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Bundesliga:Die Alpen-Liga

Gladbachs Rose coachte in Salzburg, Frankfurts Hütter und Wolfsburgs Glasner sind Österreicher - die drei Trainer richten aktuell auch über die Liga-Dramaturgie.

Von SZ-Autoren

Die Tabelle lügt nicht, heißt es! Aber ist es nun ein Ausdruck von Qualität oder doch nur von Quantität, dass jetzt nach acht der 34 Spieltage exakt die Hälfte aller 18 Klubs die Chance hat, am Montag als Tabellenführer aufzuwachen? Dass Gladbach, der Erste, nur zwei Punkte vor Leverkusen, dem Neunten, steht? In diesem tabellarischen Kuddelmuddel gibt es vor Anpfiff der neunten Runde viele erstaunliche Erkenntnisse. Zum Beispiel: Der Rekordmeister aus München (gegen Union) und der selbsternannte Titelfavorit Dortmund (auf Schalke) können am Samstag anstellen, was sie wollen - über den neuen Tabellenführer wird erst am Sonntag ohne sie entschieden. Das wird dann Sache von Gladbach, Frankfurt und Wolfsburg sein, also jener drei Klubs, die Donnerstagnacht noch in der Europa League gefordert waren.

Zudem sind es vier Trainer, die in den Alpen inspiriert wurden, die Sonntag über die Lage der Liga richten. Ab 15.30 Uhr versucht der Österreicher Oliver Glasner mit dem VfL Wolfsburg im Duell mit dem Schweizer Martin Schmidt und dessen FC Augsburg in Vorleistung zu gehen. Gewinnt Wolfsburg, muss ab 18 Uhr auch Gladbach gegen Frankfurt siegen, um vorne zu bleiben. Eine interessante Note hier: Gladbachs Marco Rose ist zwar gebürtiger Leipziger, aber empfohlen hat auch er sich über den Pool der Talente von RB Salzburg. Adi Hütter, heute in Frankfurt auf der Bank, war in der Saison 2014/15 Salzburgs Trainer. Rose betreute damals dort die U16-Jugend. Nun treffen beide in der Operation Gipfelsturm aufeinander.

Gladbachs Glückselfmeter

Europa League - Group J - AS Roma v Borussia Moenchengladbach

Tabellenführer im Europa-League-Glück: Gladbachs Lars Stindl schoss den unberechtigten Elfmeter, der das 1:1 bei AS Rom bescherte.

(Foto: Alberto Lingria/Reuters)

Späte Elfmeter in das nördliche Tor des Olympiastadions von Rom sind Meilensteine der deutschen Fußballgeschichte. Andreas Brehme hat am Abend des 8. Juli 1990 in der 85. Minute einen Elfmeter links unten zum 1:0 verwandelt, und Lars Stindl tat es ihm Donnerstagabend in der 95. Minute mit dem 1:1-Ausgleich exakt nach. Durch Brehmes Elfmeter gegen Argentinien wurde Deutschland Weltmeister, und durch Stindls Elfmeter gegen AS Rom gewann Gladbach einen Punkt in der Gruppenphase der Europa League.

Zugegeben, der letztere ist überhaupt kein Meilenstein, aber durchaus historisch ist Gladbachs Chance, nach der tröstlichen Nacht von Rom am Sonntag mit einem Heimsieg gegen Eintracht Frankfurt zum zweiten Mal nacheinander die Tabellenspitze der Bundesliga zu behaupten. Letztmals Tabellenführer in solch fortgeschrittenem Saisonstadium war Gladbach im November 1985. Trainer damals: Jupp Heynckes. Abwehrchef: Wilfried Hannes. Torjäger: Frank Mill.

Die Regenwahrscheinlichkeit für Mönchengladbach an diesem Sonntag um 18 Uhr liegt bei 20 Prozent. Darüber lachen die Fußballer von der Borussia. Nachdem sich die Wolken über Rom am Donnerstag derart entleert haben, dass die italienische Hauptstadt einen trockenen Winter erwartet, werden die Borussen gegen Frankfurt wieder jenen intensiven Kurzpass- und Pressingfußball pflegen können, den ihnen der Trainer Marco Rose seit vier Monaten beibringt.

In der Sintflut von Rom hat sich derweil gezeigt, dass dieser Rose-Fußball eine Wasserdichtigkeit hat wie eine Regenjacke vom Discounter. Auf geflutetem Rasen könnte man auch mal hohe Bälle Richtung Strafraum spielen, allerdings lernen die Gladbacher gerade, auf solche Lotterie-Flanken zu verzichten. Es bedurfte in der Nachspielzeit also eines Freistoßes, der in Roms Strafraum flog, dort ins Gesicht des Verteidigers Chris Smalling klatschte und den schottischen Schiedsrichter rätselhafterweise veranlasste, Handelfmeter zu pfeifen. Einen Video-Referee gibt es in der Europa League nicht. Für Gladbach war es nach dem späten 1:1 bei Istanbul Basaksehir der zweite Punktgewinn in der Nachspielzeit. Nur dadurch bleiben Chancen auf die K.o.-Phase.

