Bundesliga Im Schatten der 222 Millionen

Was tun, wenn der Transfermarkt durchdreht? Gladbachs Sportdirektor Max Eberl erklärt, was die Fußball-Inflation für die Bundesliga und seinen Klub bedeutet - eine Analyse in zehn Kategorien.

Von Klaus Hoeltzenbein und Christof Kneer

Der Transfermarkt im Fußball ist im Sommer 2017 explodiert, selbst langjährige Experten müssen sich völlig neu orientieren. Die Rekorde purzelten wie die Dominosteine. Der erste Stein fiel in Barcelona: Dort wurde die festgeschriebene Ablöse von 222 Millionen Euro für den Offensivkünstler Neymar bedient - der Brasilianer landete gegen den erklären Willen der Katalanen bei Paris St. Germain. Ein Geschäft, das massive Abstrahleffekte hatte, auch auf die deutsche Bundesliga: Denn um die Lücke zu stopfen, die die Trennung von Neymar gerissen hatte, bediente sich Barcelona in Dortmund - rausgekauft wurde dort der Franzose Ousmane Dembélé, wofür die Borussia am Ende ein vor wenigen Monaten noch utopisch anmutendes Schmerzensgeld (inklusive Prämien) von bis zu 147 Millionen kassieren kann. Trotzdem hat dieser Transfer den BVB bisher nicht von seinem Kurs abbringen können - der deutsche Meister von 2011 und 2012 geht als Tabellenführer ins Liga-Topspiel an diesem Samstag um 18.30 Uhr. Gegner ist die andere Borussia, jene aus Mönchengladbach.

Gegner ist damit auch Max Eberl, 44, Gladbachs Sportchef. Ein Transfer-Experte, der bekannt dafür ist, in den Jahren seit seinem Amtsantritt 2008 ein paar pfiffige Geschäfte abgeschlossen zu haben. Eberl fischt auf der Suche nach Profis mit Perspektive nur selten im selben Revier wie die Dortmunder, dafür ist der finanzielle Abstand zwischen den Klubs zu groß. Dennoch haben sie am Niederrhein erneut versucht, den Klub mit cleverer Sicht aufs Personal konkurrenzfähig aufzustellen. Ob Eberl das gelungen ist, darüber wird auch das Borussen-Duell Aufschluss geben. Eberl sucht sein Personal in den Nischen - in welchen er unterwegs ist, schildert er im folgenden Streifzug durch einen aus der Fassung geratenen Markt. Eine Analyse.

Kategorie 1 Der ganz normale Wahnsinn

Natürlich hat auch Max Eberl mit seiner Borussia die inflationären Folgen des durchgeknallten Transfer-Sommers gespürt. Es passt ins Bild, dass schon ein Innenverteidiger ausreichte, um Gladbachs vorherigen Ablöserekord zu pulverisieren. Matthias Ginter kostete stolze 17 Millionen Euro, ist aber immerhin Weltmeister und 15-maliger deutscher Nationalspieler. Max Eberl erklärt, warum der Wahnsinn inzwischen normal geworden ist.

"Matthias Ginter ist für uns eigentlich ein untypischer Transfer, es ist ja nicht üblich, dass Gladbach einen Spieler aus Dortmund holt. Aber nehmen wir doch mal die Ablösesummen der anderen deutschen Nationalverteidiger, die im Sommer den Confed Cup gewonnen haben: Shkodran Mustafi 41 Millionen, Antonio Rüdiger 38 Millionen, Niklas Süle 20 Millionen - da kann man zu dem Schluss kommen, dass unser Rekordmann Ginter inzwischen ein fast normaler Transfer ist. Verglichen mit den anderen ist das sogar geradezu günstig - zumal Matthias erst 23 ist."

Volltreffer aus der Schweiz: Mönchengladbachs neuer Mittelfeldspieler Denis Zakaria, verpflichtet von Young Boys Bern.

