Baseball-Playoffs:Unsinn zur besten Sendezeit

Die Playoffs der Baseballliga MLB beginnen mit zwei Ausscheidungsspielen - die Boston Red Sox und die Los Angeles Dodgers gewinnen. Der Unterhaltungswert ist hoch, der sportliche Sinn jedoch fraglich.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Einfache Frage eigentlich: Worum geht es im Sport? Man könnte sagen, um die Suche nach den Besten in einer Disziplin, also Gewinnen um jeden Preis. Das hat beim Baseball zum Beispiel dazu geführt, dass in den vergangenen Jahren immer wieder betrogen wurde, die Houston Astros etwa haben ihren Titel 2017 mit unlauteren Mitteln gewonnen und durften ihn dennoch behalten. Man könnte auch sagen: es geht um die Frage, wie schnell der Mensch laufen, wie kräftig er schlagen kann. Auch da hat Baseball ein paar Skandale parat, weil einige Spieler schneller rennen oder härter den Ball prügeln, als der Mensch es eigentlich kann - und dennoch in Rekordbüchern geführt werden. Oder geht es vielleicht einfach nur darum, das Volk zu unterhalten?

Die nordamerikanische Baseballliga MLB hat in dieser Woche zwei Partien abgehalten und sie offensiv beworben: New York Yankees gegen Boston Red Sox, eine der heftigsten Rivalitäten im Sport, beide Vereine und ihre Fans sind einander leidenschaftlich abgeneigt. Am Dienstag, zur besten Sendezeit, sollten die Klubs einen Playoff-Teilnehmer ermitteln - Boston gewann 6:2, durchschnittlich 7,7 Millionen Amerikaner sahen zu.

Dann, einen Tag später: Titelverteidiger Los Angeles Dodgers, zweitbeste Bilanz der Liga und beste der Vereinsgeschichte (106:56), gegen die St. Louis Cardinals, die gerade eine Klubrekord-Siegesserie von 17 Erfolgen nacheinander hingelegt hatten. Es war eine packende Partie, nach mehr als vier Stunden schickte Chris Taylor den Ball auf die Tribüne und die Dodgers ins Viertelfinale; das Volk im größten Baseballstadion der USA auf diesem Hügel im Stadtzentrum von LA war begeistert.

Alles prima also, oder? Keineswegs - sportlich sind diese beiden Partien unsinnig, wie zuletzt eine Verschwiegenheitsvereinbarung mit der CDU/CSU. Man muss sich das noch einmal bewusst machen: Zwischen jeweils 162 Partien für jeden Verein in der regulären Saison und Best-of-Five- und Best-of-Seven-Serien in den Playoffs wurde dieses Interludium geschoben, bei dem jeweils der vierte Teilnehmer der beiden Unterligen (American und National) ermittelt wird, aus denen sich die MLB zusammensetzt. Die Gewinner der sechs Regionaldivisionen sind automatisch qualifiziert, die beiden freien Plätze werden über Entscheidungsspiele zwischen den Nicht-Siegern mit der jeweils besten Bilanz ermittelt. So kann es passieren, dass der Verein mit der zweitbesten Bilanz der gesamten Liga in die Qualifikation muss: weil die San Francisco Giants (107:55) nun mal wie die Dodgers in der National League West beheimatet sind.

Nein, es passiert nicht nur alle 100 Jahre mal, dass ein Verein mit grandioser Bilanz so ein Win-or-go-home-Spiel absolvieren muss. 2015 traten die Pittsburgh Pirates (zweitbeste Bilanz) gegen die Chicago Cubs zum K.-o.-Spiel an und verloren, drei Jahre später mussten die Cubs (zweitbeste Bilanz der National League) und Yankees (Rang zwei in der American League) in Entscheidungsspiele. Dieses System besteht erst seit 2012, und seitdem hagelt es Beschwerden darüber. Denn niemand kapiert so recht, warum es in einer Liga, die sich dafür rühmt, Zufälle über die Anzahl der Spiele weitgehend zu eliminieren, diese Einzelspiele gibt - außer die Betreiber von Sportsendern natürlich, die nun am Dienstag und Mittwoch spannende Inhalte lieferten und dafür mit grandiosen Einschaltquoten belohnt wurden.

Es geht ums Geld, und das fließt nur, wenn die Leute zuschauen. Bis 1994 gab es lediglich vier Playoff-Teilnehmer, vor 1969 gar nur zwei, die direkt die World Series austrugen. Die Expansion auf mittlerweile 30 Vereine verlangte mehr Qualifikanten, weil sonst passiert, was im US-Sport ohne die Abstiegsgefahr ohnehin droht und in der TV-Serie Ted Lasso treffend beschrieben wird: "Sie führen lediglich Bewegungen durch in bedeutungslosen Spielen in halbleeren und leblosen Stadien."

Mehr Teilnehmer bedeuten höhere Spannung am Ende der regulären Saison und mehr Zuschauer. Die Ausscheidungsspiele werden zu Quasi-Finalspielen, das Duell zwischen den Yankees und den Red Sox (spielen nun im Viertelfinale gegen die Tampa Bay Rays) war für Sportkanal ESPN die erfolgreichste Baseball-Übertragung seit 1998. Der Erfolg gibt den MLB-Verantwortlichen recht; vielleicht ist ihnen auch deshalb egal, dass es sportlich fragwürdig weitergeht.

Am Freitag ist die Serie zwischen den Giants und den Dodgers mit dem ersten Spiel gestartet, zur besten Sendezeit. Jawohl, die beiden Vereine mit den besten Bilanzen treten gegeneinander an, im Viertelfinale.

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