige gemeinsame sportliche Aktivitäten, für den Zusammenhalt.

In Zukunft soll Schalkes E-Sport-Abteilung noch weiter wachsen. Aber es gibt auch Grenzen: Man distanziere sich von "Ballerspielen und Kriegsspielen", sagt Jobst. Wichtig sei, "dass ein Titel zu den Werten passt, die wir seit Jahrzehnten auf Schalke leben".

© SZ vom 21.11.2018
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