Biathlon:Mit blauen Haxn

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IBU World Cup Biathlon Ruhpolding - Women's Sprint

Beim Laufen noch müde, am Schießstand hellwach: Laura Dahlmeier, 25, nach ihrer Krankheitspause.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Nun wird doch geschossen in Ruhpolding: Laura Dahlmeier wird bei ihrem Comeback beste Deutsche, Franziska Preuss bestätigt die aufsteigende Form der Biathlon-Frauen.

Von Volker Kreisl, Ruhpolding

Am Morgen war alles wie immer am zweiten Januarwochenende in Ruhpolding. Zuschauerkarawanen wanderten ins Trauntal südlich zur Biathlon-Arena, die Sonne schien, der Schnee glitzerte. Gut, es glitzerte doch sehr viel mehr als sonst. Denn es lag derart viel Schnee, dass Wege und Straßen zu schmalen Hohlgassen wurden und überall weiße Berge aus Schiebeschnee aufragten.

Der Biathlonweltcup aber fand statt, und die Sprints boten die gewünschte Spannung und für viele Zuschauer auch das entsprechende Ergebnis: Schon mittags skatete der Breitnauer Benedikt Doll mit zweitbester Laufzeit als Dritter knapp hinter den Brüdern Johannes Thingnes und Tarjej Boe ins Ziel. Am Nachmittag bestätigte sich zwar die Erkenntnis, dass die deutschen Biathletinnen gerade nicht Weltspitze sind, jedoch deutete sich ein Aufwärtstrend an. Die immer noch geschwächte Doppelolympiasiegerin Laura Dahlmeier lief nach ihrer Erkältungspause als beste Deutsche auf Rang neun, sie hatte früh gespürt, dass ihre Kräfte für hohes Tempo noch nicht reichen. "Die Haxn waren einfach blau", sagte sie, traf aber alle Scheiben. Franziska Preuß wurde Zehnte - ihren 46. Sprintplatz in Oberhof hatte sie ja schon mit Rang sechs im Verfolger gekontert. Gewonnen hat den Sprint in Ruhpolding die Slowakin Anastasia Kuzmina.

Die grundlegende Frage vor diesem Ruhpoldinger Biathlon-Weltcup 2019 war aber nicht, wer gewinnt oder aufs Treppchen kommt, wer sich nach Formkrisen zurückmeldet und wer sportlich abstürzt, acht Wochen vor der Weltmeisterschaft in Östersund in Schweden. Was die Menschen in Ruhpolding die Tage zuvor diskutierten, war die Frage, ob so ein Weltcup, der ja auch ein lautes Wintervolksfest ist, überhaupt stattfinden soll, wenn wegen zu viel Schnees der Katastrophenfall ausgerufen ist, und die Menschen in den Bergtälern Angst haben um die Unversehrtheit von Angehörigen und ihren Häusern. Ob man diesen Weltcup gut finde, "wenn ein paar Kilometer weiter eine akute Krisensituation herrscht", hatte Landrat Siegfried Walch vieldeutig erklärt, "muss jeder für sich selber bewerten."

Der Schnee lag wie überall in den Nordalpen hüfthoch auf Wiesen und Dächern, die Straße zur Arena ist zurzeit eine Sackgasse, wegen der großen Lawine, die in Richtung Reit im Winkl ins Tal gefahren war. Reit war wegen weiterer Schneemassen zwischendurch fast komplett abgeschnitten. Und über Schleching im Nachbartal, wo der Ex-Biathlet Andreas Birnbacher zu Hause ist, hängt seit Tagen ein gefährlich großes Schneefeld, der Ortsteil Raiten wurde deshalb am Mittwoch evakuiert. Dass der Sport hinter all dem im Prinzip zurückstehen müsse, erklärten auch die Veranstalter. Den Schnee auf Dächern, Strecken und Wegen und auch die zehntausend Kubikmeter auf der Haupttribüne hätten ausschließlich die 150 Skiklub-Mitglieder weggeschippt, sagte Arena-Manager Engelbert Schwaiger, und keine ausgebildeten Katastrophenhelfer, "die woanders gebraucht wurden".

War es dennoch pietätlos, gleich neben einem Lawinengebiet großen Wintersport zu feiern? Die Ruhpoldinger haben sich um Zurückhaltung bemüht, weniger Karten ausgegeben, und sich natürlich seitens des Landratsamts die Sicherheit in ihrem Tal bestätigen lassen. Zu gravierenden Schäden war es bis dahin in der Gegend noch nicht gekommen. Im Sport wurde schon öfter die Chance verpasst, nach Katastrophen Größe durch den Verzicht auf ein Spektakel zu zeigen, in diesem Fall war es wohl nicht nötig.

Die Männerteams nutzten den zusätzlichen freien Tag, um sich nach den Rennen in Oberhof zu erholen, ihr Sprint war ja von Mittwoch auf Donnerstag verlegt worden. Gewinner war dann unter anderem Doll als Dritter, der seine verschiedenen Talente immer besser zusammenbringt. Im Laufen lag er schon immer weit über dem Durchschnitt, und im Schießen ist es ihm gelungen, mehr und mehr seinen alten Fehler abzustellen: den beim hektischen ersten Schuss. Das Problem: Stattdessen verfällt er nun manchmal in ungewollte Nervosität beim letzten Schuss, sagt er: "Das ist einfach der psychologisch schwierigste Treffer." Seine zehnte von zehn Sprintkugeln ging mal wieder daneben. Doll arbeitet daran.

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