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Basketball:"Weckt mich nicht auf"

Vier Euroleague-Siege in Serie: Den Basketballern des FC Bayern München gelingt unter der Anleitung von Trainer Andrea Trinchieri ein Traumstart. Dank leidenschaftlicher Defensive wird auch Olympiakos Piräus entzaubert.

Von Christian Bernhard, München

Der Basketball-Trainer Andrea Trinchieri spricht gerne in Bildern. In einem Interview verglich er sich kürzlich mit einem alten Mann an der Nordsee, "der mit einem Kopfhörer und einem Detektor am Strand läuft und Metall sucht". So gehe es ihm mit Titeln, erzählte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, und betonte, dass er sich seinen Job nicht mehr vorstellen könne, ohne von Meisterschaften zu träumen. Für die Trophäensuche ist es jetzt, nach erst wenigen Saisonspielen und der großen Ungewissheit, was die nächsten Monate in Sachen Corona bringen werden, noch zu früh. Was Trinchieri allerdings schon gefunden zu haben scheint, ist das passende Defensivkonzept für seine Münchner Mannschaft.

Denn die Verteidigung des FC Bayern ist aktuell so gut, dass sich daran auch die europäischen Basketballgrößen die Zähne ausbeißen. Am Freitagabend erging es Olympiakos Piräus, dem Euroleague-Sieger von 2012 und 2013, nicht anders. 74:68 (39:34) gewann das Münchner Team im heimischen Audi Dome und zeigte dabei, wie Trinchieri urteilte, sein "bislang komplettestes Defensivspiel". Olympiakos, das so wie die Bayern mit nur einer Euroleague-Niederlage in die Spitzenpartie gegangen war, hat in dieser Saison nur gegen Zalgiris Kaunas noch weniger Punkte erzielt (67). Den Bayern bescherte der Sieg einen Rekord: vier Euroleague-Siege in Serie waren ihnen zuvor noch nie gelungen. Zusammen mit Kaunas und dem FC Barcelona führen die Münchner (vier Siege, eine Niederlage) nach fünf Spieltagen die Euroleague-Tabelle an. "Weckt mich nicht auf", sagte Trinchieri zum Traumstart seiner Mannschaft.

Die Bayern gingen von Beginn an energiegeladen zu Werke und zogen - mitgerissen von Kapitän Nihad Djedovic, der alleine in den ersten sieben Minuten acht Punkte erzielte - im zweiten Viertel auf 31:22 davon. Die erfahrenen Griechen ließen sich jedoch nicht abschütteln: Spielmacher Kostas Sloukas, der nach fünf Jahren bei Fenerbahce in seine Heimat zurückgekehrt ist und kürzlich sein 250. Euroleague-Spiel bestritten hat, dirigierte die Piräus-Offensive, Shaquielle McKissic (11 Punkte) bescherte dem FCB mit seinem Zug zum Korb mehrmals Probleme. Die Folge: In Minute 25 war plötzlich Piräus erstmals in Führung (50:49). Trinchieri war nun auch auf Betriebstemperatur, Zan Sisko und Djedovic bekamen das Temperament des Italieners lautstark und begleitet von bösen Blicken zu spüren.

Lohn des Einsatzes: Die "Götter des Basketballs" wurden vom Olymp geholt

Der Rückstand zeigte Wirkung bei den Bayern - und zwar im positiven Sinne. Sie taten fortan das, was Trinchieri am liebsten von ihnen sieht: leidenschaftlich und gnadenlos zu verteidigen. Das hemmte die Griechen, die in den finalen 15 Spielminuten nur noch 18 Punkte erzielten. "Wir haben nicht genug gefightet", sagte Olympiakos-Trainer Georgios Bartzokas. "Bayern war einfach auf allen Positionen bereit, mehr zu kämpfen." Piräus' schwache Quote von der Dreierlinie (21 Prozent) und die Tatsache, dass die Gäste mehr Turnovers als Assists verbuchten, waren die Folge der aggressiven und leidenschaftlichen Münchner Defensivarbeit. Die drei Piräus-Spieler Sloukas, Georgios Printezis und Vassilis Spanoulis, die Trinchieri vor der Partie als "Götter des Basketballs" in den Himmel gelobt hatte, erzielten zusammen nur 15 Punkte. Speziell Spanoulis, der beste Punkte- und Assist-Mann der Euroleague-Geschichte, kam mit der energischen FCB-Defensive nicht zurecht (drei Turnovers, 0 von 4 von der Dreierlinie).

Ausschlaggebend war "die Energie und die Konzentration, die wir in der Verteidigung gezeigt haben", betonte der Münchner Trainer. Beides habe sein Team in den letzten 15 Minuten nochmal nach oben geschraubt. Trinchieri wollte keinen seiner Spieler hervorheben - auch nicht Wade Baldwin, der nicht nur der punktbeste Spieler des Abends war (18), sondern auch in der kritischen Phase im dritten Viertel offensiv voran ging. "Das war ein Mannschaftssieg", betonte Trinchieri und nannte stellvertretend dafür JaJuan Johnson, der Scorerpunkte sammeln könne, "aber sich das ganze Spiel der Verteidigung und dem Rebound gewidmet hat". Das Rebound-Spiel der Münchner war ebenfalls ein Schlüssel zum Sieg. Gegen eines der "besten Teams beim Offensivrebound" (Zitat Trinchieri) sicherten sich die Bayern, angeführt von Jalen Reynolds, der sich unter den Körben sehr gut behauptete, sowohl offensiv als auch defensiv mehr Rebounds (33:28).

"Wir spielen gut und wir spielen hart. Das ist das Wichtigste", sagte Baldwin, der in der vergangenen Saison noch für Olympiakos aufgelaufen war. Kapitän Djedovic betonte, die Mannschaft wisse nun, dass sie auch gegen die starken Gegner mithalten könne. "Jetzt müssen wir gesund bleiben und mit maximalem Fokus weitermachen." Gefragt ist das schon am Sonntag und Montag, wenn es für die Bayern in Weißenfels in der Pokal-Vorrunde gegen den Mitteldeutschen BC (Sonntag, 18 Uhr) und die Merlins Crailsheim (Montag, 20.30 Uhr) weitergeht. Die Spiele sollen ausgetragen werden, auch wenn bei Alba Berlin, Bonn und Bayreuth die nächsten Partien corona-bedingt ausfallen. Nach der Auftaktniederlage gegen Bayreuth haben die Münchner die Qualifikation für das Top Four allerdings nicht mehr selbst in der Hand. Trinchieris Titel-Detektor schlägt womöglich nicht an.

© SZ/bkl/Grö
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