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Andrea Petkovic:"Tennis ist eine griechische Tragödie"

Ein Gespräch über falsche Helden, echte Gleichberechtigung und die Angst vor dem Karriereende.

Der Vorhang geht auf, schwungvoll herein schreitet Andrea Petkovic, gleich mit einem Lächeln für die Bedienung im "Radieschen". Das Restaurant in Darmstadt besucht sie gern, es liegt nicht weit entfernt von ihrem Zuhause, sie schätzt die vegetarische Küche. Gerade verbringt die 32-Jährige einige Wochen in Deutschland, ehe sie im Januar zu ihrer 15. Saison als Tennisprofi aufschlägt. Wird es ihre letzte sein? Ein neues Kapitel beginnt bereits an diesem Sonntag, wenn Petkovic erstmals als ZDF-Moderatorin durch die Sendung "Sportreportage" führt (17.10 Uhr), am 8. Dezember folgt ihr zweiter Einsatz. Ein Gespräch über Tennis, einen Zweitjob hinter der Kamera und ein Zweitleben in New York.

SZ: Frau Petkovic, bekannt war bislang, dass Sie an einem Buch schreiben und nach Ihrer Tenniskarriere eigentlich Schriftstellerin werden wollten. Jetzt gehen Sie zum Fernsehen. Was ist denn da passiert?

Andrea Petkovic: Ich fühle mich immer noch eher als Schriftstellerin, das Schreiben macht mir jede Menge Spaß, auch wenn ich dabei regelmäßig Nervenzusammenbrüche habe. Aber dann wurde ich von einem Redakteur angesprochen. Der sagte, sie suchten nach einer weiblichen Fernsehmoderatorin für die Sportreportage und dachten, das könnte ja mal eine Sportlerin machen. Das fand ich interessant.

Fällt es Ihnen leicht, vor der Kamera zu stehen? Liveauftritte sind Sie als Tennisprofi ja gewohnt.

Das erste Casting war ganz schrecklich! Beim zweiten war ich entspannter, da bin ich wohl schon mit dem Fatalismus der Gescheiterten angetreten. Dann ging's. Inzwischen hatte ich natürlich Moderationstraining und habe dabei schnell gemerkt, man schreibt anders für Bücher als fürs Sprechen am Teleprompter. Schachtelsätze funktionieren nicht.

Was ist größer: die Angst vor dem Doppelfehler oder vor dem Versprecher?

Es ist gar nicht so sehr die Angst vor dem Versprechen. Eher die Sorge, dass ich mich bei Namen, Zahlen oder Sportstätten verhaue. Dass ich Klassiker fabriziere wie "Schalke 05" oder "Mainz 06". Das treibt mich am meisten um, vor allem als Frau, da hat man es im Sport ja nicht immer leicht.

Wenn Sie nun die Perspektive wechseln, von der Profisportlerin zur Sportmoderation: Ist das für Sie schon ein Abnabelungsprozess nach 14 Jahren auf der Tour?

Ja. Meine ersten Gedanken in dieser Hinsicht kamen im Alter von 28 Jahren, als ich eine kleine Krise hatte. Ich habe gemerkt, dass mir Tennis allein nicht mehr reicht, auch wenn ich es immer noch liebe, auch wenn ich nicht bereit bin, es aufzugeben. Ich habe gespürt, dass ich mir noch ein zweites Standbein aufbauen muss. Damals ging es los, dass ich angefangen habe zu schreiben und zu veröffentlichen. Mir war es wichtig, nach dem Tennis nicht in ein Loch zu fallen. Ich wollte auf einem Bein landen - und nicht Gesicht voraus.

Ist das die letzte große Herausforderung für jeden Athleten, die Karriere so zu beschließen, dass man möglichst unfallfrei ins normale Leben einritt?

Ich denke schon. Ich habe mit einigen Kollegen darüber gesprochen, und viele haben mir von dem Vakuum, in dem sie sich wiederfanden, erzählt. Anfangs fühlen sie sich ein paar Wochen lang super, wie im Urlaub. Dann merkten sie, dass ihnen die Routine fehlte. Und damit kamen die Fragen: Was mache ich nach dem Aufstehen? Wohin gehe ich? Davor hatte ich Angst.

"Training brauch ich nicht fürs Leben. Aber Matches könnte ich spielen, bis ich 55 bin!"