Über jene andere deutsche Mannschaft, die in Rom einen späten Elfmeter verwandelt hat, sagte der Teamchef Franz Beckenbauer damals, sie werde auf Jahre hinaus unschlagbar sein. Diese Prognose erwies sich als falsch. Man darf nun gespannt sein, wie es mit den Gladbachern weitergeht. Ulrich Hartmann

Frankfurter Autoren

GER, 1.FBL, Eintracht Frankfurt vs Bayer 04 Leverkusen / 18.10.2019, Commerzbank - Arena, Frankfurt, GER, 1.FBL, Eintra

Sorgen dafür, dass die teuren Abgänge nicht allzusehr vermisst werden: Goncalo Paciencia (re.) und Bas Dost.

(Foto: imago)

Zur Sicherheit sei hier schon mal der 22. August 1999 erwähnt. Am Wochenende müsste zwar allerhand passieren, damit dieser 22. August 1999 eine größere Rolle spielt, aber warum nicht? Eigentlich muss sich nur wiederholen, was sich am Spieltag zuvor ereignete, als von den sieben Topteams der Tabelle keines seine Partie gewann. Passiert dies, hat sogar Eintracht Frankfurt am Sonntagabend die Chance, an die Tabellenspitze zu springen. Und das war letztmals an jenem 22. August der Fall.

Allerdings ist die wahrscheinlichere Variante, dass Frankfurt im Duell höchstens Gladbach stürzen kann. Aber was soll's, der Trend stimmt schon wieder: Die Eintracht hat sich erneut energisch in eine Saison hineingekämpft, der 2:1-Sieg in der Europa League gegen Standard Lüttich bekräftigte das. Der teure Verkauf des torreichen Angriffs-Trios (Luka Jovic, Ante Rebic, Sébastien Haller) hallt weniger schwer nach als befürchtet, auch wenn die ausgeguckten Nachfolger, der Portugiese André Silva und der Niederländer Bas Dost, noch gar nicht richtig fit und integriert sind. Im offensiven Mittelfeld erweist sich der Japaner Daichi Kamada als Bereicherung, und im Tor ersetzt Frederik Rönnow den verletzten Kevin Trapp sehr gut.

Trainer Adi Hütter wiederum präsentiert sich jetzt sogar als Buchautor (Titel "Teamgeist"). Klar ist aber schon: An die Spitze der teaminternen Buch-Charts wird der Österreicher damit kaum kommen. Da steht immer noch der ewige Abwehrmann Makoto Hasebe, 35, mit seinem weisen Werk "Die Ordnung der Seele. 56 Gewohnheiten, um den Sieg zu erringen" - rund 1,5 Millionen Mal verkaufte sich das, vor allem natürlich in dessen Heimat Japan. Johannes Aumüller

Wolfsburgs Dauerläufer

06.10.2019, Volkswagen Arena, Wolfsburg, Ligaspiel, 1. Bundesliga, VfL Wolfsburg vs 1. FC Union Berlin, im Bild Wout Weg

Verspricht Schwerstarbeit für jeden Verteidiger: Der Niederländer Wout Weghorst, durch dessen Tore der VfL Wolfsburg seine Punkte sammelt.

(Foto: Joachim Sielski/imago)

In Wolfsburg sind sie gerade mächtig stolz. Am Donnerstag half Bundestrainer Jogi Löw dabei, den Diesel-Abgasskandal etwas vergessen zu machen, indem er - womöglich zum ersten Mal in länderspielfreier Zeit - etwas tat, was glatt nach echter Arbeit aussah: Löw verkleidete sich als Proletarier und schraubte am Unterboden eines Golfs der neuesten Generation ein Gelenkwellenabschirmblech fest. Im zweiten Anlauf zwar erst, beim ersten Mal war ihm die Schraube auf den Boden gefallen, wie die Braunschweiger Zeitung anmerkte. Aber wer weiß, vielleicht braucht VW bald keinen Jogi mehr, um PR zu machen. Denn die fußballspielende VW-Filiale namens VfL Wolfsburg schlägt sich so gut wie seit Felix Magaths Zeiten nicht mehr.

Auch am Donnerstag blieb der VfL ungeschlagen; obwohl er im belgischen Gent (wo Volvos gefertigt werden) eine 2:0-Führung aus der Hand gab und noch 2:2 spielte. Neben der mit Fiat verbandelten Juventus aus Turin ist Wolfsburg damit der einzige Klub in Europa, der wettbewerbsübergreifend in dieser Saison noch ohne Niederlage ist. Das liegt unter anderem daran, dass der VfL unter dem neuen österreichischen Trainer Oliver Glasner die alte VW-Käfer-Werbung paraphrasiert: Das Team läuft und läuft und läuft; allen voran Stürmer Wout Weghorst, der so ungelenk wirkende, aber stets zu maximaler exemplarischer Aufopferung bereite Mittelstürmer. In der Bundesliga hat Weghorst schon fünf Saisontreffer für Wolfsburg erzielt; in Gent erzielte er nun beim 2:2 sein erstes Europa-League-Tor.

Am Sonntag empfängt Wolfsburg den FC Augsburg, der vom früheren VfL-Coach Martin Schmidt pilotiert wird und bei der letzten Visite in Wolfsburg im Mai 1:8 verlor. Ein 8:1 könnte Wolfsburg am Sonntag zur Tabellenführung verhelfen. Es wäre die erste seit dem ersten Spieltag der Saison 2011/12. Javier Cáceres

© SZ vom 26.10.2019
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