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Bayer 04 Leverkusen:Nicht aus Pappe

Zweifachtorschütze Kai Havertz (links) im Zweikampf mit Gladbachs Matthias Ginter.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Leverkusen gewinnt das Verfolgerduell bei Borussia Mönchengladbach mit 3:1 - auch dank Kai Havertz' Doppelpack.

In einem phantasievollen Trickfilm, der dann bestimmt den Korschenbroicher Kurzfilmpreis gewänne, sähe man die 12.993 lebensgroßen Pappzuschauer mit den Gesichtern der Fans von Borussia Mönchengladbach auf allen vier Tribünenseiten im Laufe des Spiels zum Leben erwachen: wie sie sich die Haare rauften, als Bayer Leverkusen durch Kai Havertz zwei Mal in Führung ging, wie sie enttäuscht pfiffen, als ihr Angreifer Breel Embolo früh verletzt vom Feld musste, wie sie den zwischenzeitlichen Ausgleich durch Marcus Thuram bejubelten und schließlich alle Hoffnung aufgaben, als Sven Bender mit dem dritten Leverkusener Tor neun Minuten vor Schluss Bayers 3:1 (1:0)-Sieg klarmachte. Es war ein rheinisches Derby, das echtes Publikum verdient gehabt hätte, doch die Pappkameraden mussten stillstehen und reglos akzeptieren, dass Leverkusen den 13. Sieg im 15. Pflichtspiel nach der Winterpause errang und Gladbach in der Tabelle überholte. Im Kampf um die Champions-League-Plätze war es für die Borussen eine schmerzhafte Niederlage.

Im zweiten Spiel nach der Corona-Pause hat Havertz seinen zweiten Doppelpack geschnürt, auch beim 4:1 in Bremen waren ihm bereits zwei Treffer gelungen. Die Branche geht ja davon aus, dass er Bayer am Ende dieser Saison verlässt, und so sehr die Leverkusener über seine Form erfreut sind, so sehr bedauern sie manchmal, wie stark er seiner eigenen Karriere zuliebe derzeit aufdreht. "Wir müssen weiterhin alles raushauen", sagte Havertz über die Leverkusener Ambitionen auf die Champions-League-Qualifikation und mochte sich nicht über seine eigene Zukunft äußern. "Da werden wir am Ende der Saison eine Lösung finden", sagte er, was irgendwie klang, als könne er sich, zumal bei einer Qualifikation für die Champions League, vielleicht doch einen Verbleib in Leverkusen vorstellen.

Der 20-Jährige ist Deutschlands derzeit größtes Talent und tat den Gladbachern in der ersten Halbzeit früh zwei Mal weh: In der 6. Minute trat er Embolo unabsichtlich gegen den Fuß, weil dieser ihm in die Schussbewegung hineingegrätscht war. Embolo musste sechs Minuten später ausgewechselt werden, stand also noch auf dem Feld, als Havertz das 1:0 für die Gäste erzielte: Er erlief einen Pass in die Tiefe vom Mitspieler Karim Bellarabi und tunnelte Gladbachs Torwart Yann Sommer.

Die Borussen, die nach dem 2:1 gegen Köln noch vor der Saisonunterbrechung und dem 3:1 in Frankfurt am vergangenen Wochenende gern auch ihr drittes Geisterspiel gewonnen hätten, brachten nach vorne zunächst wenig zustande. Kurz vor der Pause hatten sie zwei Mal hintereinander Glück: als Havertz den Ball aus kurzer Distanz an die Latte löffelte und als Kerem Demirbay den Abpraller aus noch kürzerer Distanz auch nicht im Tor unterbrachte, weil Gladbachs Innenverteidiger Nico Elvedi auf der Linie klärte.

Die Gastgeber kamen angespitzt aus der Pause, was man im leeren Stadion gut an ihrer lauteren und hitzigeren Kommunikation hören konnte. Sie wollten die Defizite der ersten Hälfte mit mehr Elan kompensieren und ernteten den Lohn, auch für die Umstellung auf eine Dreierkette, mit dem 1:1 in der 52. Minute. Alassane Pléa schlenzte zu diesem Zweck einen Ball in den Strafraum und in den Lauf von Marcus Thuram, der aus vollem Lauf technisch perfekt einschoss.

Leverkusen aber ist eine stets gefährliche Mannschaft, die immer lauert und jederzeit zupacken kann. Nur drei Minuten nach Gladbachs Ausgleich sprintete Bellarabi in den Strafraum und schoss am Gladbacher Tor vorbei, wurde beim Schuss aber von Elvedi behindert, was der Schiedsrichter Sören Storks spontan als Elfmeter wertete und sich in der Ansicht am Monitor auch bestätigt sah. Havertz verwandelte den Strafstoß in der 58. Minute zur erneuten Leverkusener Führung. Es war sein 34. Bundesliga-Tor im 112. Bundesliga-Spiel. Mittlerweile soll sich Real Madrid für ihn interessieren.

"Leverkusen war vor dem Tor eiskalt", lobte hernach Gladbachs Außenverteidiger Stefan Lainer - nach dem finalen Kopfballtor von Sven Bender. "Die drei verlorenen Punkte tun uns weh", fand Lainer und bedauerte, dass die visuelle Unterstützung der Pappfans nichts genützt hat, "weil es schon super ausschaut". Im Gästeblock waren tatsächlich auch ein paar Leverkusener Figuren angebracht, dafür ist sich die Borussia nicht zu schade. Bayers Trainer Peter Bosz zeigte sich mit der Leistung seiner Mannschaft sehr zufrieden, "wir haben mit viel Mut gespielt, haben hoch verteidigt und haben es sehr gut umgesetzt." Die Leistung von Havertz relativierte der Niederländer wie eh und je. "Er war ein bisschen besser als gegen Bremen, ist aber nur ein Teil unseres Systems und war nur einer von 14 guten Spielern." (Da Bosz nur zweimal wechselte, fragt man sich, wer der 14. Mann war.)

Gladbachs Trainer Marco Rose fand die Niederlage "sehr bitter - wir wollten das Ding nach dem Ausgleich gerade übernehmen, als es kurz später einen Elfmeter gab, über den man diskutieren kann." Man müsse sich die verlorenen Punkte nun in den kommenden Spielen unbedingt wiederholen. Am Dienstag führt sie der Spielplan nach Bremen. "Dort wollen wir es besser machen", sagte Rose.

© SZ vom 24.05.2020

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