American Football:Vom Phantom zum Profi

Moritz Böhringer

Auf dem Weg in die beste Football-Liga der Welt: der Stuttgarter Passempfänger Moritz Böhringer, 22.

(Foto: Manfred Löffler/dpa)

Lange wussten die Football-Späher nicht einmal, dass es ihn gibt. Jetzt wird Moritz Böhringer aus Stuttgart als erster Europäer direkt von einem NFL-Klub verpflichtet.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Phantom, das ist der Spitzname von Moritz Böhringer, seit er vor ein paar Wochen an einem Probetraining der nordamerikanischen Football-Profiliga NFL in Florida teilgenommen hat. Es ist ein respektvoll gemeintes Kompliment. "Vielleicht habe ich ein paar Leute beeindruckt", sagt der 22 Jahre alte, 1,94 Meter große und 102 Kilogramm schwere Passempfänger mit leiser, tiefer Stimme. Das hat er in der Tat: Bei der so genannten Draft, bei der die Talente auf die 32 NFL-Teams verteilt werden, sicherten sich am Samstag die Minnesota Vikings seine Dienste. Böhringer wäre der fünfte Deutsche, der in der kommenden Saison in der NFL aufläuft, vor allem aber ist er der erste Europäer, der direkt von einem NFL-Team verpflichtet wurde - ohne vorher auf einer High School oder einem College in den USA ausgebildet worden zu sein. Dass er nicht in der amerikanischen Football-Kultur aufgewachsen ist, machte ihn zum Phantom.

In den USA haben sie so einen Athleten wie ihn selten zuvor bei einem Nachwuchstraining gesehen - vor allem keinen, von dem viele Späher nicht einmal wussten, dass es ihn überhaupt gibt. Böhringer hat erst vor vier Jahren mit diesem Sport angefangen, über den Bezirksligisten Crailsheim Titans kam der in Stuttgart geborene Maschinenbau-Student zu den Schwäbisch Hall Unicorns in die German Football League (GFL). In den USA gilt die allenfalls als drittklassig.

Doch beim Probetraining offenbarte er sein Potenzial. Ein kräftiger Bursche, der die 40 Yards in 4,43 Sekunden sprintet, aus dem Stand 99 Zentimeter hoch und 3,33 Meter weit springt. Der bei anderen Laufübungen dafür sorgte, dass die Späher die Funktionstüchtigkeit ihrer Stoppuhren prüften. Der jeden Ball fing, der in seine Richtung geworfen wurde. "Ohne Gegenspieler sollte das ja auch kein Problem sein", sagt er bescheiden. Als die Späher Verteidiger auf Feld schickten, die Druck ausüben sollten, fing Böhringer trotzdem jeden Ball. "Na ja, ich wusste, was ich zu tun hatte. Das habe ich getan", sagt er.

Böhringer verfügt über all jene Football-Eigenschaften, die nicht oder nur schwer zu trainieren sind: Größe, Kraft, Grundschnelligkeit, Ballgefühl. Etliche Teams haben ihn in den vergangenen Wochen noch einmal zu sich eingeladen, um zu testen, ob er sich auch komplizierte Spielzüge merken kann und wie er auf spontane Änderungen reagiert. "Er ist ein sehr schlauer Junge, versteht Football mit all seinen Laufwegen, muss aber natürlich noch viel lernen", erklärte Vikings-Trainer Mike Zimmer, warum er Böhringer auswählte.

"Ich kann nicht beschreiben, wie ich mich derzeit fühle", sagte dieser am Samstag, "ich bin einfach überwältigt und glücklich, gedrafted worden zu sein." Und das auch noch von seinem erklärten Lieblingsklub, den Minnesota Vikings. Vor fünf Jahren hat er deren Running Back Adrian Peterson mal in einem Youtube-Video gesehen. "Der hat mir gefallen", sagt Böhringer: "Es wäre eine große Ehre für mich, gemeinsam mit ihm auf dem Feld zu stehen." Das darf er jetzt.

© SZ vom 02.05.2016
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