Pensionärsprobleme, durchlebt schon im Alter von 32 Jahren ...

... ja, wir müssen einen Weg gehen, den jeder Mensch geht, wenn er aus dem Berufsleben ausscheidet. Nur bei uns geht das schon mit Ende zwanzig los. Körperlich sind wir dann ja tatsächlich schon auf dem Stand eines Sechzigjährigen, wenn man an die Gelenke und den Rücken denkt. Im Ernst: Mir fällt das Training schwer, das brauche ich nicht für mein Leben. Aber Matches könnte ich spielen, bis ich 55 bin! Die Matches liebe ich, dafür mache ich den Sport.

Andrea Petkovic

Andrea Petkovic zählt zu den erfolgreichsten deutschen Tennisspielerinnen der vergangenen 15 Jahre. Die 32-Jährige wurde in Tuzla im heutigen Bosnien und Herzegowina geboren. Als sie sechs Monate alt war, wanderte ihre Familie nach Deutschland aus. Über ihren Vater Zoran, einen Tennislehrer, kam sie zu ihrer Sportart. In ihrer Karriere gewann Petkovic sechs Turniere auf der WTA Tour, 2011 erreichte sie als Neuntplatzierte die Top Ten der Weltrangliste, 2014 stand sie im Halbfinale der French Open. Bislang verdiente sie rund sieben Millionen Euro Preisgeld. Petkovic lebt in Darmstadt und hat sich auch als Autorin für Magazine einen Namen gemacht. Im kommenden Jahr soll ihr erstes Buch, eine Autofiktion, erscheinen. SZ

Im Fernsehen sieht der Zuschauer Sie als die temperamentvolle, die fröhliche, die eloquente deutsche Spitzenspielerin. Sie sprachen von Krisen: Wie haben Sie die Tiefen Ihrer Karriere erlebt, die Verletzungen, die Einsamkeit auf der Tour?

Jetzt kann ich ja mit Humor darüber reden. Natürlich gibt es dunkle Phasen, in denen man sein ganzes Leben in Frage stellt. Aber es härtet auch ab, es stärkt, wenn man da durchgehen muss. Im Tennis erlebt man als Spieler jede Woche eine Niederlage - jedenfalls dann, wenn man nicht Roger Federer oder Novak Djokovic heißt -, und das geht ans Selbstbewusstsein und nagt am Selbstwertgefühl. Heute weiß ich, dass ich nicht allein mit diesem Dilemma bin. Kennen Sie Andre Agassis Tennis-Memoiren? 350 Seiten lang geht es darum, wie sehr er Tennis hasst, wie schrecklich und einsam sein Leben ist, dass er sogar in den Drogenkonsum abrutscht wegen des Tennis. Aber es gibt da eine sehr hübsche Anekdote: Als er Steffi Graf kennenlernte, hat er ihr angeblich sein Leid geklagt. Und da hat Steffi - so die Legende - wohl zu ihm gesagt: Welcome to the Club! Wir fühlen uns alle so!

Was war die schwerste Phase Ihrer Karriere bislang?

Schlimm war, als ich drei Verletzungen direkt nacheinander hatte: Stressfraktur im Rücken, Bänder- und Meniskusverletzung. Das hat mir den naiven Glauben genommen, dass alles wieder gut wird. Als Kind hat man ja dieses Urvertrauen, diese Zuversicht - zumindest wenn man so eine schöne Kindheit hatte wie ich. Dieses Urvertrauen hilft auch bei Niederlagen, das braucht man als Profi auf dem Platz. Aber Verletzungen können einem diesen Glauben nehmen. Am Ende hilft nur, etwas zu finden, an das man glaubt: Irgendwann, irgendwo gewinne ich wieder!

Über die psychischen Belastungen wird im Profibereich relativ wenig gesprochen. Müsste sich der organisierte Sport generell mehr der Verantwortung stellen und Athleten in mental schwierigen Momenten kompetente Hilfe anbieten?