(Foto: Martin Meissner/AP)

"Das wirklich Verrückte am neuen Transfermarkt ist ja, dass sehr gute Spieler inzwischen das kosten, was vor Kurzem nur absolute Weltklassespieler gekostet haben. Nehmen Sie den Leipziger Naby Keita, der - zugegeben nach einem Topjahr - in der nächste Saison für heute schon verabredete 75 Millionen nach Liverpool wechseln wird: An solchen Namen merkt man, wie sich die Maßstäbe verschoben haben.

Kategorie 2 Der Mehrwertspieler

Günstig einkaufen, teuer verkaufen: Nach diesem traditionellen Kaufmannsprinzip, das im Fall Dembélé gerade spektakulär zur Anwendung kam, handelt auch Eberl gern. Wie das im Idealfall funktioniert, hat er bereits am Beispiel des Schweizers Granit Xhaka vorgeführt. Im Sommer 2013 gegen den Widerstand des damaligen Trainers Lucien Favre geholt ("Der Eberl is' verrüüüückt!"), war es ausgerechnet Favre, der die Qualitäten des Spielers auf Mehrwert trimmte. Geholt für 8,5 Millionen Euro vom FC Basel, wurde Xhaka im Sommer 2016 für 45 Millionen Euro an den FC Arsenal weitergereicht. Nun versuchen die Kaufleute vom Niederrhein, sich selbst zu kopieren - Denis Zakaria, 20, ebenfalls aus der Schweiz, soll der neue Xhaka werden. Eberl erklärt, was jeden Spekulanten interessiert: wie man mit einem Geschäft mehrere 100 Prozent Gewinn machen kann.

"Dennis Zakaria ist nach Granit Xhaka der nächste Profi, bei dem wir die Fantasie auf eine entsprechende Wertsteigerung haben. Aber die Inflation auf dem Transfermarkt bringt es mit sich, dass er nun schon zwölf Millionen gekostet hat. Ähnlich ist die Fantasie auch bei Ginter: Wenn Matthias nächsten Sommer im deutschen WM-Kader steht, besteht die Möglichkeit, dass jemand 30 Millionen bietet - ob wir das dann annehmen, ist eine andere Frage."

"Aber darf ich noch mehr Beispiele aus unserer jüngeren Klubgeschichte nennen? Auch Marco Reus, Dante, Max Kruse, Marc-André ter Stegen oder Mo Dahoud haben wir in den vergangenen Jahren mit großer Wertsteigerung verkaufen können. Dennoch muss man immer erst an die sportliche Perspektive denken, bevor man den Verkaufswert im Blick hat - Dahoud hätten wir vor einem Jahr für mehr Geld verkaufen können als jetzt (zu Borussia Dortmund/Anm. d. Red.), aber da wollten wir neben Xhaka nicht den nächsten zentralen Spieler verlieren. Also haben wir abgelehnt. Der Wiederverkaufswert wird als Faktor auf dem wilden Transfermarkt zwar immer wichtiger - er darf solche Überlegungen aber nicht dominieren."

Weltrekord

Die teuersten Transfers 2017/18 in Europa

Neymar: 222 Mio. € (FC Barcelona -> Paris Saint-Germain)

Ousmane Dembélé: 105 Mio. € (+ Boni) (Borussia Dortmund -> FC Barcelona)

Romelu Lukaku: 84,7 Mio. € (+ Boni) (FC Everton -> Manchester United)

Alvaro Morata: 62 Mio. € (Real Madrid -> FC Chelsea)

Benjamin Mendy: 57,5 Mio. € (AS Monaco -> Manchester City)

Alexandre Lacazette: 53 Mio. € (Olympique Lyon -> FC Arsenal)

Kyle Walker: 51 Mio. € (Tottenham Hotspur -> Manchester City)

Kylian Mbappé ist für 35 Mio. Euro Leihgebühr von AS Monaco bis 2018 an Paris SG ausgeliehen. Danach hat PSG eine Kaufoption in Höhe von angeblich 180 Mio. Euro.

Summen teilweise geschätzt (Quelle: transfermarkt.de)

"Neu ist, dass es immer mehr Klubs gibt, die auf den Wiederverkaufswert nicht mehr achten müssen. Wenn man sieht, dass der 30-jährige Bonucci für 40 Millionen von Juventus zu Milan wechselt, dann denke ich: Respekt! Nach Vertragsende geht der Wert gegen null!"

"Ich habe es mal so gelernt, dass man eine gewisse Balance zwischen Ein- und Ausgaben braucht. Heute gibt es aber vor allem international eine Menge Mannschaften, die nach Herzenslust Geld ausgeben, ohne Geld einnehmen zu müssen. Wenn Manchester United, Manchester City, Paris St. Germain oder die anderen Investorenklubs einkaufen gehen, ist denen die mögliche Wertentwicklung eines Spielers völlig wurscht. Deshalb ist international ein Ungleichgewicht entstanden, weil wir uns in Deutschland eher am klassischen Weg orientieren müssen. Wobei es inzwischen auch in der Bundesliga außer den Bayern noch eine weitere Mannschaft gibt, die im ersten Schritt nicht allzu sehr auf diese Balance achten muss: RB Leipzig. Selbst Borussia Dortmund, würde ich behaupten, wünscht sich für seine Planungen die Wertsteigerung eines Spielers."

Kategorie 3 Die gefundene Perle

Immer häufiger setzt die Suche nach dem Mehrwertspieler schon eine Etage tiefer an - nicht wie bei Xhaka oder Zakaria in den A-Nationalteams, sondern bereits bei Juniorenspielen. Jüngstes Beispiel: Gladbachs Mickael Cuisance, 18, der alle Nachwuchsteams in Frankreich durchlief und beim 2:0 gegen den VfB Stuttgart sein Debüt gab. Zur Halbzeit wurde der Mittelfeldspieler für den wie so häufig verbeulten Christoph Kramer eingewechselt. Cuisance wurde für eine Ablöse von 250 000 Euro aus der U 19 des AS Nancy geholt. Max Eberl über die Schatzsuche in Europa:

"Es gab zuletzt ja immer wieder diese Schlagzeilen: Die Gladbacher und ihr Kindergarten. Aber der Trend, 17-, 18-Jährige zu verpflichten, ist ja keiner, den wir erfunden haben. Das ist einfach ein Weg, wie man sich auf dem Markt Chancen erarbeiten kann, Stichwort Wertsteigerung. Es geht dabei um Risikominimierung, weil die Ablösesummen noch überschaubar sind - und weil solche Spieler oft aus Frankreich, Spanien oder der Schweiz kommen, wo top ausgebildet wird. Trotzdem bleibt ein Try-and-Error-Faktor, man muss einkalkulieren, dass ein 18-Jähriger Zeit braucht, um in der Liga anzukommen."

"Am besten ist es natürlich, wenn man die sogenannte Perle bei den Nachwuchsspielern im eigenen Haus entdeckt. Wenn man da nicht fündig wird, schaut man erst mal nach Deutschland, aber hierzulande sind die Top-Junioren meist schon anderweitig unter Vertrag. Und dann weitet man den Blick eben ins nähere Ausland aus."

Kategorie 4 Die verlorene Perle

Erschwert wird die Perlensuche zunehmend dadurch, dass es keine verborgenen Reviere mehr gibt: Die Becken, in denen getaucht wird, sind bekannt und ausgeleuchtet, die Zahl scharfsichtiger Scouts, die am Beckenrand sitzen, nimmt täglich zu - was dazu führt, dass ein Verein wie Gladbach längst nicht jede Perle bekommt, auf die er scharf ist. Interessiert waren die Gladbacher auch an den Franzosen Dan-Axel Zagadou, 18, und Jean-Kevin Augustin, 20, (beide Paris St. Germain), die am Ende in Dortmund beziehungsweise Leipzig landeten. Am Beispiel Belgiens erklärt Eberl, was passieren kann, wenn sich Interessenten auf dieselbe Liga konzentrieren und ein enger werdender Markt die Preise treibt.

