Basketball:Smarter Schütze

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Basketball: Auch in der Defensive erfolgreich: Andreas Obst (li.) bedrängt Ludwigsburgs Trainersohn Jacob Patrick.

Auch in der Defensive erfolgreich: Andreas Obst (li.) bedrängt Ludwigsburgs Trainersohn Jacob Patrick.

(Foto: Mladen Lackovic/Imago)

Andreas Obsts Dreier sind der Garant für den dramatischen Sieg der Bayern-Basketballer gegen Ludwigsburg. In seiner Bestform sieht sich der 25-jährige Nationalspieler noch nicht - auch wegen einer Corona-Infektion, die ihn kurz vor Saisonbeginn bei seinem neuen Klub ausbremste.

Von Sebastian Winter

Die vier Ludwigsburger Fans hatten sich am vergangenen Sonntag nach ihrer rund zweieinhalbstündigen Autoreise Richtung München richtig gefreut. Der Ausflug war als Geburtstagsgeschenk für einen der Mitfahrer gedacht. Nur leider musste das Quartett nach seiner Ankunft am Audi Dome feststellen, dass gar keine Zuschauer zum Basketballspiel des FC Bayern München gegen ihren Herzensklub, die MHP Riesen Ludwigsburg, zugelassen waren. Pech gehabt, die Corona-Regeln in Bayern sind eben doch etwas strenger als im benachbarten Baden-Württemberg. Nach einem kleinen Fußmarsch um die Halle herum zogen die Anhänger traurig davon.

Ludwigsburgs treue Seelen dürften sich auch im Nachhinein ziemlich geärgert haben über ihre fehlende Weitsicht und das Einlassverbot, denn sie hatten ein rassiges, spannendes, hochklassiges Spiel verpasst, in dem die abwehrstarken Gäste den Tabellenführer aus München am Rand einer Niederlage hatten. Zwei Sekunden vor Schluss hatten sie noch mit 78:77 geführt - bis Deshaun Thomas' Wurf sein Ziel fand und die Bayern wenig später erleichtert zu Boden sanken. "Wir waren acht Tage unterwegs, es war unser achtes Spiel binnen 18 Tagen. Ich will nur meinen Spielern gratulieren, dass sie gewinnen konnten, auch ohne eine gute Leistung", sagte Münchens ebenfalls recht gezeichneter Trainer Andrea Trinchieri im Anschluss an das Herzschlag-Finale.

Einer der Garanten des Erfolgs klang tags darauf schon wieder ziemlich entspannt am Telefon. Andreas Obst nutzte den freien Tag, den Trinchieri seinem Team geschenkt hatte, um den Stress der vergangenen Wochen abzuschütteln. "Ein bisschen spazieren gehen, frische Luft schnappen, Kaffee trinken, bei mir zu Hause aufräumen", so lautete Obsts Tagesplan. Ausgerechnet der 25-jährige Dreierspezialist, der nach seinem Wechsel zum FC Bayern im vergangenen Sommer noch nicht wirklich angekommen schien, war mit 18 Punkten Topscorer der Münchner, versenkte fünf seiner sechs Dreier-Versuche, war so lange auf dem Spielfeld für seinen neuen Klub wie nie zuvor - und schnappte sich auch drei Rebounds unter dem eigenen Korb. Dass der Nationalspieler keiner ist, der sich selbst gerne lobt, zeigt allein schon diese Aussage über seine erfolgreiche Trefferquote gegen Ludwigsburg aus der Distanz: "Ich kann damit ganz gut leben."

"Die Euroleague ist Neuland für mich, ich habe Lehrgeld gezahlt und hatte danach nicht so gute Laune", sagt Obst

Dafür bekam Obst von beiden Trainern Komplimente. Ludwigsburgs Coach John Patrick sah in Obst den ausschlaggebenden Faktor für die Niederlage der Riesen in München. "Seine Spezialität ist das Shooting. Er ist ein Sniper", ein Scharfschütze auf dem Feld also: "Leider haben wir unsere Strategie gegen ihn ein bisschen vergessen", sagte Patrick. Trinchieri, der Obst bereits in Bamberg zwischen 2014 und 2016 trainierte, fand noch weitaus wärmere Worte: "In Belgrad war es tragisch mit ihm, weil er es nicht geschafft hat, nützlich fürs Team zu sein. Aber weil er sehr smart ist und demütig, kam er heute sehr fokussiert ins Spiel und hat eine tolle Leistung gezeigt. Ich bin wirklich sehr glücklich und stolz auf ihn." Trinchieri spielte auf die knappe Euroleague-Niederlage gegen die Serben vom vergangenen Freitag an, als Obst, der vor seinem Wechsel nach München nie in der Euroleague gespielt hatte, an seine Grenzen stieß. "Die Euroleague ist Neuland für mich, ich habe Lehrgeld gezahlt und hatte danach nicht so gute Laune", sagte Obst am Montag selbst.

Auf seinem Top-Level sieht er sich ohnehin noch nicht, auch wegen einer Corona-Infektion, die ihn kurz vor Saisonbeginn außer Gefecht setzte. Dreieinhalb Wochen lang konnte Obst, der zuvor bei den Olympischen Spielen zweitbester Korbschütze der Deutschen war, die erst im Viertelfinale gegen Europameister Slowenien um Superstar Luka Doncic vom NBA-Klub Dallas Mavericks ausschieden, nicht trainieren. "Das raubt dir die Grundlagenausdauer, und man kann sie nur schwer wieder reinholen bei unserem engen Spielplan."

Der freie Montag hat Obst jedenfalls gut getan, "jetzt kann ich endlich mal die Beine hochlegen", hatte er schon kurz nach dem Schlusspfiff gegen Ludwigsburg gesagt. Obsts Beine werden noch gebraucht, wie auch seine Würfe - schon am Donnerstag im Euroleague-Heimspiel gegen Baskonia Vitoria-Gasteiz.

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