Ich würde mir das wünschen. Erst vor wenigen Wochen war der 10. Todestag von Robert Enke. Man spricht ein paar Tage über das Thema, aber dann verschwindet es leider wieder. Das Problem liegt soziologisch wohl tiefer. Sportler sind die einzigen Superhelden der Gesellschaft: perfekt gebaut, kräftig, gut aussehend, gut gelaunt. Genau so will man sie sehen. Das einzige, was man ihnen zugesteht, ist ab und zu ein Wutausbruch - aber auch das ist ja kraftvoll, energiegeladen und wird damit eher positiv interpretiert. Was keiner sehen will, ist Schwäche. Ich würde mir wünschen, dass sich das ändert. Wenn Sportler ihre Probleme offensiver ansprächen, würde das auch Leuten, die gern Sport anschauen, Mut geben, sich selbst Hilfe zu suchen, wenn sie diese brauchen.

Wenn die Gesellschaft Sportler als Superhelden ansieht, ist das die eine Seite. Aber halten sich Sportler auch selbst für unverwundbar?

Sie erhalten dieses Bild zumindest oft aufrecht. Bei uns Tennisspielern ist es ja sogar so, dass man vor dem Gegner bluffen muss. Wir spielen eins gegen eins. Und nicht nur die Zuschauer können die Regungen der Rivalen im Gesicht ablesen, Zweifel, Freude, Ärger, das kann der Gegner auf der anderen Seite ebenfalls. Also muss man eine Fassade aufrechterhalten - auch wenn man sich möglicherweise anschließend verschämt einen Psychologen sucht.

Unternimmt der Tennissport in dieser Hinsicht genug?

Sicherlich könnte da mehr passieren. Bei den Turnieren der Frauentour, bei der WTA, steht immer eine Psychologin zur Verfügung. Aber lange war es so, dass sich der Raum der Psychologin direkt neben dem Massageraum befand. Wenn eine Spielerin bei der Psychologin anklopft, sitzen zwanzig Frauen bei der Physiotherapeutin und schauen ihr zu. Da ist es natürlich wenig hilfreich, wenn sie am nächsten Tag gegen eine von denen spielt.

Generell gilt das Frauentennis im Sport als vorbildlich, was den Status, den Bekanntheitsgrad der Spielerinnen auf der WTA-Tour im Vergleich zu den Männern betrifft. Wie erleben Sie diese Rollenverteilung?

Ich glaube, es wird langsam besser. Im Tennis kreist diese Geschlechterdebatte ja meist um die Preisgeldfrage. Die Öffentlichkeit denkt, dass wir gleich viel verdienen - stimmt aber nicht. Gleiches Preisgeld erhalten wir Frauen nur bei den vier Grand-Slam-Turnieren im Jahr. Auf der normalen WTA-Tour verdienen wir ein Drittel dessen, was die Männer beziehen. Ich plädiere deshalb stark dafür, das einfach umzukehren: Gleiches Preisgeld für Männer und Frauen auf der Tour, wo wir den Großteil des Jahres antreten, denn da spielen Männer und Frauen ja auch im selben Modus, über zwei Gewinnsätze. Dafür könnten die Männer dann halt bei den Grand Slams mehr bekommen, weil sie ja da über drei Gewinnsätze spielen. Das würde viel Ärger aus der Debatte rausnehmen.

Ein ungewöhnlicher Vorschlag. Wie kommt der an bei der Frauen-Tour?

Ich habe das letztens im WTA-Meeting vorgebracht, und alle haben mich angestarrt. Ich weiß ja selbst, dass sich das Rad nicht zurückdrehen lässt. Aber diese Lösung würde mehr den Realitäten entsprechen. Und wir hätten ein schönes gesamtgesellschaftliches Symbol: Seht her, im Tennis werden alle für die gleiche Arbeit gleich bezahlt! Ich hätte noch weitere Vorschläge ...

Petkovic denkt an Karriereende 2020

"Es gibt dunkle Phasen, in denen man sein Leben in Frage stellt. Aber es härtet auch ab": Andrea Petkovic, hier im März 2019 in Stuttgart.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

... die wollen wir auch hören!

Ich habe mir überlegt: Es wäre toll, wenn man im Laver Cup noch zwei Frauen pro Team nominieren würde. Und vielleicht auch eine zusätzliche Frau als Coach. Erstens würde diese Mischbesetzung das Turnier weiter als Marke absetzen, es ist ja ein Wahnsinns-Event. Zweitens würde es die Teams von der Spielstärke her ausgleichen, denn jetzt tritt eine Europaauswahl gegen eine Weltauswahl an, und die hat keine Chance gegen Männer wie Federer, Nadal, Zverev und Djokovic, wenn er spielt. Beim Team Welt könnten nun aber Serena Williams aus den USA und Naomi Osaka aus Japan mitmachen. Und dieses Format würde auch eine wichtige gesellschaftspolitische Botschaft entsenden.