PSG zahlte für den Stürmer Neymar die weltweit höchste Summe, die in der Saison 217/18 bislang gezahlt wurde: 222 Millionen Euro.

(Foto: Franck Fife/AFP)

"Wir waren vor eineinhalb Jahren am Mittelfeldspieler Ndidi aus Genk interessiert, acht bis zehn Millionen hätten wir investieren können, und dann kommt plötzlich Leicester und kauft ihn für 19 Millionen. Für einen damals 19-Jährigen, der gerade mal ein gutes Dutzend Spiele in der belgischen Liga absolviert hatte! Und das bedeutet dann leider, dass plötzlich alle Belgier so teuer sind. Da spielt dann ein Talent namens Meite in Waregem, an ihm hat Monaco Interesse, aber dann sagen sie in Waregem: Der ist nicht viel schlechter als Ndidi, also rufen wir mal 15 Millionen auf. Und das wird dann bezahlt - wegen eines einzigen Spieler, der die Preise in der belgischen Liga verdirbt. Belgien ist als Markt jetzt erst mal tabu. Wir müssen - Stichwort Kindergarten - einen wie Ndidi also holen, bevor er 19 ist, bevor er 20 Spiele in der belgischen Liga gemacht hat. Dann kennt der Engländer ihn vielleicht noch nicht."

Kategorie 5 Der Perlenpolierer

Otto Addo, 42, galt als ganz großes Talent, als er Ende der Neunzigerjahre gemeinsam mit Gerald Asamoah bei Hannover 96 aufspielte. Asamoah wurde später weltberühmt als DJ der Nationalmannschaft, für die er auch spielte. Addo lief unter anderem sechs Jahre für den BVB auf, war dann mal Co-Trainer beim Hamburger SV und Chef-Scout in seiner Heimat Ghana. Ideale Voraussetzungen für seinen neuen Job, für den es noch gar keinen Titel gibt. Addo soll in Gladbach dafür sorgen, dass kein Talent an der Nahtstelle zwischen Nachwuchs- und Profiteam verloren geht. Max Eberl über seinen neuen Perlenpolierer:

"Es war eine bewusste Entscheidung in diesem Sommer, unseren Trainerstab um einen solchen Übergangstrainer zu erweitern. Otto gehört offiziell zum Profitrainerteam, aber er soll sich speziell um unsere ganz jungen Spieler wie Michael Cuisance kümmern. Kicken können die auch ohne ihn, aber er bereitet sie auf die Profimannschaft vor, erklärt ihnen speziell, was der Trainer fordert, er trainiert das mit ihnen, und er spricht auch mit Cheftrainer Dieter Hecking über die Entwicklung der Jungen. Ottos Wochenplan ist jede Woche neu, mal ist er häufiger bei den Profis im Training dabei, mal begleitet er die Jungen in der U 23 oder der U 19. Wichtig zum Verständnis ist nur: Otto ist kein Begleiter, der den Jungs das Auto anmeldet. Er ist Trainer."

Kategorie 6 Der Leihspieler

Es gibt Vereine wie den FC Chelsea, von denen es heißt, sie hätten weltweit mehr Spieler verliehen als in ihrem eigenen Kader stehen. Getrieben werden sie dabei einerseits von der Sorge, Perlen zu übersehen, weshalb sie sich so viele sichern wie nur möglich - und andererseits von der Gier, die am Ende überzähligen Perlen in einem eskalierenden Markt zu Geld zu machen. Ein umstrittenes Legionärs-Modell, das anderen, meist kleineren Klubs aber auch Chancen bietet - Klubs wie der Gladbacher Borussia, die sich unter dem peniblen Fußballpädagogen Lucien Favre einen guten Ruf als Ausbildungsklub erwarb. Max Eberl über die Vor- und Nachteile des Haste-mal'n-Profi-Leasingmodells:

"Natürlich bedeutet Leihe zunächst mal: Du wirst diesen Spieler nicht fest unter Vertrag haben. Deshalb sollte man auch nicht fünf oder sechs Leihspieler im Kader haben. Aber die andere Seite ist: Man bekommt ohne große Investition einen guten Spieler, der einem eine Weile richtig weiterhilft - wie bei uns der Däne Andreas Christensen, den wir im Sommer leider an Chelsea zurückgeben mussten. Aber es besteht auch die Chance, dass so ein Spieler doch mal einen festen Vertrag unterschreibt, wie bei uns Thorgan Hazard. Ein Klub wie Chelsea sagt dann: Über Hazard können wir vielleicht reden, denn auf seiner Position gibt es bei uns noch weitere Topspieler."

Deutscher Rekord

Die teuersten Bundesliga-Transfers 217/18

Ousmane Dembélé: 105 Mio. € (+ Boni) (Borussia Dortmund -> FC Barcelona)

Corentin Tolisso: 41,5 Mio. € (Olympique Lyon -> FC Bayern)

Anthony Modeste: 34,7 Mio. € (1. FC Köln -> Tianjin Quanjian)

Andrij Jarmolenko: 25 Mio. € (Dynamo Kiew -> Borussia Dortmund)

Lucas Alario: 24 Mio. € (River Plate Buenos Aires -> Leverkusen)

Hakan Calhanoglu: 24 Mio. € (Bayer Leverkusen -> AC Mailand)

Niklas Süle: 20 Mio. € (TSG Hoffenheim -> FC Bayern)

Kevin Kampl: 20 Mio. € (Bayer Leverkusen -> RB Leipzig)

Summen teilweise geschätzt (Quelle: transfermarkt.de)

"Deshalb blicken wir inzwischen gern auf Märkte, auf denen sich mehr Spieler tummeln, als je spielen können. Und wenn ein Klub wie West Ham etwa 36 Profis unter Vertrag hat, dann weiß man, dass da der eine oder andere Gute dabei sein kann - wie für uns jetzt der 18-jährige Verteidiger Reece Oxford. Ihn haben wir im Sommer ausgeliehen. Wenn wir ihn hätten kaufen wollen, hätten wir keine Chance gehabt."

Kategorie 7 Der Nahrungsketten-Transfer

Der Klassiker auf dem Markt: Sehr großer Klub pickt Spieler bei großem Klub, der Spieler bei mittlerem Klub pickt, der Spieler bei kleinem Klub pickt. Eberl erklärt, wie selbst der Klassiker unter den Transfers vom neuen Markt beeinflusst wird.

"Vincenzo Grifo, den wir im Sommer aus Freiburg geholt haben, ist ein Transfer wie Lars Stindl, Max Kruse (heute Werder) oder André Hahn (heute HSV), die wir einst von Hannover, Freiburg und Augsburg verpflichtet haben. Aber auch diese Art von Transfer wird wegen der Inflation immer schwerer. Grifo haben wir nur bekommen, weil er eine Klausel im Vertrag hatte (angeblich sechs Millionen/d.Red.). Wenn frei verhandelt wird, hat ein Verein wie wir bei solchen Transfers oft schon keine Chance mehr. Maximilian Philipp kommt ja auch aus Freiburg, natürlich haben wir uns auch mit ihm beschäftigt, aber als plötzlich Dynamik in die Sache kam, ging es nur noch um Leipzig und Dortmund. Der BVB hat ihn am Ende geholt. Philipp ist ein wirklich großes Talent - aber 20 Millionen? Das ist schon ziemlich viel und liegt wahrscheinlich über dem wahren Marktwert."

