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Dänemark:Torjubel in der Videokonferenz

"Wir sind stolz darauf, der erste Klub der Welt zu sein, der dies testet": Beim dänischen Erstligisten Aarhus GF sollen Fans Spiele im Stream aus der Kurven-Perspektive schauen können - und dabei auch für die Spieler sichtbar sein.

In Dänemark kam die Nachricht, auf die gerade Fußballfunktionäre in jedem Land Europas warten, am vergangenen Donnerstag: Die Regierung stimmte zu, dass die Ligen ihren Betrieb wiederaufnehmen dürfen. Frühestens am kommenden Montag wird entschieden, wann die Spiele in der Superliga, der höchsten Profiliga, wiederbeginnen sollen, im Gespräch ist der 29. Mai. Wie in jeder anderen Liga auch, ist die Voraussetzung dafür, dass die Fans zu Hause bleiben. Beim Klub Aarhus GF sollen sie allerdings trotzdem im Stadion dabei sein. Zumindest virtuell.

Dass der dänische Ligafußball viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist eher selten. Doch wenn demnächst in Aarhus, Dänemarks zweitgrößter Stadt, der hiesige Fußballklub den Lokalrivalen Randers FC empfängt, dann soll eine Weltneuheit Premiere feiern. Als nichts Geringeres wird auf der Webseite des Vereins der Plan angekündigt, dass Anhänger virtuelle Tickets erwerben - und so das Spiel aus einem Sektor ihrer Wahl verfolgen können.

Die Tickets sind gratis, an nur einem Tag wurden 3000 verschenkt. Noch soll das erst der Anfang sein - im Schnitt empfängt Aarhus fast 11 000 Zuschauer pro Spiel. Wer mehrere Tickets ergattert, kann das Spiel über den Kooperationspartner Zoom in einer Art Gruppenchat verfolgen. Auch die Gästefans dürfen zuschauen, es können Plätze im virtuellen Gästesektor gebucht werden. "Es ist in vielerlei Hinsicht ein historisches Spiel, da es das erste seit langer Zeit sein wird. Wir feiern dies mit einer historischen digitalen Initiative und sind stolz darauf, der erste Klub der Welt zu sein, der dies testet", wird Peter Froulund, der Kommunikationsleiter des Klubs, auf der Website zitiert.

Nun mag es nicht sehr spannend klingen, ein Spiel am Laptop aus einer Ecke des Stadions zu verfolgen. Auch die Dänen haben ja meistens einen Fernseher in ihrem Wohnzimmer stehen, auf dem auch die Spiele der Superliga übertragen werden. Die Aktion des Klubs soll aber wohl nicht nur den Zuschauern dienlich sein. Sie soll auch den Profis auf dem Platz so etwas wie eine Spielatmosphäre ermöglichen. Vor der Begegnung, so der Plan, werden zig Leinwände im Stadion aufgestellt, auf der die Akteure die Fans sehen, die sich ein Ticket ergattert hatten. Mit einem bearbeiteten Bild auf der Webseite zeigt Aarhus schon mal, wie man sich das vorzustellen hat: Fußballer laufen beim Torjubel auf eine Leinwand zu, von der aus ihnen live zurückgejubelt wird.

Was nach einer Idee klingt, die natürlich auch Sponsoren gefallen wird, könnte allerdings - zumindest andernorts - am Widerstand eben jener scheitern, denen vermeintlich ein Gefallen getan werden soll. Auch in Deutschland gab es eine durchaus ähnliche Idee, Fans virtuell am Geisterspielgeschehen zu beteiligen, zumindest akustisch. Der Münchner Viktor Mraz hat gemeinsam mit seinem Kollegen Michael Theumert eine App entwickelt, die für Stadion-Atmosphäre sorgen soll. Auf entsprechenden Tasten auf dem Smartphone könnten Fans aus der Ferne jubeln, klatschen, singen oder pfeifen, erklärte Mraz der Nachrichtenagentur AFP. Die Töne würden dann im Stadion gespielt. "Wir helfen den Fans, mit der Situation besser umgehen zu können", sagte Mraz.

Bloß sind die Fans davon nicht gerade begeistert. "Das wird es hier nicht geben, das ist nicht authentisch. Wir haben eine eigenständige Fankultur, und die wollen wir erhalten", sagte Thomas Weinmann, der Fanbeauftragte von Borussia Mönchengladbach, dem Sport-Informations-Dienst. Und in Gladbach sind sie in der Krise eigenwilligen Ideen gegenüber sogar aufgeschlossen: Fans konnten dem Klub Fotos schicken, um bei Spielen ohne Zuschauer als Bild auf Pappe auf der Tribüne ausgestellt zu werden. Doch Geräusche werden die Pappkameraden keine machen.

© SZ vom 10.05.2020 / SZ

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