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Boxen:Wunsch nach Spektakel

Auf dem Weg zurück in den Alltag im Ring: Den ersten Geisterkampfabend in Berlin gewann Jack Culcay unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Schon planen die Funktionäre hierzulande, wieder Veranstaltungen mit Zuschauern zu organisieren.

Von Benedikt Warmbrunn, Berlin/München

Jack Culcay war wieder in einen Boxring gestiegen. Er hatte zwar einen Zahnschutz an, aber keinen Mund- und Nasenschutz. Er hatte mit vielen seiner Schläge getroffen, vor allem mit den Haken zum Körper. Manchmal war er seinem Gegner, dem Franzosen Howard Cospolite, sogar Nase an Nase gegenüber gestanden. Und am Ende, nachdem die Punktrichter Culcay zum Sieger erklärt hatten in diesem Duell um den WBO-International-Titel im Superweltergewicht, da umarmte Culcay dann Cospolite. Doch das deutlichste Zeichen, dass sie im deutschen Boxsport am Freitag wieder ein Stück weit zum Alltag zurückgekehrt sind, lieferte Culcay mit einem Interview noch im Ring. Da sagte er: "Ich möchte wissen, ob Abass Baraou tatsächlich so gut ist, wie behauptet wird. Deshalb würde ich gerne gegen ihn antreten."

Es war also gleich auch eine Rückkehr zu den ganz großen Zielen, zu den ganz großen Versprechen.

Baraou ist ein 25 Jahre alter Halbmittelgewichtler, er gilt als einer, der mal zum Gesicht des deutschen Boxens werden könnte - zu dieser Leitfigur also, die auch Culcay, 34, einmal werden wollte. Ein Duell zwischen diesen beiden wäre eines zwischen der Zukunft und der Beinahe-Zukunft der Branche und dadurch einer der größten Kämpfe im deutschen Boxen der jüngeren Vergangenheit. Doch noch dürfte die Branche für so ein Event nicht bereit sein, nicht nach dem ersten Kampfabend unter Corona-bedingten Einschränkungen.

In den Berliner Havelstudios mussten nur die Personen im Ring keine Maske tragen. Alle Boxer waren in der vergangenen Woche zweimal auf das Coronavirus getestet worden. Sie hatten in Quarantäne gelebt. Und der größte Unterschied zum Alltag, wie er früher ausgesehen hatte: Geboxt hatten Culcay und die anderen Kämpfer noch ohne Zuschauer, und ohne diese bekommt eine im Grunde spontane, emotionale, gelegentliche impulsive Sportart doch einen etwas klinischen Charakter.

Horst-Peter Strickrodt, der Manager des Berliner Agon-Teams, für das auch Culcay boxt, kündigte daher an, dass er schon den nächsten Kampfabend im August wieder mit bis zu 400 Zuschauern veranstalten wolle. "Box-Fans wollen Teil des Spektakels sein. Ohne Zuschauer ist es nicht das, was Fans befriedigt", sagte auch Thomas Pütz, der Präsident des Bundes Deutscher Berufsboxer, der Nachrichtenagentur dpa. Auch dieser ehrliche Wunsch nach mehr Spektakel war ein weiterer Schritt zurück zum Alltag des Profiboxens.

© SZ vom 15.06.2020

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