Baseball:Sie können es doch

Baseball: Seit die Locken von Zac Treece durch den Eglfingr Ballpark fliegen, läuft es für die München-Haar Disciples.

Seit die Locken von Zac Treece durch den Eglfingr Ballpark fliegen, läuft es für die München-Haar Disciples.

(Foto: Clauc Schunk/Claus Schunk)

Im letzten Spiel der Hauptrunde schaffen die Haar Disciples den Einzug in die Meister-Playoffs, nun wollen sie mit den Regensburg Legionären den Süden im Kampf um die Meisterschaft würdig vertreten

Von Christoph Leischwitz

Über diese Flugeinlage werden sie noch lange reden bei den München-Haar Disciples. Sie war ja an sich schon spektakulär, doch angesichts der Situation noch viel bedeutungsvoller. Denn es handelte sich am Sonntagnachmittag um die letzte Aktion der Saison, und sie bescherte den Münchnern den Einzug in die Playoffs. Der Baseball-Bundesligist aus dem Münchner Osten war als Tabellenvierter beim Fünften angetreten, den Mannheim Tornados. Die hatten die erste Partie recht deutlich 14:6 für sich entschieden. Der Sieger der zweiten Partie würde als Vierter in die Playoffs einziehen, der Verlierer ist raus. Haars Pitcher Zac Treece hatte schon 116 Würfe abgefeuert und nur zwei Punkte zugelassen. Doch nur ein schlechter Wurf und Mannheim könnte ausgleichen - zum 4:4. Und tatsächlich, klack, trifft der Mannheimer Schlagmann den Ball recht gut, er fliegt hoch und weit. Haars Spieler im rechten Outfield, Juan Infante, sieht ihn kommen und sprintet Richtung Fangzaun, dann hebt er ab, mit dem Gesicht Richtung Rasen. Er kann den Ball gar nicht sehen, er kann lediglich abschätzen, wann er am besten seinen Handschuh ausstreckt. Und der Ball fällt tatsächlich hinein. Zwei Mitspieler springen jubelnd in die Luft, das Spiel ist aus, die Disciples haben es geschafft.

Das ist zum einen eine schöne Geschichte für den Venezolaner in Diensten der Münchner, und man könnte sicher noch weitere Anekdoten von der beschwingten Heimfahrt auf der A8 einstreuen. Doch wenn man über das deutsche Baseball-Jahr 2021 spricht, dann hat dieses spannende Spiel um den letzten verbliebenen Playoff-Platz eben auch noch eine andere Ebene: Jene, dass solch sportliche Geschichten überhaupt produziert wurden. Dass es auch abseits der Sportarten mit den großen TV-Verträgen Momente gab, in denen die Pandemie mal für eine Weile in den Hintergrund rückte.

Die Haarer Baseballer ließen sich von der Pandemie nicht stoppen, nur eine Partie wurde verschoben - wetterbedingt

Zumindest in der Südstaffel dieser Randsportart ist man stolz darauf, eine halbwegs normale Saison hinbekommen zu haben. Alle Teams haben 14 Heim- und 14 Auswärtsspiele absolviert. Die Spielzeit begann Anfang April, Saisonverlauf und der genaue Spielmodus waren zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht festgelegt. Doch die Saison wurde von der Pandemie nicht gestoppt, wetterbedingt wurde lediglich eine einzige Partie verschoben, bald schon durften auch wieder Zuschauer in die Ballparks. Die Spitzenteams der Abschlusstabelle sind die üblichen Verdächtigen: Die Heidenheim Heideköpfe, Titelverteidiger aus einer arg verkürzten Saison 2020, schlossen die Staffel als klarer Tabellenführer ab, dahinter stehen die Regensburg Legionäre, die sich ebenfalls den Meistertitel zum Ziel gesetzt haben. Dass sich hinter Stuttgart die Mannheimer und die Haarer ein spannendes Duell um den verbliebenen Playoff-Platz liefern würden, war zunächst nicht abzusehen.

"24. April", sagt Haars Trainer Alex Tufts auf die Frage nach den Gründen, warum es dann doch geklappt hat. An jenem Tag bestritt der aus dem US-Bundesstaat Arkansas eingeflogene Werfer Zac Treece sein erstes Spiel für Haar. Früher hatte er wegen des Lockdowns nicht einreisen dürfen. Und ausgerechnet gegen den hohen Favoriten Regensburg war er entscheidend für den überraschenden Erfolg. "Davor hatten wir einen Sieg bei sechs Niederlagen. Und viele Spieler dachten sich wahrscheinlich schon: Oh Mann, das wird eine lange Saison", erzählt der 31-jährige Coach. "Aber dieses Spiel hat uns gezeigt: Wir können es doch!" Bisweilen wuchs die Mannschaft über sich hinaus. Für zwei der gerade einmal drei Niederlagen Heidenheims waren die Haarer verantwortlich. Kurz: Die Saison hat sich bereits jetzt gelohnt.

In Norddeutschland ist die Hauptrunde in vollem Gange, im Süden sind bereits die Viertelfinalspiele

Nun beginnt allerdings der Teil der Saison, der pandemiebedingt dann doch noch ziemlich verzerrt daherkommt. In Norddeutschland dauerte es nämlich deutlich länger, ehe die Bundesländer den Baseballklubs einen Profistatus zusprachen, deshalb wird die Saison dort auch nur aus 14 Partien bestehen. Im Moment führen die Bonn Capitals ungeschlagen, und während die Teams dahinter ihre Plätze ausspielen, bestreitet man im Süden schon einmal die Viertelfinalspiele. Überhaupt treffen diesmal erst im Finale ein Nord- und ein Süd-Vertreter aufeinander - in einer vom 7. August an geplanten Best-of-five-Serie.

Die Regensburg Legionäre empfangen am kommenden Samstag die Stuttgart Reds für die ersten beiden Partien in der heimischen Armin-Wolf-Arena - und hoffen auf Unterstützung möglichst vieler Zuschauer. Und der Vierte aus Haar reist für die ersten zwei Spiele nach Heidenheim. "Sie werden sich revanchieren wollen", sagt Disciples-Trainer Tufts mit Blick auf die beiden überraschenden Siege gegen die Heideköpfe. Er hört sich dabei allerdings ziemlich gelassen an. So, als ob seine Mannschaft bereit ist, trotz allem noch ein paar weitere schöne Geschichten beizusteuern.

© SZ
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