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DFB: Schiedsrichter:Machtkampf und sexuelle Nötigung

Der Fall Manfred Amerell lenkt den Blick auf die Zerwürfnisse im deutschen Schiedsrichter-Wesen.

Es hat nicht sehr lange gedauert, bis die neueste Affäre im deutschen Fußball in erste personelle Konsequenzen mündete. DFB-Vizepräsident Rainer Koch, im Verband bislang fürs Schiedsrichterwesen zuständig, hat die Verantwortung für diesen Teilbereich inzwischen abgegeben - als Reaktion darauf, dass er erst mit erheblicher Verspätung von jener Causa Kenntnis erhielt, wonach ein Bundesliga-Schiedsrichter schwere Anschuldigungen gegenüber Schiedsrichterausschuss-Mitglied Manfred Amerell, 62, erhoben hat.

Rote Karte

Der Fall Amerell lenkt den Blick auf die Zerwürfnisse im deutschen Schiedsrichter-Wesen.

(Foto: Foto: ddp)

Verbandsintern wird inzwischen wegen sexueller Nötigung ermittelt; Vorwürfe, die Amerell vehement bestreitet. Seitdem werden in dieser ungemütlichen Affäre im Pingpong-Stil Argumente hin- und hergeschmettert: Schiedsrichter-Chef Volker Roth, auf den Kochs Vorwurf des Vertrauensbruchs zielt, konterte, er habe statutengemäß Präsident Theo Zwanziger und nicht den Vize-Präsidenten informiert. Koch, der Vize-Präsident, konterte den Konter erneut und sagte am Donnerstag der SZ: "Durch den Geschäftsverteilungsbeschluss des Präsidiums wurde die klare Zuständigkeit für das Schiedsrichterwesen bei mir festgelegt."

So lenkt dieser Fall den Blick in eine Ecke des Profifußballs, die bislang wenig ausgeleuchtet ist. Wie das deutsche Schiedsrichterwesen funktioniert, wer mit wem kann oder warum nicht, zeigt sich hier exemplarisch. Die Tatsache, dass Volker Roth nach Erhalt der brisanten Informationen dem DFB-Vizepräsident ebendiese Informationen vorenthielt, lässt auf die leidenschaftliche Antipathie schließen, die die Schiedsrichterzunft mit dem bislang für sie zuständigen DFB-Funktionär Koch verband.

Nur wirft dies umso heftiger die Frage auf, warum Zwanziger seinen Vize ebenfalls nicht informiert hatte: Er habe sich mit Generalsekretär Wolfgang Niersbach und Personalchef Stefan Hans "beraten und veranlasst, dass ein Gespräch mit dem betreffenden Schiedsrichter schnell gesucht werden muss", erklärte Zwanziger am Donnerstag via DFB-Homepage.

Warum er Koch nicht sofort informierte, erklärt er auch dort nicht - nur, dass er "durchaus akzeptieren" könne, dass Koch "den Vorgang für sich so bewertet, aber bei mir hat der Ablauf zu keinem Vertrauensverlust geführt". Koch sagte der SZ: "Ich habe meine Zuständigkeit abgegeben, weil ich von Volker Roth nicht informiert wurde. Weitere Kommentare möchte ich nicht abgeben." Weil er den Konflikt mit seinem Präsidenten Zwanziger vermeiden möchte?

Wer die Kontroverse zwischen Koch und den Schiedsrichtern verstehen will, muss einen Blick auf die Entstehungsgeschichte werfen: Kochs Ansinnen war es von Beginn an, diesen auf wenige Personen konzentrierten geheimniskrämerischen Männerbund neu zu ordnen. So wurde Schiedsrichter-Chef Roth vor zwei Jahren gegen die Stimmen der Liga wiedergewählt; es gab diverse Kritiker, denen die Machtachse um Roth, Amerell und DFB-Lehrwart Eugen Strigel zu mächtig geworden war.

Koch begriff sich als Mittler zwischen der traditionell beim Verband angesiedelten Schiedsrichterei und den Begehrlichkeiten der Liga, die vorübergehend mit der Übernahme des Schiedsrichterbereichs liebäugelte. So installierte Koch etwa den ehemaligen Schiedsrichter Hellmuth Krug als DFL-Vertreter im Schiedsrichter-Ausschuss. Kein Wunder, dass die DFL auch jetzt wieder Gehör findet: So wird DFL-Chef Christian Seifert in der Frankfurter Rundschau mit der Idee zitiert, "das Schiedsrichterwesen in eine eigene Einheit als Joint Venture zwischen DFB und DFL auszugliedern". Wobei die DFL Wert darauf legt, dass diese Idee vor zwei Wochen geäußert wurde und keineswegs im Kontext der aktuellen Debatte.

Kochs Mittlertätigkeit wird grundsätzlich auch von den Schiedsrichtern anerkannt - allerdings werfen sie ihm vor, sich in der Mittlerrolle selbst inszeniert und profiliert zu haben. Er habe zu vieles an sich reißen wollen, sagt einer, der alle Debatten kennt und mitgeführt hat, weshalb sich dieser Konflikt als offenbar DFB-typisches Macht- und Kompetenzgerangel lesen lässt. Gegenseitiges Vertrauen konnte jedenfalls nie entstehen, weil Koch mit dem Vorsatz der Neusortierung des Schiedsrichterwesens angetreten war, während ihm die Schiedsrichter von Anfang an unterstellten, die Schiedsrichterei nur als Plattform für eine DFB-Funktionärskarriere zu nutzen.

Der Weg ist frei für Fandel

Offenbar hat die aktuelle Eskalation dieses Konflikts einen weiteren Konflikt verhindert, der ansonsten im Herbst über den Verband hereingebrochen wäre. Auf dem DFB-Bundestag im Oktober soll der ehemalige Spitzenschiedsrichter Herbert Fandel das Amt des Schiedsrichter-Chefs von Volker Roth übernehmen, und Fandel, der die ausdrückliche Zustimmung der Liga und hochrangiger DFB-Funktionäre genießt, hat offenbar klar signalisiert, nicht mit Koch zusammenarbeiten zu wollen.

So gibt es bereits Stimmen in der Szene, die Kochs Rückzug aus der Schiedsrichterei als eleganten Abschied werten. Jedenfalls dürfte der Weg nun frei sein für Fandel, der sich eine Modernisierung des Schiedsrichterwesens auf die Fahnen geschrieben hat. "Natürlich müssen Strukturen verändert werden", sagt Fandel. Er plädiert für "mehr Offenheit und Transparenz".

Ob Schiedsrichter-Chef Roth über die aktuelle Debatte hätte stolpern können? Zwar findet sich auch in Schiedsrichterkreisen die Meinung, dass Roth dem DFB-Funktionär Koch den Fall durchaus hätte melden können. Aber auch DFB-Chef Zwanziger war ja früh informiert. Und im Oktober soll Roth ohnehin von Fandel abgelöst werden.

© SZ vom 12.02.2010/jüsc
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