Dopingsperre für Salazar:Im Sumpf von Oregon

Alberto Salazar

Der Leichtathletik-Trainer Alberto Salazar, 63, bei einem Wettkampf in Eugene 2015.

(Foto: Don Ryan/AP)

Das Internationale Sportgericht bestätigt die Vier-Jahres-Sperre gegen den Leichtathletik-Trainer Alberto Salazar. Doch die Untiefen des umstrittenen Projekts müssen noch weiter ausgeleuchtet werden.

Von Johannes Aumüller

Der Leichtathletik-Trainer Alberto Salazar bleibt für vier Jahre gesperrt. Das ist die entscheidende Botschaft des Urteils, das der Internationale Sportgerichtshof Cas gefällt hat. Vergeblich ging der langjährige Kopf des Nike Oregon Projects (NOP), in dem sich Angehörige der Lauf-Elite wie der britische Olympiasieger Mo Farah versammelten, gegen eine Strafe eines amerikanischen Schiedsgerichts vor. Trotz aller Dementis waren für die Richter die Verstöße gegen die Anti-Doping-Regeln zu offenkundig, zum Beispiel der Besitz von Testosteron.

Jedoch beinhaltet das Urteil auch eine irritierende Komponente. Denn der Cas weist darauf hin, dass in dem Verfahren auch das Verhalten von Amerikas Anti-Doping-Agentur Usada, die sich für eine noch höhere Strafe einsetzte, "unverhältnismäßig und übertrieben" gewesen sei. Und dass es keine Beweise dafür gebe, dass Salazars Verstöße sich auf die in dem Lauf-Projekt versammelten Elitesportler ausgewirkt habe. Das wirkt fast so, als wolle der Cas - der ja nicht wirklich unabhängig ist, sondern sich oft als sportjuristischer Erfüllungsgehilfe des Internationalen Olympischen Komitees und des Weltsports erweist -, den Sumpf relativieren.

Dabei hat sich im Spitzensport in der jüngeren Vergangenheit nur selten eine so toxische Kultur offenbart wie bei dem Projekt in Oregon nahe der Nike-Zentrale. Offenkundig bedenkenlos wurde dort unter Salazars Aufsicht im Graubereich operiert und mit Medikamenten experimentiert. Schmerzmittel, Präparate für die Schilddrüse, Infusionen, alles rein, Hauptsache wirksam für die Leistungssteigerung, auch wenn Experten finden, dass das Zeug eigentlich auf die Verbotsliste gehört. Längst liegen auch die Schilderungen früherer Teilnehmer über einen emotionalen und physischen Missbrauch vor, was Salazar bestreitet, aber zu einer lebenslangen Sperre durch das "Safe Sport"-Center führte.

Nein, bei der Aufarbeitung ging es nicht unverhältnismäßig und übertrieben zu. Vielmehr sind noch weitere Dinge auszuleuchten, ganz zuvorderst diese lustige Erzählung, die im Laufe der Jahre entstand. Dass es nämlich unter dem Dach des großen Oregon-Projektes (das erst 2019 eingestellt wurde) quasi zwei Kulturen gegeben habe: eine in Teilen grenzüberschreitende von Salazar, und eine andere, die damit quasi gar nichts zu tun hatte.

Salazars Erklärung für den Testosteron-Besitz ist kurios

Nicht nur die Usada findet das wenig glaubhaft, weil Salazar nun mal Herz und Hirn des Ganzen war. Von daher wirkt es auch bis heute befremdlich, wenn sich etwa die deutsche Mittelstrecklerin Konstanze Klosterhalfen dem früheren NOP-Trainer und Salazar-Adjutanten Pete Julian anschließt, auch wenn keinerlei konkretes Vergehen nachgewiesen ist. Zur Sorgfaltspflicht ihrer Berater würde es gehören, ihr von einem solchen Trainingsumfeld abzuraten.

Und der Hinweis des Cas, dass es keine Beweise für Doping durch die Top-Athleten des Projekts gebe? Ja, es wurde nie einer der dortigen Sportler überführt. Aber der Trainer, der Dopingmittel nur für den persönlichen Gebrauch im Hobby-Keller benötigt, muss wohl noch gefunden werden. Salazar erklärte den Testosteron-Besitz und die Verabreichung einer Creme an seine Söhne damit, dass er dies habe testen wolle, um gewappnet zu sein, falls ein Athlet mal Opfer eines Testosteron-Komplotts würde. Damit lieferte er sich im Wettkampf um die kurioseste Erklärung einen erbitterten Wettstreit mit dem britischen Mediziner Richard Freeman: Der erklärte in der Affäre um das Rad-Team Ineos, dass das georderte Testosteron dazu dienen sollte, die Potenzprobleme eines Ex-Trainers zu lindern (was dieser bestritt).

Nach der Bestätigung von Salazars Sperre sollten sich nicht nur die Usada, sondern auch andere Stellen im Sport weiter mit den Verästelungen des untergegangen Oregon-Projektes beschäftigen.

© SZ/cca
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