Rudern:Achter im Dock

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Rudern: Mit vielen jungen Ruderern und einem neuen Steuermann: Der Deutschland-Achter (hier bei der EM 22) muss sich bei der der Weltmeisterschaft noch einfahren.

Mit vielen jungen Ruderern und einem neuen Steuermann: Der Deutschland-Achter (hier bei der EM 22) muss sich bei der der Weltmeisterschaft noch einfahren.

(Foto: Frank Hoemann /Sven Simon/Imago)

Normalerweise können sich die deutschen Ruderer hinter dem Achter verstecken, dessen Siege Ruhe im Team garantierten. Doch nun ereilt ihn bei der WM ein Streit mit dem Verband und ein sportlicher Tiefpunkt.

Von Volker Kreisl, Racice/Tschechien

Sechs Sekunden, das ist viel. Sechs Mal zehn Zehntelsekunden sind das, und in einer Situation, wie sie der Deutschland-Achter am Montag erlebt hatte, da dehnen sich sechs Sekunden Rückstand auf den Sieger noch mehr in die Länge. Man ist ja nicht irgendwer, man ist die Besatzung des Deutschland-Achters.

Dieses Boot schiebt im deutschen Hochleistungsrudern nicht nur den eigenen Erfolg an, sondern gewohnheitsmäßig auch die gesamte Flotte des Deutschen Ruderverbandes (DRV). In Anlehnung an alte Militär-Metaphern wird das lange Boot deshalb oft auch noch "Flaggschiff" genannt. Es soll das Führungsboot sein, das den Weg zum Erfolg weist. Jedoch - Platz vier nun im Vorlauf, bei der Weltmeisterschaft in Racice bei Prag, das weist eher darauf hin, dass dieser Achter selbst noch der Führung und großer Unterstützung bedarf. Eine letzte Chance aufs Finale haben die mit Steuermann neun Kollegen noch am Freitagvormittag um 12.45 Uhr. Doch in diesem Hoffnungslauf müssten sie wegen der starken Gegner eine wundersame Steigerung hinlegen.

Jahrelang steuerte Martin Sauer das Boot, nun rückt Jonas Wiesen auf den Platz

Die Führung um Achter-Bundestrainer Uwe Bender rechnet daher schon mal damit, dass die Achterbesatzung nun ein Tief durchschreiten muss, was im Grunde nur normal ist. Einer-Kollege Oliver Zeidler und auch manche anderen Boote müssten nun Siege oder Podiumsplätze erringen, denn der Achter, mit allem was dazu gehört, liegt gewissermaßen im Dock und wird gerade erneuert: Im Zusammenspiel, im Rhythmusgefühl, im Kraftaufbau und in der Praxis auf dem Wasser.

Die Phase der Silbermannschaft von Olympia 2021 ist vorbei, nun beginnt ein neuer Zyklus mit vielen Neulingen, und das sieht man bereits am Ende des Bootes. Von dort aus hatte gut zehn Jahre lang Steuermann Martin Sauer die Gegner beobachtet und sichere Taktik-Kommandos gegeben. Nun sitzt da: Jonas Wiesen. Der ist zwar schon 26 Jahre alt und hatte auch bereits Einsätze als Ruderkapitän, aber nur in Kleinbooten, der Achter war Sauers Job. Dann wurden die Steuerleute kürzlich bis auf den Achter-Lotsen ganz gestrichen, und Wiesen muss sich nun auch erst einarbeiten in die Kunst, ein Rennen zu lesen. Bender sagt: "Auch Wiesen muss sich erstmal festigen."

Wie das gesamte Boot. Das Durchschnittsalter liegt bei 24,2 Jahren. Torben Johannesen ist nun der Älteste, er hat die Position des Schlagmanns übernommen. Er gibt den Rhythmus vor, damit die Ruderblätter gleichzeitig und synchron ins Wasser tauchen und wieder herauskommen, das ganze Boot muss eine Einheit werden. Alle Hebel, alle Kräfte müssen so gesetzt werden, dass keine Energie verschwendet wird, im Idealfall fliegt das Boot in den fünfeinhalb Minuten über die 2000 Meter mit Leichtigkeit übers Wasser. Jedoch, wie alle anderen Boote auch, hat diese neue Generation wegen der Covid-Verschiebung von Olympia 2020 nicht vier, sondern nur drei Jahre Zeit, bis sie fliegen müsste.

Einer-Ruderer Zeidler bescheinigt dem Verband hauptsächlich "Blabla"

Das klappt bei den einen schneller, etwa bei Vorlaufsieger Kanada. Die Deutschen dagegen sind noch weit entfernt von einer Leichtigkeit, denn im Hintergrund keimt Ärger auf. Zum einen war für viele schon die jüngste Olympiamedaille in Silber ein kleiner Rückschlag, man war eben mehr gewohnt. Und auch aktuell ist ein Streit entbrannt, zwischen Sport und Politik, also Ruderern und Verband. Die Strategen des DRV suchen nach Lösungen für die Zukunft, sie haben unter anderem einen "Expertenrat" gegründet, was für die Athleten sehr praxisfern klingt, Johannesen jedenfalls bezeichnete den Rat in den Ruhr Nachrichten als "Farce": Dort drin säßen Leute, die ohnehin schon im Fokus der Kritik stehen, "die kontrollieren sich quasi selbst". Stattdessen fordert Johannesen konkrete Maßnahmen, die schnell greifen, nämlich passende Werkzeuge, um die Leistungspläne umzusetzen: "Wir Sportler brauchen einen Plan, wie wir in die internationale Spitze zurückkommen."

Vernehmlichen Ärger löste auch die Idee des Verbandes aus, die Einer-Ruderer aus ihrem Heim-Milieu in zentrale Stützpunkte zu versetzen. Einer, der Name sagt's, sind viel allein, sie haben zwar ein Team und wie der aktuelle Weltmeister Oliver Zeidler auf der Regattastrecke Unterschleißheim ihre eigene Heimat, ihr Milieu. Will man sie umpflanzen, etwa nach Hamburg, dann reagieren sie mitunter allergisch, wie nun Zeidler, der über die Ergebnisse des Krisengesprächs in der Welt am Sonntag sagte: "Außer viel Blabla ist nichts Konstruktives rausgekommen." Seinen Expertenrat hat der DRV übrigens am Donnerstagnachmittag wieder aufgelöst.

Bei der WM hat sich Zeidler bislang in ordentlicher Form präsentiert, auch er muss wie Einer-Ruderin Alexandra Föster am Freitag noch ein Halbfinale bestreiten. Und alle Erfolge der anderen zusammen dürften indirekt dem Achter helfen, der trotz eines Weltcupsieges in diesem Sommer weitere Baustellen behält. Konstante Leistungen erbringt er wohl noch lange nicht, und doch hofft er weiterhin auf einen Finaleinzug in Racice.

Dazu müsste am Freitag rechtzeitig der Fehler vom Vorlauf aus den Köpfen der neun Bootsinsassen. Kurz gesagt, es fehlte das Selbstvertrauen. In den ersten 1000 Metern des Vorlaufs hielten sie mit, dann zogen die Gegner plötzlich kurz das Tempo an, die junge Mannschaft, so Bender, überkam der Frust, und alle zusammen gaben sie auf. Auch das ist eine Erfahrung.

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