"Venus Williams musste den Sexismus ertragen. Sie hat die Steine aus dem Weg geräumt"

Dann müssen Sie Federer mal anrufen, der organisiert ja den Laver Cup.

Ich habe mir schon eine Email von zwei der Investoren des Laver Cups besorgt. Und ich hoffe, dass ich ihn in Australien treffen kann.

Wenn Sie sich so generell im Sport umsehen, inwieweit sind Frauen gleichberechtigt? Mal abgesehen vom Gehaltsgefälle?

Sie bekommen jedenfalls nicht die gleiche Aufmerksamkeit. Nehmen wir die Fußball-WM der Frauen im Sommer als Beispiel: Die Spielerinnen waren sensationell gut, aber natürlich von der Konstitution her kleiner, schwächer als die Männer. Wenn jemand sonst nur Männer-Bundesliga guckt, dann glaubt er, dass das Spiel langsamer, weniger kraft- und kampfbetont ist - schon wird der Frauenfußball ungerecht abgewertet. Dabei müsste man es wie im Boxen betrachten, wo man das Fliegengewicht auch nicht an der Klitschko-Schwergewichtsklasse misst. Ich würde mir wünschen, dass man den Sport in seiner Komplexität würdigt.

Missstände wie Diskriminierung, Rassismus, Sexismus hat zuletzt die Weltfußballerin Megan Rapinoe sehr vernehmlich angesprochen, und mit ihrem US-Team wegen fehlender Lohngleichheit auch gleich den eigenen Verband verklagt. Welchen Einfluss hat eine Athletin wie Rapinoe als moralische Instanz?

Megan Rapinoe ist deshalb so wichtig, weil sie Attribute mitbringt, die man sonst mit Männern assoziiert: die Autorität, das Selbstbewusstsein, das Auf-den-Tisch-hauen. Und der sportliche Erfolg untermauert ihre Position. Sie muss dabei aber auch, weil sie US-Präsident Trump kritisiert, enorme Kritik aushalten, die ihr zum Beispiel in den sozialen Medien entgegenschlägt. Diese Toughness, diese Härte fehlt uns im Tennissport noch: Denn wer wird denn bei den Frauen ein Superstar? Diejenigen, die entweder wahnsinnig gut sind wie Serena Williams und alle Rekorde brechen. Oder diejenigen, die wahnsinnig gut aussehen. Dazwischen wird es schwierig - deshalb ist Megan Rapinoe die perfekte Kombination.

Im Tennis hat Serena Williams die Rolle als Frauenkämpferin übernommen; sie vermarktet sich auch entsprechend.

Aber eigentlich finde ich, dass ihrer älteren Schwester Venus dafür mehr Anerkennung gebührt. Am Anfang war sie die Symbolfigur meiner Generation: Sie war es, die unter anderem das gleiche Preisgeld für Frauen wie Männer bei den Grand-Slam-Turnieren erkämpft hat. Venus ist die ältere der beiden Schwestern, sie musste den Rassismus, den Sexismus ertragen. Ich will damit nicht sagen, dass der Weg einfach war für Serena als schwarze Frau, als tennisspielende Mutter, die heute als Pop-Ikone für politisch-relevante Themen dasteht. Aber Venus hat viel getan, um ihr die größten Steine wegzuräumen.

Sehen Sie sich generell als Feministin?

Ich habe mich nie als Feministin definiert. Aber wenn ich etwas höre, das in Richtung Frauenfeindlichkeit geht, sage ich schon mal: Ich bin Feministin, was babbelst du mich hier voll? Dann benutze ich das Wort Feministin als Abgrenzung. Auch um klar zu machen: Hier ist Schluss, ich diskutiere nicht über Vorurteile! Ich habe im Urlaub die beiden feministisch-philosophischen Bücher von Margarete Stokowski gelesen, hintereinander weg. Es war schockierend, so komprimiert auf einen Schlag lesen zu müssen, wie massiv Frauen im Alltag, in der Politik, in der Wirtschaft noch zu kämpfen haben. Immerhin verändert sich einiges zum Besseren, sei es beim Thema Klima, Frauenrechte, gesellschaftliche Debatten.

