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Boxen in Kuba:Auf der Suche nach dem kubanischen Helden

Félix Savón posiert in den 1990er-Jahren mit Sportkameraden vor der Finca, dem Leistungszentrum der kubanischen Boxer.

(Foto: Ginter, Peter/Agentur Bilderberg)

Félix Savón gewann bei drei Olympischen Spielen die Goldmedaille im Boxen, danach verschwand er im Schatten. Lebt er noch auf Kuba? Und warum ist die Insel so eine sportliche Großmacht?

Von David Pfeifer, Havanna

In Heldenepen wird ein Mensch in seiner Jugend entdeckt, ausgebildet und in die Welt geschickt um Abenteuer zu bestehen. Am Ende der Reise zieht er sich wieder ins Unbekannte zurück. Genau so kamen einem die kubanischen Boxer immer vor. Bei Olympischen Spielen tauchten sie auf, tanzten auf der Weltbühne, um mit einer Medaille nach Kuba zurück zu kehren, wo man sie aus den Augen verlor. Sie durften ja nie Profis werden, sich vermarkten, Bally-Hoo veranstalten, wie man das Getöse vor kommerziellen Boxkämpfen nennt.

Eine besonders auffällige Gestalt dieses Zuschnitts war Félix Savón. Bei drei Olympischen Spielen in Folge - 1992 in Barcelona, 1996 in Atlanta und 2000 in Sydney - gewann er die Goldmedaille. Dazu noch sechs Weltmeisterschaften. Über zwölf Jahre dominierte er bei den Amateuren das Schwergewicht. Alle vier Jahre trat Savón also ins Scheinwerferlicht, zeigte seine Klasse und verschwand wieder im Schatten.

Zuletzt hatte man ihn im Fernsehen vor bald 16 Jahren gesehen, als er gegen den US-Amerikaner Michael Bennett antrat. Bennett war ein Typ wie von Hollywood erdacht. Er hatte im Knast gesessen, wegen eines Raubüberfalls als Jugendlicher, er hatte dort das Boxen gelernt, im schon reiferen Alter von 20 Jahren und mit 28 Jahren hatte Bennett es bis zu den Olympischen Spielen nach Sydney geschafft - wo er in der Vorrunde auf Félix Savón traf. Von Savón wusste man wenig, außer dass er seit über einem Jahrzehnt als unschlagbar galt. Man fieberte also mit Bennett, dem Underdog, aber Savón ließ ihm keine Chance.

Lebt Félix Savón noch auf Kuba? Und wo?

Der Klassenunterschied wurde schon nach Sekunden deutlich, Bennett traf selber kaum, wurde aber mehrfach von Savón gestellt und mit harten Schlägen eingedeckt, in der dritten Runde brach der Kampfrichter ab, weil damals die Regel galt, dass ein Sieg bereits mit einem Abstand von 15 Punkten in der Wertung als errungen galt. Bennetts rührende Geschichte endete an der kubanischen Wunderwaffe.

Félix Savón gewann bei diesen Olympischen Spielen schließlich seine dritte Goldmedaille, trat zurück und verschwand im Schatten.

Wenn man also nach Kuba reist, um die heutige Box-Nationalstaffel vor den Olympischen Spielen in Rio zu treffen, weil man herausfinden will, wie das kleine, arme Land es geschafft hat, über Jahrzehnte die besten Boxer der Welt hervorzubringen, dann hat man diesen Félix Savón irgendwie noch im Hinterkopf. Was wohl aus dem geworden ist?

In Havanna geht dann vieles durcheinander, alles ist chaotisch bis gar nicht organisiert, scheint aber irgendwie doch zu funktionieren. Erstmal die Presseakkreditierung abholen, auch wenn man schon Wochen zuvor ein Presse-Visum beantragt und erhalten hatte. Dann die Organisatoren des großen Box-Turniers finden, das in Havanna zwischen Kuba, China und der Ukraine in diesen Tagen statt findet. Zwischendurch immer wieder mal die Frage: lebt Félix Savón noch auf Kuba? Und wo?

Plötzlich tritt ein großer Mann aus dem Schatten

Man trifft den Vorsitzenden des Nationalteams, der Savón erst vor kurzem im Trainingslager, der berüchtigten "Finca" gesehen haben will. Alcides Sagarra, Trainer-Legende und einst Savóns Ausbilder, sitzt brummig auf der Pressekonferenz vor den Kämpfen gegen die Ukraine. Er hat Savón schon länger nicht mehr gesehen. Abends in der "Ciudad Deportivo", der Sportstadt, sind viele ehemalige Olympioniken im Publikum, die sich die Kämpfe ansehen, weil sie wissen wollen, wer in Rio Medaillen holen könnte. Wie zum Beispiel der kleine Joahnys Argilagos, Halbfedergewichtler, Weltmeister, der ziemlich sicher Gold erboxen wird. Die alten Boxer sitzen im Publikum, nah beim Ring, nicken und bewerten und machen die Schlagbewegungen nach, die ihnen gefallen. Savón ist nicht da.

Dann, am nächsten Tag, ein Anruf, man solle in einen Vorort von Havanna kommen, eine genaue Adresse gibt es nicht. Ein eigenes Abenteuer beginnt, auf der Suche nach dem vergessenen Helden. Man fragt sich durch, man findet ein Haus, dann tritt ein großer Mann aus dem Schatten.

© SZ.de/fued

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