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Autobiografie:Indisches Salär

Wie Moritz Fürste ohne Rummel Hockey-Weltstar wurde.

Von Jörg Marwedel

Autobiografien sind oft geschönte Lebensläufe, nicht aber bei Moritz Fürste. Der zweimalige Hockey-Olympiasieger, Welt- und Europameister, der 2018 die Karriere bei seinem Stammverein Uhlenhorster HC mit knapp 34 Jahren beendete, hat ein sehr kritisches Buch mit dem Journalisten Björn Jensen verfasst - nicht nur in Bezug auf seine persönliche Entwicklung. Bereits der Titel "Nebenbei Weltklasse" deutet an, dass es im Vergleich zu dem mit Geld vollgepumpten Fußball schwer ist, Weltklasse fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu erreichen. Dass der von der Stiftung Deutsche Sporthilfe geförderte durchschnittliche Spitzenathlet nur 626 Euro netto beziehe, hält Fürste für einen Witz. Wenn der Dschungelkönig fünfmal so viel Geld gewinne wie ein Olympiasieger, so argumentiert er, müsse sich keiner wundern, dass der deutsche Sport den Anschluss verliert.

Er selbst, schreibt Fürste, habe sein Marketingstudium nur durchziehen können, weil er mehrmals für sechs Wochen in der indischen Hockey League gespielt habe - für ein ansprechendes Salär. Streng geht er mit der Politik um. Diese versäume es, aus erfolgreichen Athleten Botschafter zu machen und den Sport auf eine Stufe mit Kultur und Bildung zu stellen: Es reiche nicht, "sich alle vier Jahre bei der Fußball-Weltmeisterschaft in der Kabine zu zeigen". Das Motto des meinungsstarken Ex-Kapitäns (289 Länderspiele) lautet: "Just in time." Mit dieser Maxime war er in entscheidenden Momenten in Bestform - ebenso wie er im richtigen Augenblick zu feiern wusste.

Moritz Fürste: Nebenbei Weltklasse. Edel Books. 2018. 19,95 Euro.

© SZ vom 12.05.2020
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