America's Cup:"Wir haben in den Lauf eines Gewehrs geblickt"

Die US-Mannschaft mit Skipper Jimmy Spithill gewinnt den 34. America's Cup nach einem irrwitzigen Comeback. Mehr als 100.000 Zuschauer drängen sich in der Bucht von San Francisco und sehen ein dramatisches letztes Rennen. Das Scheitern der Neuseeländer rührt viele zu Tränen.

Von Jürgen Schmieder, San Francisco

Der beeindruckendste Moment beim 34. America's Cup war nicht der, in dem das neuseeländische Boot beinahe umkippte. Es war auch nicht der, in dem sich die beiden Katamarane beim ersten der insgesamt 19 Rennen beinahe über den Haufen fuhren. Es war nicht der Blick auf den Rennkurs in der Bucht von San Francisco vorbei an der Golden Gate Bridge, Alcatraz und Treasure Island und auch nicht die Zieleinfahrt des amerikanischen Bootes am Mittwoch, die eines der unfasslichsten Comebacks in der Geschichte des Segelns komplettierte.

Der beeindruckendste Moment war der, als der neuseeländische Skipper Dean Barker die Bühne betrat. Er und sein Konkurrent vom amerikanischen Team der USA, Jimmy Spithill, können sich ungefähr so gut leiden wie die Fans von Dortmund und Schalke. Da stand Barker nun, er hatte gerade innerhalb einer Woche eine 8:1-Führung verspielt und den America's Cup doch nicht gewonnen - und sollte irgendetwas sagen.

"Team Oracle war phänomenal und erstaunlich", sagte er, "sie haben verdient gewonnen. Wir haben alles da draußen gegeben und können stolz auf uns sein. Danke schön!" Viele Zuschauer weinten, auch solche mit Amerika-Fahnen um die Hüften. Einer sagte: "Ich würde die Organisatoren verpflichten, einen zweiten Cup anzufertigen - und beiden Mannschaften einen geben."

Neuseeländer im Pech

Es war bemerkenswert, wie sich die Sicht auf diesen America's Cup innerhalb von drei Wochen geändert hat. Vor Beginn des Duells zwischen Neuseeland und den USA galt die Veranstaltung als gescheitert, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Es gab kleine (die Italiener boykottierten Rennen) und große (Renndirektor Iain Murray änderte in Eigenregie die Regeln) Skandale, dazu eine Tragödie (der Brite Andrew Simpson vom schwedischen Team kam bei einem Trainingsunfall ums Leben). Und zu den Ausscheidungsrennen kamen kaum Zuschauer.

Nun, nach dem letzten Rennen, durfte Larry Ellison, der in den vergangenen Monaten oftmals geschmähte Software-Milliardär und Sponsor des amerikanischen Teams, den Menschen in San Francisco zurufen: "Diese Regatta hat das Segeln für immer verändert. Zum ersten Rennen kamen mehr Zuschauer als zu allen bisherigen Rennen des Cups insgesamt. Es war ein atemberaubendes Spektakel auf dem Wasser. Viele Menschen haben sich nicht für Segeln interessiert - doch sie tun es jetzt." Es war keine siegestrunkene Aussage, sondern die Wahrheit.

Dieser 34. America's Cup wird noch lange in Erinnerung bleiben . Das liegt an den packenden Rennen, die sich die Erzfeinde Barker und Spithill lieferten, am Comeback der Amerikaner. Vor allem aber am dramatischen Scheitern der Neuseeländer: Zwei Mal hatten sie jeweils bei einem Rennen geführt, bevor es wegen irregulärer Bedingungen abgesagt wurde. Ein Mal fuhren sie auf die Ziellinie zu - und wurden wegen Überschreitung des Zeitlimits (größtenteils eingeführt wegen Fernsehverträgen) gestoppt.

Techniker basteln nächtelang

Es war eine Dramaturgie, die einem Hollywood-Drehbuchautor wegen Absurdität und Kitsch um die Ohren gehauen worden wäre: Die US-Mannschaft - ohnehin mit zwei Minuspunkten aufgrund von Manipulationen bei zurückliegenden Wettfahrten belegt - lag scheinbar aussichtslos zurück und kämpfte mit einem Boot, das vor allem im Gegenwind einfach zu langsam war. Nach ein paar Tagen nahm Spithill gar eine Auszeit, um sich und seine Mannschaft zu ordnen.

"Es war fantastisch", sagte Spithill nach der Regatta über die Entwicklung seiner Mannschaft: "Wir haben in den Lauf eines Gewehrs geblickt und nicht einmal gezuckt. Ich hätte es mir nicht anders gewünscht als so."

Die Techniker bastelten nächtelang am Hightech-Katamaran, sie veränderten Segel und Konfiguration - plötzlich war das amerikanische Boot das schnellere und erreichte im Gegenwind fast 32 Knoten (60 Stundenkilometer). Dazu unterliefen den Neuseeländern taktische Fehler, und natürlich gab es ausgerechnet immer wieder dann Unterbrechungen und Verlegungen, wenn die Kiwis dabei waren, endlich den letzten nötigen Punkt zu erreichen.

Das führte dazu, dass es am Mittwoch zum dritten Mal in der Geschichte nach 1920 und 1983 zu diesem entscheidenden Rennen kam, zu einem Hochgeschwindigkeits-Showdown in der Bucht von San Francisco. Mehr als 100.000 Menschen wollten dieses Duell sehen, die Sicherheitsleute schickten Zuschauer zu Hügeln in der Innenstadt, weil es an den Piers zu voll war. Dazu hatten zwei Kreuzfahrtschiffe angelegt, um ihren Passagieren einen Blick auf dieses Rennen zu gewähren.

Dieses letzte Duell war zunächst von Spannung geprägt. Neuseeland gewann den Start, zudem tauchten die Amerikaner bei der ersten Wendemarke weit ins Wasser (Spithill: "Wir wollten es ein bisschen aufregender für die Zuschauer machen."). Es gab drei Führungswechsel, ein Mal sah es gar so aus, als würden die beiden Boote kollidieren.

Auch mutige Manöver Barkers helfen nicht

Dann jedoch wurde die Schnelligkeit des amerikanischen Bootes deutlich, Dean Barker konnte trotz einiger mutiger Manöver nicht mehr aufholen. "Es war ein fantastisches Rennen", sagte Spithill nach dem Duell, das seine Mannschaft mit 44 Sekunden Vorsprung gewann: "Danke an San Francisco, das ist ein unglaublicher Tag."

Es wird vieles in Erinnerung bleiben von diesem 34. America's Cup, auch die sündhaft teuren Katamarane, die bei der nächsten Veranstaltung wohl nicht mehr eingesetzt werden. Es soll mit billigeren Booten gesegelt werden, damit sich mehr Mannschaften die Herausforderer-Runde zutrauen. Es wird auch erwogen, dass auf dem Boot eines bestimmten Landes nur Segler mit dieser Staatsbürgerschaft agieren dürfen. Auf dem amerikanischen Siegerboot 2013 segelte nur ein Amerikaner - und sieben Neuseeländer.

An all diese Dinge will Dean Barker freilich nicht denken. Er hat den America's Cup im Jahr 2000 als Ersatzmann gewonnen, als Skipper unterlag er 2003 und 2007 und beschrieb die Wochen danach als jeweils "schlimmsten meines Lebens". Bei allem Respekt vor dem Comeback der Amerikaner sollte nicht vergessen werden, wie sich dieser Dean Barker, der den Siegern so sportlich gratulierte, in den kommenden Tagen fühlen wird.

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