Kategorie 8 Der wilde Osten

Seit Kurzem ist ein neuer Player im Markt: Dass China irgendwann (also: schnellstmöglich) Weltmeister werden soll, ist immerhin Staatsbefehl. Dazu wird teures Know-how verpflichtet - Leverkusens früherer Trainer Roger Schmidt trainiert etwa den Pekinger Arbeiterklub Beijing Guoan. Mehr beschäftigte die Bundesliga aber der Wechselt-er-oder-nicht-Transfer von Stürmer Anthony Modeste zu Tianjin Quanijan. Etwa 35 Millionen Euro sind dem 1. FC Köln dafür versprochen - eine Einnahme, die die Kölner vorerst mit dem Absturz auf den letzten Tabellenplatz bezahlt haben. Eberl über einen für ihn fremden Markt:

"Ich hatte im Sommer keinen Kontakt nach China, und wenn ich so höre, was mein Freund Jörg Schmadtke (Manager des 1. FC Köln, d. Red.) erzählt, muss ich sagen: Gott sei Dank. Aber natürlich müssen wir uns bewusst werden, dass China eine Herausforderung für uns alle wird, weil sie - siehe Modeste - nicht mehr nur die alternden Stars kaufen. Wenn die Chinesen anfangen, dir eine fest eingeplante Säule für eine verrückte Summe wegzukaufen, wird Kaderplanung noch schwieriger."

Kategorie 9 Der Last-Minute-Transfer

Auch das ein Klassiker: Kurz vor Transferschluss stellt man fest, dass noch einer fehlt - ein Mann für die schnellen Tore zum Beispiel. Deshalb holte Eberl vom FC Augsburg einen alten Bekannten zurück: den Südamerikaner Raul Bobadilla, einst schwer erziehbar und nun mit 30 Jahren als geläutert geltend. Eberl über ein Geschäft, das kein Risiko kennt.

Borussia Dortmund holte sich Andrij Jarmolenko für 25 Millionen Euro von Dynamo Kiew.

(Foto: Dan Mullan/Getty)

"Boba ist die klassische Last-Minute-Ergänzung. Man schlägt noch mal zu, wenn man das fehlende Puzzlestück findet: also einen Spieler, den man so noch nicht hat, der die Elf verbessern kann und finanziell machbar ist. Unsere Analyse hat eben ergeben, dass unsere drei Stürmer im Kader - Lars Stindl, Raffael, Thorgan Hazard - häufig von Beginn an auf dem Platz stehen und dass wir jemanden brauchen, der auch mal von der Bank kommen und das Spiel verändern kann. Und die bezahlte Summe (unter zwei Millionen, d. Red.) ist angesichts der aktuellen Entwicklungen unschlagbar."

Kategorie 10 Der kreative Notwehr-Transfer

Zurück zum Anfang, zurück zu Dembélé: Die Lücke, die sein Abschied riss, musste gefüllt werden, und Dortmund gelang dies auf eine Art, die Eberl Respekt abnötigt. Der BVB entschied sich für den Ukrainer Andrij Jarmolenko, 27, der etwa 25 Millionen gekostet hat. Max Eberl zieht den Hut:

"Man muss neidlos anerkennen, dass der BVB eine hervorragende Transferperiode hinter sich hat. Der Jarmolenko-Transfer zeigt idealtypisch, wie man mit dem neuen Markt umgeht: Man verliert einen Profi für eine dreistellige Summe und holt einen Neuen für - wie man hört - 25 Millionen. Natürlich ist Jarmolenko deutlich älter als Dembélé, und wahrscheinlich wird der Wiederverkaufswert nicht besonders hoch sein, aber dafür haben die Dortmunder noch den 17-jährigen Jadon Sancho von Manchester City dazu geholt, der ihnen einen Wiederverkaufswert im Idealfall wieder ermöglicht. Und Jarmolenko hilft auf dem Platz sofort. Das ist transferpolitisch hervorragend gelöst - leider, wie man als Liga-Konkurrent sagen muss."