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Deutscher Fußball-Bund:Offene Fragen, offene Wunden

Profis gegen Amateure, Deutscher Fußball-Bund gegen Deutsche Fußball Liga, DFB-Präsident Keller gegen DFB-Generalsekretär Curtius - die vielschichtigen Machtkämpfe im deutschen Spitzenfußball gehen weiter. Die Organisationen schwächen sich gegenseitig, während Strafbehörden ermitteln.

Von Thomas Kistner

Doch, es tut sich was im Dauerzwist beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), das offenbart sich am Zeitaufwand: Nahm die Präsidiumssitzung im Oktober nur rund drei Stunden in Anspruch, brauchte es beim Krisentreff am Freitag nun schon sieben Stunden scharfen Diskurses, um am Ende den funktionärstypischen Status quo herzustellen: Alle haben sich wieder lieb, denn jetzt ist ja das nächste Schlichtungsgespräch vereinbart - zwischen Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius. Darauf hätte die Runde mit einem Gläschen Sekt anstoßen können, denkbar, dass die beiden Kombattanten bei dieser Gelegenheit ihr Fünfzigstes feiern.

Das ist der gebotene Ernst, denn anders lassen sich die Vorgänge auf der DFB-Chefetage nicht mehr kommentieren. Wobei in den jüngsten Schweigegelübden gnädig untergeht, dass es fortan ein neues, handfestes Problem im Innenleben des Fußballbetriebs gibt. Denn das Profi-Lager hat ja, per Brandbrief der Deutschen Fußball Liga (DFL) an DFB-Chef Keller, den DFB-Generalsekretär Curtius zur unerwünschten Person in all ihren Gremien erklärt, zu denen er satzungsgemäß Zutritt hätte.

Die Posse geht also weiter, doch die Nebel lichten sich. So ist es abwegig, den Kern allen Übels länger im Profi-Lager zu verorten. Der vormals große Appetit der DFL auf die Kronjuwelen des DFB (Nationalmannschaften, Pokal, Frauenfußball) hat sich verflüchtigt - heftiger, ja undiplomatischer kann eine Distanzierung nicht sein.

Derweil sollte das riesige, im DFB organisierte Amateurlager allmählich überlegen, welche wirtschaftlichen Konsequenzen das stille Wirken jener Funktionäre am Ende zeitigt, die sie bislang in alter, einst durchaus begründeter Tradition stützen. Nur ein Beispiel: Dem DFB drohen enorme Steuer-Nachzahlungen, soeben haben die Strafbehörden eine neue Ermittlung eröffnet in einer Angelegenheit, die womöglich per Selbstanzeige hätte abgewendet werden können. Christian Seifert, den DFL-Chef, zermürbten all die Turbulenzen und unkalkulierbaren Risiken so sehr, dass er schon im Sommer seinen Sitz im haftenden DFB-Präsidialausschuss abgab.

Käme es ganz schlimm, könnte der DFB die Allgemeinnützigkeit für Jahre verlieren - was die Amateure dann wohl selbst vor die DFL-Tore triebe, als zerknirschte Bittsteller. Ein abwegiges Szenario?

Auch deshalb wird der Blick über den Tellerrand dieser Verbandspolitik so wichtig. Er muss tief in die Kulissen reichen, wo diskrete Forensiker und Kommunikationsberater wirken, handverlesen ausgesucht von Curtius und Mitstreitern. Deren buntes Wirken dürfte am Ende interessanter sein als die offiziellen Resultate, die sie bis Monatsende vorlegen sollen. Ist nicht die Verquickung von Kommunikation und stiller Innen-Recherche das Kernproblem aller Machtkämpfe an der DFB-Spitze?

Fritz Keller, erst seit Herbst 2019 im Amt, geriet da nun ebenso hinein wie sein gern autoritär agierender Vorgänger. Als Reinhard Grindel nach drei Jahren an der DFB-Spitze über ein Uhren-Geschenk stolperte, war er längst isoliert von seinen Vorstandskollegen. Und das ist nicht alles, die Verwerfungen ziehen sich tief in die Vergangenheit. All diese Zeit, seit Theo Zwanzigers türenknallendem Abgang 2011 und Wolfgang Niersbachs Rücktritt in der Sommermärchen-Affäre 2015, überstand bis heute einer, der zwar stets mitten drin im Funktionärsgetümmel war, der sich aber immer, wie jetzt in der nur vermeintlich so klaren Keller-Curtius-Zuspitzung, still im Hintergrund aufzulösen vermochte: Rainer Koch.

Was aber war und ist die Rolle dieses mächtigen Vizepräsidenten und zweimaligen DFB-Interimschefs? Was verbindet Koch, den starken Mann hinter Curtius, seit Jahren mit einem Medienberater, dessen üppiger Dienstleistervertrag intern einer so absurden Geheimhaltung unterlag, dass die Suche nach diesem die jüngste Kontroverse auslöste? Mediation hin oder her: Diese werthaltigen Arbeiten müssen detailliert geprüft werden. Zu stark ist der Verdacht, dass sie Aufschlüsse zum Reizklima auf der Chefetage liefern können.

Offene Fragen. Offenes Misstrauen. Offene Wunden. Der neue Burgfriede hilft weder Keller noch dem angezählten Curtius, gut ist er aber für: Rainer Koch. Der will im April wieder in den Vorstand der Uefa rücken, doch die Europa-Union beobachtet ihn mit Sorge. Sie erlebte schon vor Jahresfrist, wie raffiniert der unscheinbar wirkende bayerische Jurist Fäden spinnt: Beim Uefa-Treffen in Amsterdam regte er im stillen Kreis eine Machtvergrößerung für Europas Großverbände an. Derlei liegt wohl im Naturell des Musterfunktionärs, der viel Wertschätzung für den im Fadenkreuz der Strafjustiz stehenden Fifa-Boss Gianni Infantino zeigte - den erklärten Intimfeind der Uefa. Klar ist da wohl: Noch ein Thronsturz im DFB wäre auch für Koch einer zu viel. Besser, Keller und Curtius reden noch ein Weilchen.

© SZ/hoe/mok
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