bedeckt München

Baseball:Betrug per Mülltonne

Unerlaubt zum Titel getrommelt: die Houston Astros 2017.

(Foto: Alex Gallardo/AP)

Der Skandal um die Houston Astros wird neu aufgerollt. Manager Jeff Luhnow kämpft um seinen Ruf - und will die Schuldigen benannt sehen.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Jeff Luhnow hat die Houston Astros verklagt, der einstige Manager will von der Baseball-Franchise 22 Millionen an ausstehenden Gehältern haben. Klagen mit solchen Summen sind nicht ungewöhnlich im amerikanischen Profisport, und doch ist der Vorwurf ein gewaltiger, weil dadurch einer der größten Skandale in der Geschichte des Baseballs neu aufgerollt wird: Die Astros haben, das ist unbestritten, ihren Titel vor drei Jahren mit unlauteren Mitteln gewonnen und dennoch behalten dürfen. Die Hintergründe dürften nun noch einmal verhandelt werden.

Die Astros hatten damals ihre Gegner ausspioniert. Beim Baseball verabreden Werfer und Fänger per Fingerzeig eine Strategie. Der Fänger deutet an, dass er zum Beispiel einen Fastball mit 160 km/h haben möchte; der Werfer schüttelt so lange den Kopf, bis er sieht, was er für die beste Lösung hält. Dann nickt er, und es geht los. Für einen Schlagmann, der die Art und möglicherweise sogar die Richtung des Wurfes kennt, ist dies in etwa so, als würde der Torwart beim Elfmeter wissen, wohin der Schütze zielen wird.

Laut Akten wurde der Manager zum Sündenbock erklärt

Die Astros hatten im Außenbereich des Heimstadions eine Kamera installiert, die diese Zeichen filmte und sogleich auf einen Monitor nahe der Astros-Ersatzbank sendete. Dort wurden sie dechiffriert und an den eigenen Schlagmann weitergegeben - per Trommelzeichen auf einen Mülleimer mit einem Baseballschläger. Ein Schlag bedeutete einen Wurf mit viel Drall (Curveball), zwei Schläge signalisierten eine langsame Variante, Ruhe war das Zeichen für einen Fastball. 57,5 Prozent aller Würfe in der Saison 2017 waren Fastballs, deshalb gab es oft keinen Schlag zu hören.

Es war einerseits ein ausgebuffter technischer Betrug; andererseits war er aufgrund der Trommelei auch recht simpel, in einer Baseballarena herrscht dauernd Gemurmel und Gebrüll, da fielen die Schläge nicht auf. Die Astros wurden Meister, im entscheidenden siebten Spiel der Finalserie besiegten sie die Los Angeles Dodgers mit 5:1. Es war ihr erster Titel der Vereinsgeschichte, 55 Jahre nach der Gründung.

Bereits damals hatte es Spekulationen über möglichen Betrug gegeben, weil die Astros in den Playoffs acht von neun Heimspielen gewonnen und dabei erstaunlich gut getroffen hatten. Spieler diverser Vereine warnten einander vor den Machenschaften der Astros - aber auch der Boston Red Sox. Alex Cora, 2017 Assistenztrainer in Houston, war seit 2018 Chefcoach in Boston, er soll als Mastermind der Spionage diese Praxis mitgebracht haben. Die Red Sox gewannen 2018 den Titel. Es dauerte bis November 2019, bis die Journalisten Ken Rosenthal und Evan Drellich eine Geschichte auf dem Portal The Athletic veröffentlichten. Kronzeuge war Werfer Mike Frers, 2017 bei den Astros unter Vertrag.

Untersuchungen der Profiliga MLB begannen, auch Fans veröffentlichten Videos, bei deren Betrachtung man sich wundern musste, wie man den Betrug hatte verpassen können. Die MLB rühmte sich für eine laut Ligachef Rob Manfred "wirklich gewissenhafte Recherche". 70 Leute wurden befragt, 70 000 Emails durchforstet. Der Skandal wurde eingeordnet als eine der großen Betrugsgeschichten des amerikanischen Sports, und die Frage lautete: Würde die Strafe ausfallen wie beim Dopingbetrug des Radprofis Lance Armstrong (Aberkennung aller Titel)? Oder wie beim Deflategate der New England Patriots 2014, die Luft aus Footbällen gelassen hatten (sind noch immer Super-Bowl-Gewinner)?

Das Ergebnis: Die Astros hatten betrogen, durften den Titel aber behalten. Sie mussten fünf Millionen Dollar Strafe zahlen und das Wahlrecht in den jeweils ersten beiden Runden der Talentbörse 2020 und 2021 abgeben. Für die Spielzeit 2020, in der die Dodgers den Titel gewannen, wurden Manager Jeff Luhnow und Trainer A.J. Hinch suspendiert (die Astros hatten sie entlassen), ebenso Cora (den die Red Sox rauswarfen). Nicht bestraft wurden die Spieler - ihnen wurde für die Kooperation mit den Ermittlern Immunität zugesichert - sowie Astros-Eigentümer Jim Crane.

Hinch hat kürzlich bei den Detroit Tigers einen Dreijahresvertrag als Chefcoach erhalten, die Red Sox haben Cora wieder eingestellt. Luhnow dagegen ist immer noch ohne Verein und sieht sich als Sündenbock des Skandals. Bei den Ermittlungen der MLB hieß es nämlich, dass er zwar nicht in den Betrug eingeweiht gewesen sei und auch keine aktive Rolle gespielt habe, jedoch als Manager über die Vorgänge im Verein hätte Bescheid wissen müssen.

Luhnows Klage ist interessant, weil sie nahelegt, dass es kein objektives Urteil von MLB-Chef Rob Manfred gegeben habe, sondern laut Gerichtsakten eine "verhandelte Lösung" zwischen Manfred und Crane: "Es hat dem Klub ermöglicht, den Titel zu behalten und Crane öffentlich von Schuld freizusprechen. Luhnow war der Sündenbock eines Betrugs, von dem er weder gewusst noch dazu beigetragen hatte." Weiter heißt es: "Crane und die Astros durften 2020 einen Kader aufs Feld schicken, der Meisterschaftskandidat war und zum vierten Mal in Serie das Halbfinale erreichte."

Dies sind die Vorwürfe, die auch Beobachter der Liga machen, zumal Manfred keine gute Figur beim Umgang mit dem Skandal abgab: So begründete er seine Entscheidung "mit der langen Tradition im Baseball, nichts zu ändern, was passiert ist". Er wolle transparent mit den Ergebnissen umgehen: "Die Fans sollen ihre eigene Entscheidung treffen." Übersetzt heißt das wohl: Die Leute können denken, was sie wollen; in sämtlichen Annalen sind die Astros als Meister vermerkt.

Es geht also nicht um 22 Millionen Dollar. Es geht Luhnow um einen öffentlichen Freispruch, um einen Schuldspruch für die Täter - und um eine Bloßstellung Manfreds, der zu den Forderungen nach Aberkennung des Titels und Rückgabe der Trophäe gesagt hatte: "Es ist ziemlich nutzlos, ein Stück Metall zurückzufordern oder ein Sternchen anzubringen." Der Vorteil für Luhnow: Ein Urteil wird diesmal nicht die Liga fällen, sondern ein Bezirksgericht in Texas.

© SZ vom 22.11.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema