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Doping:"Hochleistungssport ist eine schöne Show"

Der Kroate Dario Nemec erzählt im Aderlass-Prozess, wie er als Co-Kapitän des Erfurter Sportarztes agierte - und gewährt bei seinem Auftritt in München weitere Einblicke in eine krude Szene.

Von Johannes Knuth

Nach zwei Stunden, in denen er im Verhandlungssaal A101 des Münchner Landgerichts ausgesagt hat, mal knapp, mal vielsagend, mal ironisch, am Ende vor allem genervt - da will Dario Nemec einfach nur noch weg. Er hastet die Treppe herunter, starrt plötzlich in eine TV-Kamera, reißt sich einen Zettel vors Gesicht, winkt ab. Dann verlässt er das Justizgebäude, fuchtelt kurz mit den Armen und entschwindet über eine Kreuzung. Man kann das durchaus als Flucht klassifizieren, so wie diese erste Vernehmung am Mittwoch endet, eine der bislang eindrücklichsten in dem Verfahren gegen den Erfurter Sportarzt Mark Schmidt.

Zwei Stunden zuvor ist Nemec tatsächlich zum Auftakt des zwölften Verhandlungstags erschienen, als einer der wenigen Zeugen aus dem Ausland, "nicht unbedingt die zuverlässigsten", wie Richterin Marion Tischler festhält. Viele der Zeugen, meist Athleten, die der Erfurter Arzt beim Blutdoping unterstützt hat, haben sich zuletzt entschuldigen lassen: Corona, die schwere Anreise, Verpflichtungen in der Heimat, man bitte um Verständnis. Nemec aber ist gekommen. Gegen den Kroaten wird bereits in Österreich ermittelt, wegen seiner Verstrickungen in die Operation "Aderlass" - er bestreitet aber, dass er nach München gereist ist, weil seine Auflagen das diktieren. Interessant sind seine Einlassungen so oder so, denn Nemec steht, wie SZ-Recherchen schon im Vorfeld gezeigt hatten, auch für die Natur des Netzwerks von Mark Schmidt. Das war, wie sich am Mittwoch bestätigt, längst nicht auf dessen Erfurter Drehkreuz beschränkt. Und wieder führen dabei Fährten hinter die Bühne der ganz großen "Show", wie Nemec den Hochleistungssport nennt.

Der 39-Jährige, blasses weißes Hemd, Glatze, berichtet zunächst, dass er Schmidt 2013, spätestens 2014 kennengelernt habe - vermittelt von Walter Mayer, einem skandalumtosten Funktionär aus Österreich. Schmidt und Nemec, das funkte rasch: Hier der Sportarzt, der versuchte, sich neben seiner Praxis ein Netzwerk als Bluttankwart aufzubauen, dort der Kroate, bei dem Schmidt offenkundig aus einem tiefen Brunnen des Know-hows schöpfen konnte, was die Hinterbühne des Ausdauersports betraf. Nemec führte Schmidt bald Kunden zu, die Radprofis Georg Preidler und Kristian Durasek etwa; er tauschte sich mit Schmidt ständig aus, welche Mittel gerade im Trend seien, bis hin zu Doping bei Kamelrennen. Er bestellte auch viele "Produkte", den Blutbeschleuniger Epo, Wachstumshormon, Insulin; lauter Gaben, die Schmidts Klienten mit dessen Blutdopingkuren kombinieren konnten: "Sportler sind nicht naiv", sagt Nemec, "die wissen genau, was verwendet wird."

Als der Kroate nach neuen Namen gefragt wird, reagiert er genervt

Nemec forschte auch nach Material, als Schmidts alte Maschine zur Blutaufbereitung schwächelte - "vielleicht geht das in Deutschland nicht, aber in anderen Ländern geht das leichter", berichtet er amüsiert. Drei Mal sei er auch eingesprungen, als er dem Langläufer Johannes Dürr Blut entnahm und zuführte, als Assistenzarzt quasi. Wo der gelernte Athletiktrainer sich dieses Wissen angeeignet hat, das behält er aber lieber für sich.