Verfolgen Sie als Frau, die die Welt bereist, die ständig beruflich unterwegs ist, die Schlagzeilen in Deutschland? Es wird gerade viel über die Verrohung, über die Zerrissenheit der Gesellschaft diskutiert. Wie blicken Sie auf Ihre Heimat?

Diese Entwicklung nach rechts, ins Rechtsradikale fast schon, das hat mich ehrlich überrascht und traurig gemacht. Ich habe eine Sache, gerade mit dem Blick der Migrantin, immer bewundert an Deutschland. Dass sich die Deutschen mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt haben und den Mut hatten, sich davon zu befreien und einen neuen Weg zu gehen in eine offene, tolerante Gesellschaft - das hat mir immer imponiert. Das sehe ich bedroht, und das tut mir wahnsinnig leid.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Ich glaube, das ist auch ein Symptom des gesellschaftlichen Wandels. Viele Leute haben Angst vor grundlegenden Veränderungen, und die Angst schlägt ins Negative um. Das ist eine komplett irrationale Reaktion. Ein Beispiel: Ich bin ja sehr oft in Amerika. Ich sage dann immer: Deutschland steht so viel besser da in vielen Hinsichten! Ich brauche in Deutschland theoretisch kein Auto, ich könnte überall mit Bus und Bahn hinfahren, in Amerika gibt es meistens auf dem Land überhaupt keine öffentlichen Verkehrsmittel. Ich bin krankenversichert. In New York haben alle meine Freunde eine Handynummer von orthodoxen Juden, die Krankenwagen fahren, weil sie aus religiösen Gründen jeden abholen müssen. Denn wenn meine Freunde einen Unfall haben, wenn sie vom Rad stürzen und sich das Bein brechen, dann müssten sie den normalen Klinik-Krankenwagen aus eigener Tasche zahlen. Ein Krankenhausaufenthalt mit OP ist so teuer, dass manche ein Leben lang die Rechnung abbezahlen. Und das in Amerika, in einem westlich-zivilisierten Land!

Moderatorin Petkovic neu im ZDF

„Das erste Casting war schrecklich, beim zweiten war ich entspannter.“ Petkovic beim Test für ihre erste Moderation der Sportreportage am Sonntag.

(Foto: Torsten Silz/dpa)

Sie sind stets nach Darmstadt zurückgekommen. In der Geschichte der deutschen Tennisprofis ist das ungewöhnlich: Steffi Graf, Boris Becker sind ins Ausland gegangen. Angelique Kerber lebt in Polen, Alexander Zverev in Monaco, Philipp Kohlschreiber in Kitzbühel.

Ja, Julia Görges und ich sind die Ausnahmen. Aber ich fühle mich hier gut aufgehoben. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, vielleicht typisch deutsch, aber ich liebe sie! Ich war mal nicht zu Hause, und irgendwelche Leute standen vor meinem Haus in einem Kleinbus herum und haben mein Haus angeguckt. Drei Nachbarn kam das komisch vor und sie haben die Polizei verständigt. Nicht ein Nachbar, drei! Die Polizei hat dann bei meiner Familie angerufen, und die hat nach dem Rechten geschaut. Was ich damit sagen will: Für so etwas zahle ich gern Steuern - das ist ein kleiner Preis für die Sicherheit und Geborgenheit, die ich hier spüre. Mein Freund wohnt zwar in Amerika, für mich wäre es ein Leichtes umzuziehen. Aber mein Ziel ist schon, in Deutschland zu leben.

Ihr Freund ist Geiger. Sie selbst verbringen ebenfalls viel Zeit in New York. Wie hat man sich Ihr Leben in den Künstler- und Intellektuellenkreisen vorzustellen?

Wenn ich in New York bin, vergesse ich, dass ich Tennisspielerin bin. Da bin ich ganz Schriftstellerin. Ich treffe mich mit meinen Freunden morgens zum Frühstück, wir tauschen uns aus. Viele arbeiten an irgendwelchen Projekten. Dann bin ich inspiriert, gehe heim und schreibe zwei oder drei Stunden. Später am Nachmittag treffen wir uns wieder. Ich weiß, das klingt jetzt wie das alte Künstler-Klischee: In Cafés sitzen, rauchen, reden - und am nächsten Tag sind drei Bücher, ein Theaterstück und ein Musikstück entstanden ...

... das klingt zumindest wie das komplette Gegenteil zum Profisport.

