Borussia Mönchengladbach Hoffen auf ein versöhnliches Ende

Dieter Hecking wird den Verein verlassen - der letzte gemeinsame Akt könnte die Champions-League-Quali sein.

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

Am Sonntag fliegen die Fußballer von Borussia Mönchengladbach zu Werbezwecken nach China. Ihr Trainer Dieter Hecking fliegt nicht mit, er fährt heim in die Samtgemeinde Nenndorf bei Hannover. Samtgemeinde, das klingt weich und angenehm. Doch sollten sich Heckings Gladbacher am Samstag im Saisonfinale mit einem Sieg gegen Dortmund für die Champions League qualifizieren, dann wird Hecking gar nicht samtig zumute sein. Dann dürfte ihn vielmehr die Frage bewegen, warum er eine Mannschaft in die Champions League geführt hat, aber den Lohn der Arbeit nicht ernten darf.

Hecking muss die Borussia zum Saisonende verlassen, das weiß er seit 1. April. Damals hat ihn Borussias Sportdirektor Max Eberl offenbar recht unvermittelt davon in Kenntnis gesetzt, dass die Borussia vom 1. Juli an lieber den bisherigen Trainer des österreichischen Meisters Salzburg, Marco Rose, beschäftigt. Für Hecking war das ein Schock, weil er sich sehr wohl fühlt bei der Borussia - und weil er auch der Ansicht ist, so ziemlich das Maximale aus der Mannschaft herausgeholt zu haben. Doch Heckings Schicksal ist besiegelt, unabhängig davon, ob Gladbach gegen Dortmund verliert und vielleicht nur Sechster wird - oder ob Gladbach gewinnt und vielleicht sogar Vierter wird. Ob Europa League oder Champions League: Hecking muss die internationalen Spiele der Gladbacher demnächst im Fernsehen anschauen.

Hecking war schon einmal Trainer eines Champions-League-Teams, das könnte ihn vielleicht ein bisschen trösten. 2016 ist er mit dem VfL Wolfsburg bis ins Viertelfinale der europäischen Königsklasse eingezogen und dort an Real Madrid gescheitert. Ein Jahr zuvor stand er mit Wolfsburg bereits im Viertelfinale der Europa League (Aus gegen den SSC Neapel). Im Januar 2017 übernahm er mit Gladbach dann ein Team, das ebenfalls in der Europa League vertreten war. Man zog gemeinsam ins Achtelfinale ein und schied dort durch zwei Unentschieden gegen Schalke aus.

Mit Hecking kommt jetzt ein Trainer auf den Markt, der irgendwie nicht gescheitert ist. In der Rückrunde seiner halben ersten Saison führte er Gladbach aus dem Tabellenkeller ins Mittelfeld. In der zweiten Saison landete er trotz höherer Erwartungen allerdings wieder nur dort. Nun aber gelang ihm der Einzug in den Europapokal. Allerdings passierte in beiden Jahren dasselbe: In der Hinrunde spielte die Mannschaft groß auf, in der Rückrunde verlor sie ihre Energie - im Vorjahr stürzte sie bis auf Rang neun ab, jetzt hat sie sich im Saisonfinale gerade noch gefangen.

Manager Eberl lobt Hecking weiterhin, wo er nur kann, er sagt aber auch: "Wenn ein Trainer wie Marco Rose zu haben ist, muss man sich das gut überlegen." Eberl bastelt bei der Borussia gerade an einem Strategiewechsel, fußballerisch wie organisatorisch. Dass mit Rose und seinem Trainerteam viele Erkenntnisse aus dem Redbull-Fußball-Universum an den Niederrhein kommen, liegt auf der Hand.

Für Hecking wird sich unterdessen wohl schnell etwas Neues finden. Bei Schalke und in Köln stand er auf der Liste, bevor man dort David Wagner und Achim Beierlorzer verpflichtete. Nun gilt er als Kandidat beim Hamburger SV, einem verzweifelten Zweitligisten, der sich nach Stabilität für eine bessere Zukunft sehnt. Vielleicht ist Hecking, 54, dafür der Richtige. Unaufgeregt und routiniert kann er eine Mannschaft durch die Wirren des Wettbewerbs leiten. Sein persönliches Drama im Falle eines HSV-Wechsels wäre freilich dieses: Ein Trainer, der sich für den Europacup qualifiziert hat, steigt in die zweite Liga ab.

Dass die Gladbacher am finalen Spieltag überhaupt die Chance haben, sich aus eigener Kraft zum dritten Male binnen fünf Jahren für die Champions League zu qualifizieren, kommt unverhofft. Mittlerweile sieben Spiele haben sie daheim nicht mehr gewonnen. Nur fünf Punkte aus den ersten fünf Spielen nach der angekündigten Trennung holte Heckings Mannschaft. Der Rückstand zu den Frankfurtern, die auch um Platz vier kämpfen, war gar auf vier Punkte angewachsen. Die Gladbacher drohten wie im Jahr zuvor aus den Europacup-Plätzen zu rutschen, ehe sie gegen Hoffenheim mit mehr Glück als Taktik ein 2:2 verbuchten und jüngst durch das 4:0 in Nürnberg Rang vier zurück eroberten. Und so könnte es bei der Borussia doch einen versöhnliches Ende einer schmerzhaften Trennung geben.