Nemecs Drähte in die Szene waren so gut, dass ihn seine Kontakte sogar auf mehrere, neuartige Präparate aufmerksam machten. Eines davon war Molidustat, ein Mittel, das den Körper grob gesagt anregt, rote Blutkörperchen zu produzieren und damit die Ausdauer steigert - wie EPO, aber oral konsumierbar. Als die Richterin fragt, ob er dabei eigentlich auch die Nebenwirkungen im Blick hatte, gibt Nemec eine vielsagende Antwort: Bei vielen Mitteln lag oft gar kein Beipackzettel bei. Viele Substanzen seien ja gar keine Medikamente im strengen Sinne - und somit oft unauffindbar für die Anti-Doping-Tester.

Nemec und Schmidt waren aber nicht die einzigen, die damals auf Molidustat stießen. Am Dienstag hatten sie im Gericht bereits einen Chat zwischen Mark Schmidt und Mati Alaver verlesen, vom Juli 2017. Alaver ist ein langjähriger Langlauftrainer aus Estland, der in der Heimat zuletzt zu einjähriger Haft auf Bewährung verurteilt worden war. "Der General", so sein Spitzname, soll eine Art Aderlass-Nebenfiliale betrieben haben, indem er seine Langläufer Karel Tammjärv, Algo Kärp und Andreas Veerpalu an Schmidt vermittelte, die Blutdoping bereits gestanden haben.

Alaver erkundigte sich bei Schmidt damals jedenfalls nach weiteren Kuren. Schmidt entgegnete, er habe zuletzt bei einer "Konferenz" von Ärzten und Szene-Lieferanten erfahren, dass "etwa 70 Prozent" aller Ausdauersportler Molidustat nutzten. Weil das Kölner Dopinglabor dazu Anfang 2017 aber einen Nachweis zur Marktreife gebracht hatte, sei die Szene in Aufruhr: Bei der Tour de France nutze fast das gesamte Peloton diesen Treibstoff. Er treffe aber bald seinen "Kollegen aus dem Labor", der könne vielleicht einen Ersatz empfehlen. Tatsächlich steht Molidustat - für Patienten entwickelt, die unter Blutarmut leiden -, seit 2017 auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur. Damals gingen prompt zwei Sportler ins Netz, auch ein Radfahrer.

Wenn man Nemec am Mittwoch weiter zuhört, erscheint das alles in einem stimmigen Licht. "Hochleistungssport ist eine schöne Show", sagt er, "aber hinter der Bühne gibt es viele Hintergrundgeschäfte." All die Produkte, die er erwähnt habe, würden im Sport verwendet, zumindest in der Ausdauerszene. Als die Verteidigung von Schmidts mitangeklagtem Komplizen Dirk Q. den Kroaten noch etwas mehr ins Gegenpressing nimmt, wird klar, dass dieser wohl viel mehr weiß als das, was er dazu und zu Schmidts Netzwerk erklärt hat.

Wurde er bei seinen Vernehmungen in Österreich auch zu Milan Erzen gefragt? Jenem Funktionär des Radsport-Teams Bahrain-Merida also, bei dem unter anderem zwei Schmidt-Kunden fuhren? "Ja, nach dem bin ich gefragt worden", sagt Nemec. Worüber, das sagt er nicht. Erzen hat unlautere Praktiken stets massiv abgestritten.

Als Nemec dann noch zu zwei prominenten Radprofis gefragt wird, die bei der Tour de France zuletzt prägende Rollen spielten - da lächelt er, als sei er gerade ertappt worden und sagt: "Dazu möchte ich mich nicht äußern." Nur so viel: Er sei damals nach sehr vielen Athleten ausgefragtw worden. Dann fügt er noch an, zunehmend genervt: "Ich möchte hier keinen Sensationalismus machen."

Kurz darauf ist Nemec dann auch entlassen. Was bleibt, ist der nächste eindrückliche Einblick hinter die Kulisse der großen "Show".

© SZ vom 26.11.2020/schm
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