Es ist die Kultur, die ich nicht leben kann, weil ich immer reise und viel unterwegs bin - mit Leuten, die ich dafür bezahle, dass sie mit mir unterwegs sind (lacht). Deshalb genieße ich diese drei, vier Wochen in New York, wo ich mich austauschen kann und das kreative Leben mitmachen kann. Durch das Racquet Magazine, für das ich schreibe, habe ich auch Zugang zu Medienleuten, die für Esquire oder Vanity Fair arbeiten. Berühmte Schriftsteller habe ich übrigens leider noch nicht getroffen. Jonathan Franzen und Jonathan Safran Foe wohnen in Prospect Heights in Brooklyn, und ganz in der Nähe auch Paul Auster. Ich bin da mal drei Tage rumgestiefelt, in der Hoffnung, dass ich denen über den Weg laufe ... hat nicht geklappt (lacht). Es ist also nichts geworden aus meiner schönen Vision, einen Schriftstellerfreund zu treffen, an den ich mich wenden kann, wenn ich mal steckenbleibe.

"Tennis ist Theater! Wie eine griechische Tragödie"

Sind Sie für Ihre Freunde in New York noch die Sportlerin - oder bereits die Intellektuelle?

Nein, da gelte ich als die Sportlerin. Die nennen mich immer: Brooklyn Tennis Legend! Mit dem Hintergrund, weil in Brooklyn eh niemand Tennis spielt (lacht).

Immerhin haben Sie dieses Jahr für Furore gesorgt in den USA mit einer Ihrer Kurzgeschichten ...

... ja, ich hatte zuerst gedacht: Das ist Quatsch. Aber dann habe ich mir den Sammelband gekauft, in dem ich erwähnt bin, und das ist schon cool. Es gibt in den USA jedes Jahr vier solcher "Best of"-Sammelbände in den Kategorien: Short stories, Essays, Reportage, Sport stories. Ins Buch schaffen es immer zehn bis 15 Texte. In der Endausscheidung waren es noch mal 20, die sind im Register verzeichnet. Da war ich dabei.

Und mit welchem Text?

Mit "Tennis vs. Tennis", den ich fürs Racquet Magazine geschrieben hatte. Ich bin mit einer Indie-Band namens "Tennis" auf Tour gegangen und habe die Tennistournee mit dieser Musiktournee verglichen. Wir waren eine schräge Combo: Die Sängerin hatte einen riesen Afro. Einer sah aus wie Boris Becker als Hipster. Und ich hatte einen Leopardenmantel an. So sind wir auch durch die Redneck-Gebiete gefahren. Immer wenn wir an eine Tankstelle kamen, haben die skeptisch gefragt: "You guys a baaand?" Allen war's peinlich, aber ich hab's ausgelebt und fröhlich bestätigt: "Yeah, we're a baaand!"

Im Herbst 2020 soll Ihr Buch erscheinen: eine Art fiktive Autobiografie - oder Autofiktion -, angelehnt an Ihre Kolumnen. Wollen Sie irgendwann auch auf Englisch schreiben?

Das ist mein Traum. Mein momentaner Lieblingsschriftsteller George Saunders hat einen Creative Writing Kurs in Syracuse im Staat New York. Ich hoffe, dass ich den Kurs irgendwann besuchen kann - nach der Tenniskarriere.

Apropos Karriereende: Wie stellen Sie sich den perfekten Abschied vom Sport vor? Haben Sie schon ein Skript für das letzte Match auf dem Tennisplatz?

Also, ich habe mal ein Buch der Performance-Künstlerin Marina Abramovic gelesen, das hat mich zu einer Tennis-Performance inspiriert: Meine Idee war ein Schaukampf zwischen zwei Tennisgrößen, etwa Serena Williams gegen Maria Scharapowa, vor vollem Haus. Nach dem ersten Satz steht plötzlich einer im Publikum auf und hält einen Monolog - aus einem griechischen Drama. Dann stehen immer mehr Leute auf und halten bekannte Monologe. Zum Schluss gehen alle Scheinwerfer an und ein bekannter Schauspieler zitiert Hamlet (lacht). Um zu zeigen: Tennis ist Theater! Wie eine griechische Tragödie.

Und Ihr Part?

Das muss ich noch überlegen. Eine Weile spiele ich ja noch. Aber vorsichtshalber: Falls jemand jetzt meine Idee klaut, werde ich ihn verklagen!